Irgendwie habe ich es mit Bahnhöfen. Vielleicht ist Hagen von Ortloffs „Eisenbahn-Romantik“ schuld oder der Umstand, dass ich an diesen Verschiebepunkten unserer modernen Massengesellschaft viel Zeit verbringe. In der Regel unfreiwillig.
Ein kleiner städtischer Bahnhof, an den ich mich neulich wie Strandgut antreiben ließ, machte auf mich einen besonderen Eindruck. Das lag nicht an der spätbundesrepublikanischen Tristesse, also dem Nebeneinander von altehrwürdiger Bausubstanz und brachialem Betonbrutalismus – beide nur vereint im gemeinsamen Schicksal des Verfalls –, es war nicht der gewöhnliche Siff, die Graffitis, die herumlungernden Asozialen – nein: Es war das völlige Fehlen dessen, was man als „behindertengerechte“ oder „barrierefreie“ Lösung bezeichnet. Unzählige betonierte Treppenstufen lagen zwischen mir und meinem ansonsten fußläufig zu erreichenden Ziel. Die bauliche Beeinträchtigung hätte mich als gesunden Mann keinesfalls gestört, sie wäre mir womöglich nicht aufgefallen, wäre ich allein unterwegs gewesen…
Nun, „was tun?“, um den Buchtitel eines mir ideologisch nicht gerade nahestehenden Theoretikers zu bemühen, der in den letzten Jahren seines Lebens wohl ebenfalls seine liebe Not mit der Zugänglichkeit des besagten Bahnhofs gehabt hätte, dessen Handlungsmöglichkeiten allerdings wesentlich umfassender gewesen wären als die meinen (inklusive Maßnahmen, die sich wohl nur schwer mit der FDGO vereinbaren ließen).
In der festen Annahme, nichts, aber auch wirklich gar nichts damit zu erreichen, verhielt ich mich wie ein mündiger Bürger der Späten Bundesrepublik, öffnete die Website der Stadtverwaltung, scrollte mich durch albtraumhaft infantile Hinweise auf die Vielfältigkeit von Dödelhausen, auf das „kulturelle Angebot“, die Möglichkeiten zur Partizipation für „Bürger*innen“, und stieß schließlich auf eine Telefonnummer. „Das ist meine Partizipation, ihr ***“, dachte ich mir und tippte die Zahlen ins Telefon…
Am anderen Ende erklang eine Stimme, die mir in Erfüllung meiner vorurteilsgespeisten Erwartungen einen befriedigenden Schauer über den Rücken jagte: Ich hatte es mit einer mittelalten bis alten Frau zu tun, die – darauf würde ich Geld wetten – sich durch eine graue Igelfrisur und einen kecken Seidenschal optisch und habituell in die Legion der Verwaltungsfachangestellten einfügte, die ich im Laufe meines Lebens immer und immer wieder bezwingen, abdrängen oder umgehen musste, um banalste bürokratische Akte zu bewältigen.
Wir müssen an dieser Stelle unbedingt näher auf diesen Typus eingehen: In jeder, wirklich jeder öffentlichen Verwaltung, vom Pfarramt, dem Schulsekretariat, dem universitären Prüfungsamt, bis eben hin zur Stadtverwaltung von Dödelhausen, sitzt diese Art von Frau. Sie kann nichts, sie weiß nichts, und je mehr Rentenpunkte sie gesammelt hat, desto unverschämter wird sie. Im sozialdemokratischen Managerialismus sind die Mails, die einer Beantwortung harren und das dauerläutende Telefon kein Ausweis schlechter Arbeitsleistung, nein: Sie sind Macht. Frau X, und nur Frau X allein, kann entscheiden, welche Anliegen behandelt werden und welche Bedürfnisse bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag auf die Bearbeitung oder gar Rückmeldung warten.
Fühlt sich Frau X dazu bemüßigt, einen Sachverhalt aufzulösen, dann dürfen wir uns nicht der Illusion hingeben, dass hier wirklich jemand arbeiten würde. Nein, gearbeitet wird im sozialdemokratischen Managerstaat, den die Späte Bundesrepublik wie kein anderes Land verkörpert, sowieso kaum noch. Frau X leitet das Anliegen stattdessen lediglich weiter, überhaupt trägt Frau X keine Verantwortung für irgendwas. Ihr antiquierter Telefonapparat verfügt über eine Reihe von Durchwahl-Nummern zu Abteilung Y oder Referat Z, manchmal drückt Frau X so eine Taste. Innerlich atmet sie dann auf, der besorgte Bürger kann sich nun mit einer anderen Verwaltungsstelle herumschlagen.
Nachdem mich Frau X während meines ersten Anrufes mit einer solchen anderen Abteilung verbinden wollte – und mich stattdessen wegdrückte –, versicherte sie mir bei meinem zweiten Anruf, dass die Stadt schon lange über die Situation des Bahnhofs informiert sei. Nur leider, leider, leider könne man da nichts machen, das liege letztendlich an der Deutschen Bahn, und überhaupt, und ob sie mich nicht mit Abteilung Y, Referat Z verbinden solle? Ja? Nein? Vier Minuten Warteschleife. Leerzeichen.
Alles in diesem Land wird schlechter, seit der Verwaltungsapparat abgekoppelt von jeder realwirtschaftlichen oder -demografischen Entwicklung wuchert und damit als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für „ledige Tanten“ fungiert, deren Schnittmenge mit SPD-Wählerinnen sehr groß ist. Frau X hat mehr Macht als ein mittelständischer Unternehmer, sie hat mehr Entscheidungsgewalt als der Inhaber eines Lehrstuhls oder der Kommandeur einer Panzerbrigade. Gibt es irgendwo ein Problem, dann wird Frau X ganz sicher dafür sorgen, dass das so bleibt.
Es sind übrigens die Abarten von Frau X, die spät-bundesrepublikanische Richterämter bekleiden und dort regelmäßig Mörder und Vergewaltiger freisprechen oder als moppelige Unteroffiziere ihre Rekruten schikanieren („Gefreitaaa Fechtäää, für Sie immaaa noch STABSunteroffizier, is dess klaaa?!“) oder als Gleichstellungsbeauftragte ein Parasitendasein führen.
Natürlich gibt es auch Herrn X, aber der ist nichts weiter als eine Frau X mit Bart. Letztendlich ist das auch egal. Der Bahnhof Dödelhausen wird für Rollstühle, Kinderwagen und „behindernde“ Vehikel noch in tausend Jahren unpassierbar bleiben. Frau X von der Stadtverwaltung wird die Schuld der Deutschen Bahn geben, Frau X von der Deutschen Bahn wird die Schuld der Politik geben, Frau X aus der Politik wird die Schuld dem Klimawandel, Trump, der AfD oder den Russen geben, und ich bin mir sicher, am Ende bin ich es selbst, der die Verantwortung trägt. Keine Ahnung. Ich bin müde. Können wir nicht einfach Frau X abschieben und endlich wieder ein funktionierendes Land werden?
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