In den zurรผckliegenden Printausgaben hat Reinhild das parteipolitische Stiftungswesen unter die Lupe genommen. Sie ist jetzt bei der FDP angelangt, und das wollten wir auch unseren Netzlesern nicht vorenthalten.
โIndividuelle Freiheit, Demokratie, Weltoffenheit und Vielfalt stehen weltweit unter Druck. In einer Zeit des grundlegenden Wandels mรถchte die Stiftung einen gesellschaftlichen und politischen Diskurs fรผr einen modernen Liberalismus gestalten.โ
So heiรt es im Jahresbericht der Friedrich-Naumann-Stiftung fรผr die Freiheit, kurz FNF, aus dem Jahr 2022. Die Friedrich-Naumann-Stiftung mit Hauptsitz in Potsdam-Babelsberg steht der FDP nahe. Im Mai 1958 grรผndete der erste Bundesprรคsident der noch jungen Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, ebendiese in seinem Amtssitz, der Villa Hammerschmidt in Bonn. Mit von der Partie waren mehrere Politiker der FDP, wie beispielsweise der spรคtere FNF-Vorsitzende Hans Wolfgang Rubin sowie die eher konservative Frauenrechtlerin und Schriftstellerin Dorothee von Velsen.
Als Hommage an seinen politischen Mentor, den liberalen Politiker Friedrich Naumann, Mitbegrรผnder der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) im Jahr 1918, trรคgt die Stiftung als โFriedrich-Naumann-Stiftungโ dessen Namen und wurde im Jahr 2007 um den Zusatz โfรผr die Freiheitโ erweitert. Sie ist die vierte von sechs parteinahen Stiftungen, die beinahe ausschlieรlich aus staatlichen Mitteln subventioniert werden.
Vor zwei Jahren erhielt sie etwa 83 Millionen Euro und damit den grรถรten Teil ihrer Einnahmen durch Zuschรผsse und staatliche Fรถrderungen, also aus der Tasche des bundesdeutschen Steuerzahlers. รhnlich wie bei den anderen Stiftungen auch, nahmen die Subventionen in den letzten Jahren rasant zu, was sich zumindest im Vergleich 2020 zu 2021 auf den prozentual stรคrkeren Einzug der FDP nach der letzten Bundestagswahl zurรผckfรผhren lรคsst. Komischerweise hatte das zwischenzeitige Ausscheiden der FDP keinen sonderlichen Einfluss auf die Fรถrderung ihrer parteinahen Stiftung. Auch wรคhrend der 18. Legislaturperiode (2013 bis 2017) erhielt sie im Jahresdurchschnitt รผber 50 Millionen Euro aus staatlichen Mitteln. Als einzige aller parteinahen Stiftungen ist sie auch in ihrer Rechtsform eine echte Stiftung des Privatrechts. So weit, so gut. Doch was treibt diese womรถglich eher unbekanntere Parteienstiftung?
โDie Friedrich-Naumann-Stiftung fรผr die Freiheit bietet auf Grundlage der Idee des Liberalismus Angebote zur politischen Bildung in Deutschland und in aller Weltโ, liest sich das Selbstverstรคndnis ihrer politischen Arbeit auf der offiziellen Netzseite der FNF. โWir wollen dazu beitragen, dass es auf der ganzen Welt immer weniger Untertanen gibt und immer mehr selbstbewusste, politisch aktive Bรผrgerโ, heiรt es dort weiter. Um diesem Vorsatz gerecht zu werden, gibt sich die Stiftung gediegen, bรผrgerlich sowie international und widmet sich dabei weitestgehend Themen wie Liberalismus und Wirtschaft und aktuell vermehrt der Digitalisierung, dem Kampf fรผr Gleichberechtigung und gegen โrechtsโ sowie dem Krieg in der Ukraine.
Passend dazu zeichnete Anne Brasseur, Vorstandsmitglied der FNF und luxemburgische Politikerin, kรผrzlich die Fernsehjournalistin Dunja Hayali vom ZDF mit dem eigens erschaffenen Liselotte-Funcke-Preis fรผr ihre โausgewogene und respektvolle journalistische Berichterstattung und fรผr den interkulturellen Dialogโ aus. Neben der Bundesrepublik ist die Friedrich-Naumann-Stiftung an 60 weiteren Standorten im Ausland vertreten, darunter auch in Moskau (bis 2022), Kiew, Jerusalem, Kapstadt und Guatemala-Stadt, wo sie sich fรผr die vermeintliche Demokratiefรถrderung sowie die internationale und interkulturelle Vernetzung einsetzt.
Im Zuge des Krieges in der Ukraine wurde das Auslandsbรผro in Moskau geschlossen und nach Tiflis verlagert. โWer sich in Russland fรผr Bรผrger- und Menschenrechte einsetzt, wird bestraft, bedroht und schikaniert. Putins Aggressionen gegen freiheitliche und demokratische Werte gehen weit รผber die Ukraine hinaus. Die neue Ausweisungswelle von zivilgesellschaftlichen Organisationen ist ein weiterer Schritt vom Autoritarismus zum Totalitarismusโ, lautete die offizielle Begrรผndung des Vorstandes fรผr den Standortwechsel.
Wenig verwunderlich scheint es also, dass die Tรถne innerhalb der Stiftung seit Beginn des Krieges mehr als nur russlandkritisch sind. Erst kรผrzlich erschien auf der Netzseite der Stiftung eine lange Lobeshymne als Nachruf auf den verstorbenen russischen Oppositionellen mit dem Titel โAlexej Nawalny โ ein unerschrockener Demokratโ. รber 40 Millionen Euro und damit fast die Hรคlfte der Gesamteinnahmen (circa 84,2 Millionen) der Stiftung flossen im Jahr 2022 in Auslandsprojekte. Die FNF ist auรerdem Mitglied des โEuropean Liberal Forumโ (ELF), eines europรคischen Thinktanks mit Sitz in Brรผssel, dem 59 liberale europรคische Stiftungen und Akademien, beispielsweise die โAgora Liberal!โ aus Spanien oder die โAcademy of Liberalismโ aus Estland angehรถren. Vorsitzender des ELF ist der Bundestagsabgeordnete und FDP-Politiker Jรผrgen Martens. Auch das ELF wird vornehmlich aus staatlichen Mitteln beziehungsweise aus Mitteln der Europรคischen Union finanziert, sprich noch mehr politische Arbeit auf Kosten des europรคischen Steuerzahlers.
Des Weiteren fรถrdert die Stiftung den politischen Nachwuchs im eigenen Land und steckte im vergangenen Jahr etwa 10,2 Millionen Euro ihres Gesamtbudgets in die Fรถrderung von 1.314 jungen Menschen. Die meisten von ihnen sind Studenten oder Abiturienten. Zudem veranstaltet die Stiftung regelmรครig Seminare, Vortragsrunden und Schulungen sowohl virtuell als auch in Prรคsenz. Dazu hat sie deutschlandweit ihr untergeordnete Stiftungen und Akademien mit eigenen Standorten, zum Beispiel die Theodor-Heuss-Akademie in Gummersbach, welche als lukrativer Veranstaltungsort dient, sowie das Waldhaus Jakob in Konstanz, die Zรผndholzfabrik in Lauenburg oder die Villa Lessing im Saarland.
2022 bot die FNF รผber 2.100 Veranstaltungen an, an denen rund 146.000 Personen teilnahmen. Aktuell finden sich Veranstaltungen mit Titeln wie โWas, wenn Trump zurรผckkommt?โ, โWie umgehen mit der AfD? Politische Auseinandersetzung oder Verbotsverfahren?โ oder โSexualisierte Gewalt gegen Frauen im Kriegโ im Kalender wieder. Darรผber hinaus publiziert die FNF jรคhrlich mehrere Hundert Schriften, unter anderem verlegt sie seit รผber 60 Jahren das hauseigene Magazin โLiberalโ, welches sich hauptsรคchlich mit der aktuellen politischen Entwicklung im In- und Ausland befasst. Zu den aktuellen Druckerzeugnissen der FNF zรคhlen zum Beispiel der Bericht รผber โChallenges of Queer Community in Georgiaโ oder โRussian Media in the Balkans and their role in the aggression against Ukraineโ.
Weltweit besetzt die FNF aktuell 262 Stellen, davon 169 mit Frauen und 93 mit Mรคnnern, was sie in ihrem Jahresbericht stolz betont. 40 der Mitarbeiter befinden sich im Ausland. Den Vorsitz hat der abgehalfterte FDP-Politiker und ehemalige Finanzminister von Sachsen-Anhalt (2002 bis 2004) Karl-Heinz Paquรฉ seit 2018 inne. Bei der Geschรคftsfรผhrerin der Stiftung handelt es sich seit 2021 um die FDP-Politikerin und Finanzjuristin Annett Witte. Trotz des geltenden Neutralitรคtsgebots in der โGemeinsamen Erklรคrung der Stiftungenโ, die neben der Konrad-Adenauer-Stiftung, der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Heinrich-Bรถll-Stiftung eben auch die Friedrich-Naumann-Stiftung unterzeichnet hat, ist Witte zugleich kooptiertes Mitglied des Bundesvorstandes der Freien Demokraten.
Die Stiftung erscheint bieder und bรผrgerlich. Mal gibt es ein Interview mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann, an anderer Stelle dann einen Vortrag von Christian Lindner. Dennoch schafft sie es mit etwa 90.000 Abonnenten in den sozialen Netzwerken weit besser als ihre Konkurrenz, politisch Interessierte online zu erreichen. Dabei passt sie sich wie kaum eine andere Stiftung dem sogenannten โcurrent thingโ an, ein bisschen wirtschaftsliberal, ein bisschen feministisch und queer und an anderer Stelle dann klar gegen rechts. So ist man es von der FDP und ihren Anhรคngern gewohnt.

