โCancel Cultureโ โ dieser Begriff dominiert seit Langem den politischen Diskurs. Wenn einer Person des รถffentlichen Lebens etwas Unangenehmes oder Unangebrachtes โ in weltanschaulicher und damit moralischer Hinsicht, versteht sich โ รผber die Lippen kommt, und sei es nur die kleinste Meinungsรคuรerung, kann es sein, dass jene Person ihren Job oder ihre Stelle verliert: Sie wird โgecanceltโ, gekรผndigt. Dieses Phรคnomen ist in einer Gesellschaft mit strengen moralischen Vorstellungen nichts Ungewรถhnliches, und fรผr unsere Zeiten heiรt das Folgendes: Der linke Mainstream, angefรผhrt vom linksradikalen Mob, cancelt eine Person ob ihrer (angeblich) rechten Aussagen. Es ist wohl kaum รผbertrieben, zu sagen, dass das der Regelfall ist.
Doch ab und zu passiert es, dass auch Linke von der Cancelei nicht verschont werden: So verlor jรผngst Bahar Aslan, einst Dozentin an der Polizeihochschule in Gelsenkirchen, ihren Job aufgrund eines kontroversen Tweets. Was hatte sie geschrieben?
Tja, und dann ging es los, das Rumgeheule. Cancel Culture sei das, vollkommen ungerecht, sie habe doch nur auf ein โProblemโ innerhalb der Polizei hingewiesen, heiรt es. Wie kann man nur so den bรถsen Rechten in die Hรคnde spielen? Nun, was hat man erwartet? Aus vรถllig unerfindlichen Grรผnden mag es eine Polizeihochschule nicht, wenn eine Mitarbeiterin ihre eigenen Studenten und Absolventen beleidigt. Wer hรคtte das nur ahnen kรถnnen? Die Hochschule hat das einzig Richtige getan, das ist schon ziemlich unkameradschaftlich, seinen eigenen Leuten so ans Bein zu pinkeln โ aber was kann man von Linksradikalen schon erwarten? Die gute Frau Aslan hat aus ihrer Gesinnung ja keinen Hehl gemacht.
Das schrieb sie im Januar 2021 auf Twitter. Dass diese Frau รผberhaupt einen Lehrstuhl bekommen hat, ist der eigentliche Skandal.
Das Interessante an dieser ganzen Farce ist ja, dass einmal mehr der vรถllige Realitรคtsverlust unseres Gegners offenbar wird: Die Linken glauben, sie seien das Opfer des rechten Mobs, einer rechten Verschwรถrung, sie seien das eigentliche Opfer der Cancel Culture. Weder, dass es keines rechten Mobs bedurfte, damit Bahar Aslan ihren Job verlor, noch dass sie die wahren Machthaber in unserer Gesellschaft sind, wollen sie sich eingestehen. Wie kommt das? Nun, es ist ganz tief in ihrer Ideologie verankert: Der Linke ist der Kรคmpfer fรผr die Unterdrรผckten der Erde, der Streiter wider die Mรคchtigen und Reichen und Beschรผtzer der Armen und der Sklaven.

Die Herrschaft des Volkes
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Doch was passiert, wenn die Unterdrรผckten nicht mehr unterdrรผckt, die einst Mรคchtigen und Reichen gestรผrzt und die Armen und Sklaven frei sind? Welchen Zweck, welchen Sinn hat der Linke dann noch? Tja, diese Frage will sich unser Gegner nicht stellen, er kann es gar nicht. Um seinem Leben weiterhin einen Sinn zu verleihen, muss er sich einreden, dass der Kampf immer weitergeht. Deswegen sieht er รผberall die rechte Verschwรถrung, den drohenden Umsturz, die bรถsen Unterdrรผcker, vollkommen unabhรคngig davon, wie viel Macht er tatsรคchlich hat. รberhaupt, das Problem Macht: Als Kรคmpfer fรผr die Schwachen, als Revolutionรคr kann man sich nicht eingestehen, selbst die Macht zu ergreifen und zu haben. Denn wie kann jemand unterdrรผckt sein, der selbst Macht hat?
Dies fรผhrt zu den uns so surreal vorkommenden Schlรผssen, die die Linken gerne ziehen: Frauen werden unterdrรผckt, obwohl sie mittlerweile dank Feminismus und Quote in Dingen wie etwa dem Scheidungsrecht bevorzugt werden, Nicht-Weiรe werden unterdrรผckt, obwohl Bewegungen wie Black Lives Matter von jeder denkbaren Institution im Westen hofiert werden, und Linke werden Opfer rechter Cancel Culture, obwohl ein falscher Tweet รผber die herzerรถffnenden Begegnungen mit Migranten dich nicht nur deine Karriere, sondern auch dein soziales Umfeld kosten kann.
Der Linke braucht den immerwรคhrenden Kampf gegen den ewigen Gegner, der รผber ihm steht โ sonst hat sein Leben als Opfer keinen Sinn. Und wenn man kein Opfer mehr ist, weil man de facto die Kontrolle hat, muss man sich eben als solches inszenieren โ und darin sind die Linken ungeschlagen gut. Bahar Aslan hat es uns einmal mehr vorgemacht.
