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Keine Gnade in der Denunziantenrepublik

20. Mรคrz 2024
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Nicht nur โ€žKindermund tut Wahrheit kund“, wie es heiรŸt, sondern auch August Heinrich Hoffmanns bissige Sentenz ist zum Sprichwort geworden:

โ€žDer grรถรŸte Lump im ganzen Land, das ist und bleibt der Denunziant.โ€œ

Unter dem Namen Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) sollte der Dichter zumindest den meisten ethnischen Deutschen bis heute bekannt sein. SchlieรŸlich hat er auรŸer volkstรผmlichen Liedern wie โ€žAlle Vรถgel sind schon da“ und โ€žKuckuck, Kuckuck ruftยดs aus dem Wald“ 1841 auf der Insel Helgoland die drei Strophen des Deutschlandliedes, mithin der Nationalhymne, getextet.

DaรŸ 150 Jahre nach seinem Tod in dem von ihm damals ertrรคumten demokratischen Deutschland das Denunziantentum eines Tages wieder in voller Blรผte stehen wird, hรคtte sich Hoffmann schwerlich vorstellen kรถnnen. Doch die Realitรคt lรครŸt keinen Zweifel. Den โ€žKampf gegen Rechts“ hat die Ampelregierung als Verfechterin einer als liberal, tolerant, weltoffen und vielfรคltig firmierenden Demokratie zur Staatsrรคson erhoben. Innenministerin Nancy Faeser plรคdierte im Februar daher gemeinsam mit Holger Mรผnch, dem Prรคsidenten des Bundeskriminalamtes, und mit Thomas Haldenwang, dem Chef des Verfassungsschutzes, fรผr eine verschรคrfte รœberwachung und Denunziation โ€žrechter Hetzeโ€œ:

โ€žDie Zentrale Meldestelle fรผr strafbare Inhalte im Internet beim Bundeskriminalamt wird weiter ausgebaut.“

Auch die Polizei bleibt nicht ungeschoren. Erstmals erhรคlt sie in Gestalt des SPD-Bundestagsabgeordneten Uli Gรถtsch einen Beauftragten; er soll die Unterwanderung und Beeinflussung der Polizei durch Rechtsextremisten verhindern. Gรถtsch: โ€žFรผr die Feinde der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist in staatlichen Instanzen kein Platz“ (โ€žMรคrkische Allgemeine Zeitungโ€œ vom 15. Mรคrz). Zur Dekonstruktion der deutschen Geschichte gehรถrt daher auch die Tilgung unliebsamer Namen. So wurde aus dem nach dem GroรŸadmiral und Schรถpfer der kaiserlichen Flotte benannten Tirpitz-Hafen und der Tirpitz-Mole 2021 der โ€žMarinestรผtzpunkt Kiel-Wik“. Das Otfried-PreuรŸler-Gymnasium in Pullach bei Mรผnchen wiederum wird wegen der jetzt entdeckten NS-Affinitรคt des berรผhmten Kinderbuchautors demnรคchst seinen Namen verlieren.

Reuig bekennt ebenfalls die Bundesbank als Nachfolgerin der einstigen Reichsbank ihre Verfehlungen. Quasi als Akt der Selbstdenunziation hat sie in einer Studie untersuchen lassen, wie damals die Zentralbanker zu willfรคhrigen Gehilfen eines verbrecherischen Regimes wurden. Konsequenz:

โ€žNie wieder dรผrfen staatliche Stellen wie die Zentralbank demokratische Werte mit FรผรŸen treten.“

Erst 1969 sei Karl Blessing als Bundesbankprรคsident ausgeschieden, der in der Weimarer Republik seine Karriere begann und in der NS-Zeit engster Mitarbeiter des damaligen Reichsbankprรคsidenten Hjalmar Schacht war.

Dem Zeitgeist zum Opfer fรคllt selbst in Kinderbรผchern mittlerweile das Wort Neger (lateinisch: niger โ€” schwarz), um dem โ€žneuen Verstรคndnis von Sensibilitรคt in Diversitรคtsfragen Rechnung zu tragen“ (โ€žSรผddeutsche Zeitung“ vom 23. Februar). So รคnderte der Thienemann-Verlag entsprechende Textstellen in Michael Endes Auflagenhits โ€žJim Knopf und Lukas der Lokomotivfรผhrer“ sowie โ€žJim Knopf und die Wilde 13″. Auch die Zeichnungen von F. J. Tripp wurden umgestaltet. Jim Knopfs dicke rosafarbenen Lippen und seine schwarze Haut, so gibt die SZ die Argumentation des Verlags wieder, kรถnnten in der heutigen Betrachtung und vor dem Hintergrund der Rassismus-Erfahrungen schwarzer Leser irritieren. Daher sei Jims Mund in der Neuausgabe nur noch ein dรผnner Strich wie auch bei Lukas, dem Lokfรผhrer. Der Hamburger Friedrich Oetinger Verlag hatte bereits 2009 das verpรถnte N-Wort aus Astrid Lindgrens โ€žPippi-Langstrumpf“-Bestsellern gestrichen und Pippis Vater flugs in einen โ€žSรผdsee-Kรถnig“ verwandelt.

Ob der Bannfluch auch einen der Lieblingsautoren des Schreibers dieser Zeilen treffen wird, dรผrfte nur eine Frage der Zeit beziehungsweise der Neuauflage seiner Werke sein. In seinem โ€žNaturgeschichtlichen Alphabet“ hat Wilhelm Busch (1832-1908) zum Buchstaben J gedichtet:

โ€žJohanniswรผrmchen freut uns sehr, / Der Jaguar weit weniger.“

Zu sehen ist ein Neger mit Lendenschurz, der ein entsprechendes Insekt fangen will, wรคhrend hinter ihm ein Jaguar zum Sprung auf die menschliche Beute ansetzt. Als antisemitisch gilt heutzutage sicherlich Buschs Reim zum Buchstaben Z:

โ€žDie Zwiebel ist der Juden Speise, / Das Zebra trifft man stellenweise.“

Die sportlichen Idole nicht nur meiner Kindheit und frรผhen Jugend stellte die SZ am 13. Mรคrz an den Schandpfahl. Auf einer ganzen Seite durfte der Filmhistoriker Armin Jรคger einmal mehr das Ergebnis seiner Recherchen zur NS-Vergangenheit berรผhmter Personen der Zeitgeschichte verรถffentlichen โ€“ diesmal jener Athleten, die in die 2008 erstmals vorgestellte โ€žHall of Fame des deutschen Sports“ aufgenommen wurden. Die Ausbeute war ergiebig: DaรŸ Sepp Herberger, Trainer der FuรŸballnationalmannschaft, die 1954 in Bern Weltmeister wurde, seit 1933 Mitglied der NSDAP war, wurde spรคter bekannt, tat seinem Ruhm aber keinen Abbruch. Bis vor kurzem nicht bekannt war, daรŸ Hans Gรผnter Winkler, Jahrgang 1926, im Jahr 1944 ebenfalls jener Partei beitrat. In der Nachkriegszeit war er einer der Sporthelden der jungen Bundesrepublik. Unvergessen bleibt sein Olympiasieg 1956 in Melbourne, als Winklers Stute Halla ihren Reiter, der sich wegen eines Muskelrisses kaum noch im Sattel halten konnte, ins erlรถsende Ziel trug. Ein weiteres Idol war der Turner Helmut Bantz, Parteimitglied seit 1941, der ebenfalls 1956 die Goldmedaille im Pferdsprung gewann. Auch Konrad Adam, der auf dem Ratzeburger See Deutschlands Ruderer โ€“ besonders den nahezu unschlagbaren Achter โ€“ trainierte, war 1940 Hitlers Partei beigetreten.

Das Schnรผffeln in der Vergangenheit, deklariert als demokratischer ReinigungsprozeรŸ, wird sicher noch lange weitergehen โ€“ nicht zuletzt, weil zwei intellektuelle Ikonen Deutschlands sich zu linksliberalen Moralaposteln aufspielten, ihre Jugendsรผnden aber jahrzehntelang verschwiegen: Gรผnter Grass (1927-2015) machte erst 2006 bekannt, daรŸ er mit siebzehn Jahren der Waffen-SS angehรถrte. Walter Jens (1923-2013) rรคumte erst 2003 ein, Mitglied der Hitlerjugend gewesen zu sein und 1942 die Aufnahme in die NSDAP beantragt zu haben. In Bezug auf Gรผnter Grass รคuรŸerte Joachim C. Fest sein Unverstรคndnis, โ€žwie sich jemand 60 Jahre lang stรคndig zum schlechten Gewissen der Nation erheben kann, gerade in Nazi-Fragen โ€“ und dann erst bekennt, daรŸ er selbst tief verstrickt war“.

Heutzutage haben Denunzianten ein neues Feld entdeckt, um unliebsame Zeitgenossen aus dem rechten Spektrum sozial zu รคchten: die Kontaktschuld. Jรผngstes Beispiel war eine am 15. Mรคrz verรถffentlichte Reportage des Rechercheteams von SZ, WDR und NDR. Der AnlaรŸ: Bereits am 5. Juli 2023 , also mehr als acht Monate zuvor (!), hatte Gloria von Thurn und Taxis zusammen mit dem ehemaligen Verfassungsschutzprรคsidenten Hans-Georg MaaรŸen zum Spendendinner auf ihrem Regensburger SchloรŸ St. Emmeram eingeladen. Als Gรคste kamen unter anderen Gernot Mรถrig, Zahnarzt aus Dรผsseldorf und spรคterer Organisator des ominรถsen Treffens in der Villa Adlon bei Potsdam, die AfD-Politiker Beatrix von Storch und Maximilian Krah, der ehemalige Admiral Kay-Achim Schรถnbach, der Libertรคre Markus Krall, die Unternehmer Eckhard Cordes und Moritz Hunzinger sowie der Journalist und Verleger Roland Tichy. Und der Informationsgewinn…? Das muรŸ jeder Leser selbst entscheiden.

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