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Das andere Gesicht

3. Dezember 2020
in 6 min lesen

Gab es die DDR รผberhaupt? Langsam zweifelt man daran. Der 9. November, Tag des Mauerfalls, wichtigster Tag in der jรผngeren deutschen Geschichte, fand zum Beispiel 2020 in der โ€žTagesschauโ€œ keinerlei Erwรคhnung mehr. Doch dafรผr gibt es erfolgreiche โ€žOst-Frauenโ€œ, die medial gefeiert werden und unser Leben heute allseits bereichern. โ€žMythos Ostfrauenโ€œ heiรŸt sogar ein neues Buch. Darin versammelt ist ein wahrer DDR-Fanclub. Nicht fehlen darf die strahlende Eisprinzessin Kathi Witt, das โ€žschรถnste Gesicht der DDRโ€œ.

Sie strahlt fast noch immer wie an ihrem 20. Geburtstag, als sie in der FDJ-Zeitung โ€žJunge Weltโ€œ stolz verkรผndete: โ€žMein schรถnstes Geburtstagsgeschenk – ich werde Kandidatin der SED!โ€œ Auch die anderen Frauen sind so DDR-konform wie die Bundeskanzlerin hรถchstselbst. Man muรŸ sich fragen, woran die DDR รผberhaupt zugrunde gegangen ist, warum sich dort nicht jeder pudelwohl gefรผhlt hat. Wer die DDR heute kritisiert, ist fast schon ein โ€žNaziโ€œ! Ganz wie damals.

Wo sind sie geblieben, die vielen DDR-Flรผchtlinge vom Sommer 89? Wo ist das andere Gesicht der DDR, das heute niemand zeigen will, fรผr dessen Darstellung es keine staatlichen Fรถrdermittel gibt? Das Gesicht der politischen Gegner, die keine Biermann-Freunde waren und keinen besseren Sozialismus wollten, sondern einfach nur Freiheit! Man muรŸ heute schon sehr nach ihnen suchen, um sie noch zu entdecken. Auf diesen Seiten gibt es dafรผr ein paar Tipps.

Geiselnahme in Frankfurt/Oder

Drei Strafgefangene รผberwรคltigen ihre Wรคrter, nehmen ihnen die Waffen ab – zwei Kalaschnikow und eine Pistole. Auf dem Gefรคngnisparkplatz liefern sie sich eine SchieรŸerei mit einem Streifenwagen. Der Plan, den Wagen zu kapern, miรŸlingt. Stattdessen verschanzt sich das Trio mit zwei Polizisten als Geiseln in einem nahestehenden Hochhaus. Das Ganze ist kein amerikanischer Thriller, sondern Realitรคt und spielt 1981 in Frankfurt/Oder. Im Hochhaus besetzen die Geiselnehmer die Wohnung des Hausmeisters, weil der ein Telefon hat. Sie verlangen einen Fluchtwagen und freien Abzug nach Westberlin.

Das Hausmeisterehepaar verhรคlt sich โ€žzutraulich, spรคter sogar ausgesprochen freundlichโ€œ, die Frau des Hausmeisters versorgt die Geiselnehmer mit Kaffee. Zufรคllig ist auch noch eine 78-jรคhrige Tante aus dem Westen zu Besuch. Die Gegend drauรŸen erscheint inzwischen wie tot, ist komplett abgeriegelt. Eine DDR-Antiterroreinheit bereitet die Erstรผrmung der Wohnung vor. Eine Reizgasbombe fliegt in die gute Stube der Hausmeistersleute, die Wohnungstรผr wird herausgeschossen, im Radio singen Simon and Garfunkel โ€žThe Sound of Silenceโ€œ. Die Geiselnehmer geben auf, werden abgefรผhrt. Von einem Balkon gegenรผber ruft ihnen jemand zu: โ€žGut gemacht, Jungs!โ€œ

Der Kopf des Geiselnehmertrios, Andrรฉ Baganz, zuvor schon wegen eines Republikfluchtversuchs verurteilt, bekommt lebenslรคnglich, verbringt zehn Jahre in Einzelhaft. Kleine Erleichterungen erkรคmpft er sich durch Hungerstreiks. Stasileute versuchen, ihn zu brechen, sogar zu vergiften. Alles das beschreibt der Sohn einer Deutschen und eines in der DDR ausgebildeten Afrikaners in seiner atemberaubenden Biografie. Warum er wegwollte aus diesem Land, wie seine Flucht scheiterte, seine Bestrafung, der bewaffnete Ausbruchsversuch und die darauf folgenden Jahre des Martyriums als einer der gefรคhrlichsten Staatsfeinde im berรผchtigten Stasigefรคngnis Bautzen II.

โ€žEndstation Bautzen II โ€“ Zehn Jahre lebenslรคnglichโ€œ

Andrรฉ Baganz

Mitteldeutscher Verlag

Sag dein letztes Gebet!

โ€žIch war nicht ich selbst, wenn ich das Pioniertuch umband. Wenn ich das FDJ-Hemd, die GST- und spรคter die NVA-Uniform anzog. Aber es interessierte niemanden, ob ich ich selbst war. Ob ich verzweifelt war.โ€œ

So schreibt Ilja Hรผbner, geboren 1965 in Brandenburg an der Havel, รผber seine Jugend in der DDR. Mit 19 wird er zum Wehrdienst in die Nationale Volksarmee (NVA) eingezogen. Er lernt den Drill, die Hierarchiespielchen unter den Soldaten, die Schikanen, das Gefangensein in der Kaserne kennen. Jemand gibt ihm den Tipp, er solle seine Brille kaputtmachen, so kรถnne er sich einen Ausgang aus der Kaserne zum Optiker verschaffen.

Der Trick gelingt, nur daรŸ er sich im Ausgang in eine Kneipe setzt und trinkt. Stark alkoholisiert, beschlieรŸt er, einfach in den nรคchsten Zug zu steigen und nach Hause zu fahren. Er besucht Freunde, Partys, verdrรคngt die Realitรคt. Nicht lange, und er wird als Deserteur zurรผckgebracht in die Kaserne. Fรผr ihn โ€ždie Hรถlle auf Erdenโ€œ. Dabei hatte er erst deren Vorhof kennengelernt. Denn nun landet er im Militรคrstrafvollzug, der NVA-Disziplinareinheit in Schwedt. Unter DDR-Soldaten kennt man den Spruch: โ€žSag dein letztes Gebet, es geht nach Schwedt!โ€œ Viel ist bis heute nicht รผber diese Institution bekannt geworden. Die dort waren, kehrten als andere wieder. Viele schweigen, wollen nicht erinnert sein. llja Hรผbner und andere haben ihre Erfahrungen geschildert.

โ€žSpรผr die Angst โ€“ Zeitzeugen brechen ihr Schweigenโ€œ

Paul Braunhert und Ilja Hรผbner (Hrsg.)

Projektgruppe โ€žMilitรคrgefรคngnis Schwedtโ€œ

Das Land, in dem man schmorte

Ein junger Mann mit dem Familiennamen Brahms โ€“ wie der berรผhmte Komponist, nur ohne dessen Talent, ohne jedes Talent, ein gewรถhnlicher Brahms eben, dem sein Name wie ein Plagiat, wie ein โ€žabgetragener Mantelโ€œ erscheint โ€“ erlebt den Drill der NVA. Haarscharf schlittert er an den stets drohenden Klippen einer Entlarvung als Staatsfeind vorbei, im militรคrischen wie im zivilen Leben. Nach dem Wehrdienst wagt er den alles entscheidenden Schritt: Er stellt einen Ausreiseantrag – etwas, das es offiziell eigentlich nicht gibt.

Man unterstellt ihm psychische Probleme, staatsfeindliche Hetze. Ein Stasimann prophezeit ihm im Verhรถr: โ€žSie kรถnnen sicher sein, daรŸ Sie in diesem Land schmoren werden, bis Sie Rentner sind!โ€œ Was ist das fรผr ein Land, in dem man โ€žschmortโ€œ? Als er es endlich schafft, der Weg fรผr ihn frei ist, brechen รผber Nacht die unรผberwindlich scheinenden Barrieren zusammen. Was eben noch galt, wird bedeutungslos. Ein anderes Leben beginnt. Er wird zum reisenden Vertreter, Produktberater genannt, nimmt an โ€žErfolgstrainingsโ€œ teil und entdeckt รผberall Parallelen, wechselt wie ein Zeitreisender zwischen damals und heute.

Dabei begegnet er immer wieder skurrilen Persรถnlichkeiten wie einer Politikerin โ€žmit stark hรคngenden Mundwinkelnโ€œ, die einst ein Bad in seiner Klappbadewanne genommen hatte. Nun trennt beider Leben das Sicherheitsglas ihrer gepanzerten Limousine. A. Henry, geboren 1961, hat in seinem Buch selbst Erlebtes authentisch verarbeitet und sieht darin einen โ€žRoman รผber eine Generationโ€œ.

โ€žEin gewisser Brahmsโ€œ

A. Henry

GALA-Verlag

Ausreise mit Heine

โ€žAuf der Visitenkarte stand ganz frech einst Journalist. Wenn es mit Recht gegangen wรคr โ€“die Hunde hรคtten mich angepiรŸt.โ€œ

Alexander von Hohentramm, ehemals Journalist der in Ost-Berlin erscheinenden โ€žBerliner Zeitungโ€œ lehnt sich an Heinrich Heine an und faรŸt die Geschichte seiner Ausreise aus der DDR in Verse. Dabei folgt er Heines berรผhmtem โ€žDeutschland โ€“ ein Wintermรคrchenโ€œ, intelligent, mit Hintersinn und Ironie:

โ€žHier ist deines Bleibens nicht lรคnger. Du brauchst zum Leben andere Luft. Lieber in den Sturm hinaus, als sicher in der stickigen Gruft.

Drum sandte ich meinem Vater Staat in freundlichen Worten ein Schreiben. Drin stand: ich fรผhle mich desolat und ich kann und ich will hier nicht bleiben.โ€œ

Er stellt den Ausreiseantrag und trifft unter anderem Karl Marx โ€žUnter den Lindenโ€œ, der sich รผber die Ergebnisse seiner Utopie gerade noch wundern kann, bevor er unter dem Brandenburger Tor erschossen wird. Tatsรคchlich gelingt dem Autor die Ausreise mitten in den 1980er Jahren, doch was er โ€ždrรผbenโ€œ vorfindet, beseeligt seine Freiheitserwartungen in keinster Weise. Mithin schiebt er ein zweites Verswerk nach, das sich der deutschen Gegenwart widmet:

โ€žDemut nur den Himmelsmรคchten, nicht den Knilchen hier auf Erden, nicht den Schleimern und den Knechten, die als Herren sich gebรคrden.โ€œ

โ€žDeutschland โ€“ kein Wintermรคrchenโ€œ

โ€žBilder aus der deutschen Gegenwartโ€œ

Alexander von Hohentramm

Verlag ZUM HALBEN MOND

Staatsfeind Nummer eins

โ€žGenug den Namen des Volkes miรŸbraucht, ihr Lakaien!โ€œ, rief er dem Tribunal entgegen. Josef Kneifel wuรŸte, daรŸ er nichts zu verlieren hatte. Das Urteil stand lรคngst fest. Anders als bei den Blutgerichten der DDR-Justizministerin Hilde Benjamin nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 gab es 1980 in der DDR die Todesstrafe offiziell nicht mehr. Also blieb nur โ€žLebenslรคnglichโ€œ als HรถchstmaรŸ.

Die Tat: Kneifel und ein Freund hatten Sprengstoff hergestellt, um das 13 Meter hohe und 40 Tonnen schwere Marx-Monument in Chemnitz, damals noch Karl-Marx-Stadt, zu sprengen. Sie entschieden sich dann fรผr einen als Mahnmal aufgestellten russischen Panzer T-34. Sowjetische Offiziere saรŸen daher auch mit im Gerichtssaal. Kneifel beleidigte den Staatsanwalt und wurde unter Knรผppelschlรคgen aus dem Saal geschleift, wobei er noch schreien konnte: โ€žIn eurer Komรถdie รผbernehme ich keine Rolle.โ€œ

Er widerstand dem Sadismus der Wรคrter mit beispielloser Konsequenz, selbst als korrupte Mithรคftlinge ihm Zรคhne ausschlugen und Knochen brachen, gab er nicht klein bei. Er wurde regelmรครŸig zusammengeschlagen, hatte Schreib- und Besuchsverbot, wurde fixiert, an Eisen gekettet, muรŸte auf einer Betonpritsche schlafen, saรŸ in verdunkelten Zellen, zog einen 14-monatigen Hungerstreik durch, wobei er mittels eines Trichters zwangsernรคhrt wurde. Er widersetzte sich durchgehend der Anweisung, sich bei Zรคhlungen als โ€žStrafgefangenerโ€œ zu melden und meldete sich stets als โ€žpolitischer Gefangenerโ€œ.

Er schlitzte sich die Beinvenen auf und beschmierte mit dem Blut die Wรคnde, verhรถhnte die Vollzugsbeamten mit Blut-Karikaturen. Trotz allem gelang es der Stasi nicht, ihn fรผr psychisch krank zu erklรคren. SchlieรŸlich wurde er Honecker persรถnlich unbequem, als dieser 1987 eine Staatsreise nach Westdeutschland plante. In hรถheren Kreisen war man รผber die Kirche auf den Fall aufmerksam gemacht worden. Im August des Jahres durfte Kneifel nach siebenjรคhrigem Martyrium mit seiner Frau im Dienstwagen des sรคchsischen Landesbischofs Johannes Hempel von Thรผringen รผber die Grenze nach Bayern fahren.

Was ihn zu seinem Widerstand antrieb und welche Enttรคuschungen er dann im anderen Deutschland erlebte, haben Johannes Schรผller und Erik Latz zu einer teils erschรผtternden Dokumentation zusammengetragen.

โ€žDer Anschlag. Josef Kneifel โ€“ der Weg eines totalitรคren Heldenโ€œ

Johannes Schรผller und Erik Latz

Schriftenreihe BN-AnstoรŸ

Verein Journalismus und Jugendkultur Chemnitz e.V.

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