Wer, wie der Autor, nahezu drei Jahrzehnte Redakteur der „Sรผddeutschen Zeitung“ war, traute seinen Augen kaum, als er am 26. August die Wochenendausgabe des Blattes in Hรคnden hielt. Auf Seite 1 im Groรformat: Ein Foto Hubert Aiwangers, als Chef der Freien Wรคhler bayerischer Wirtschaftsminister und Vize-Regierungschef in Markus Sรถders Kabinett. Der Vorwurf: Vor 35 Jahren habe Aiwanger als sechzehnjรคhriger Pennรคler angeblich ein antisemitisches Flugblatt verfaรt. Im Text des Aufmachers, der auch ein Faksimile des Pamphlets enthielt, hieร es, die Informationen beruhten auf Aussagen von Lehrern und einigen Schรผlern, die aber aus Sorge vor disziplinarischen und gesellschaftlichen Folgen anonym bleiben wollten.
Da in Bayern am 8. Oktober, also in wenigen Wochen, ein neuer Landtag gewรคhlt wird, kann jeder Leser eins und eins zusammenzรคhlen: In ihrem jahrzehntelangen Kampf gegen die CSU und gegen deren neuen Koalitionspartner hat die „SZ“ eine Schmutzkampagne lanciert, die auf dรผrftigen Informationen und dem Bruch des Verschwiegenheitsgebots verbeamteter Lehrer basiert. Daร sie den lรคngst verjรคhrten Fehltritt eines Sechzehnjรคhrigen an die รffentlichkeit zerrt, ist weit unter dem Niveau, das sich die „SZ“ selbst zuschreibt.
Daร das inkriminierte Pamphlet ekelhaft ist, muร nicht extra betont werden. Wolfgang Benz, Historiker und Experte fรผr Antisemitismus, erklรคrte am 29. August im Interview mit der „SZ“, sein erster Eindruck sei gewesen, daร es sich um einen โrohen Pennรคler-Scherz“ gehandelt habe:
โEs erstaunt nur, daร 35 Jahre spรคter, auf dem Hรถhepunkt des Wahlkampfes, dieses Flugblatt auftaucht. Und es erstaunt natรผrlich auch die lodernde Entrรผstung, die allenthalben geรคuรert wird. Ebenso die Einstufung als antisemitisches Hetzblatt.“
Das KZ Dachau, so Benz, sei nรคmlich zunรคchst mit politischen Gegnern der Nationalsozialisten konnotiert, nicht mit Juden.
โIch wรผrde durchaus zustimmen, wenn man das als neonazistisches Pamphlet bezeichnet, aber es wird nicht explizit gegen Juden gehetzt.“
Noch deutlicher รคuรerte sich Michael Wolffsohn. Der Historiker beurteilte den Text des Flugblattes in einem „Bild“-Kommentar als โ menschenverachtend“, aber eben nicht, wie die SZ behauptet, als โantisemitisch“. Als Jude, schreibt Wolffsohn, wehre er sich dagegen, daร Denunzianten Juden fรผr ihre tagespolitischen Zwecke miรbrauchten.
โKurz vor den Wahlen in Bayern wollen sie den konservativen Aiwanger und seine Freien Wรคhler als Nazis und, daraus abgeleitet, Antisemiten abstempeln. Wer konservativ mit ยดNazi ห und ยดAntisemit ห gleichsetzt, ist ahnungslos und verleumderisch.“
Als alter Kollege kann man sich nur wundern, daร offenbar niemand in der SZ-Redaktion an die unrรผhmliche Vergangenheit des eigenen Blattes und an deren verspรคtete Aufarbeitung erinnert hat. Hochmut statt Demut, mรถchte man da seufzen:
Von 1960 bis zu seinem Tod im Jahr 1970 war der 1904 geborene Hermann Proebst Chefredakteur der „SZ“. Hans Schuster, Jahrgang 1915, war ab 1948 fรผr die „Sรผddeutsche“ tรคtig. 1960 รผbernahm er die Leitung des Ressorts Innenpolitik und gehรถrte von 1970 bis zu seinem Ausscheiden 1976 der Chefredaktion an. รber beide Kollegen, die sich stets als untadelige Demokraten erwiesen, kursierten indes stets Gerรผchte, sie hรคtten in der NS-Zeit hohe Positionen im besetzten Kroatien bekleidet. Die Wahrheit kam erst 2014 durch Recherchen des Historikers und ehemaligen „SZ“-Redakteurs Knud von Harbou ans Licht:

Proebst ging 1941 mit 37 Jahren im Gefolge der Wehrmacht nach Zagreb, der Hauptstadt des neuen faschistischen Ustascha-Staates Kroatien, wo er fรผr deutsche Propaganda tรคtig war. So schilderte er 1942 in der Wochenzeitung „Neue Ordnung“ seine Eindrรผcke einer Pressefahrt ins KZ Jasenovac. In der FAZ berichtete 2013 Michael Martens die folgenden รuรerungen des spรคteren SZ-Chefredakteurs:
โ(…) daร Proebst das KZ lobe, da es nicht nur zur Ausschaltung gefรคhrlicher Gegner beitrage, sondern auch den produktiven Einsatz ยดansonsten unproduktiver Rassen (wie Juden) ยด ermรถgliche“.
Schuster wiederum wurde 1939 mit 24 Jahren mit der Arbeit โDie Judenfrage in Rumรคnien“ zum Dr. jur. promoviert. In seiner Dissertation kritisierte er den in Rumรคnien virulenten Antisemitismus als nicht scharf genug, weil dieser in den Juden bloร eine nationale oder religiรถse Minderheit sehe, statt โim Judentum eine den abendlรคndischen Vรถlkern fremde Rasse zu bekรคmpfen“. 1941 wurde Schuster Wirtschaftsattachรฉ an der deutschen Gesandtschaft in Zagreb und erlebte dort die Konstituierung des Ustascha-Staates Koatien mit. Ab 1942 leistete Schuster, der 1937 der NSDAP beigetreten war, Kriegsdienst in der Wehrmacht.
Als Erwachsene (und nicht als sechzehnjรคhriger Pennรคler) haben sich sowohl Proebst als auch Schuster zum mรถrderischen Antisemitismus bekannt. Eingedenk dieser Tatsachen und unabhรคngig davon, wie der Fall ausgeht, ist die Rufmord- und Schmutzkampagne gegen Hubert Aiwanger schamlos und geschichtsvergessen.

