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Heinrich Harrer, wagemutiger Lehrer des jungen Dalai Lama

30. Januar 2021
in 4 min lesen

Der รถsterreichische Forscher, Bergsteiger, Sportler, Geograph, Autor und Lehrer des jungen 14. Dalai Lama, Heinrich Harrer, verstarb am 7. Januar 2006 in Friesach, einer Kleinstadt in seiner Heimatregion.

Der Sohn eines Postboten, am 6. Juli 1912 im zu ร–sterreich-Ungarn gehรถrenden Hรผttenberg im heutigen Bundesland Kรคrnten geboren, war von Kindheit an begeisterter Bergsteiger und Skifahrer. Von 1933 bis 1938 studierte er Geographie und Sport an der Universitรคt Graz.

Auf den Olymp

Fรผr die Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen nominiert, nahm er letztendlich doch nicht teil, da die รถsterreichische Mannschaft diese wegen eines Konflikts bezรผglich des Status ihrer professionellen Skilehrer boykottierte. Im nรคchsten Jahr gewann er bei den 5. Akademischen Winterspielen in Zell am See das Abfahrtsrennen.

Nach dem Abschluss seines Studiums schloss er sich einem vierkรถpfigen Team an, das zum ersten Mal die nahezu vertikale Nordwand des Eigers bestieg, eines Gipfels der Berner Alpen, wie spรคter in Die WeiรŸe Spinne (1959) beschrieben.

Harrer nahm dann an einer Expedition unter der Leitung des Bergsteigers, Agrarwissenschaftlers, Geographen und Kartographen Peter Aufschnaiter (1899-1973) Teil, um einen sicheren Weg zu finden zur Diamir-Flanke des Nanga Parbat, einem westlichen Auslรคufer des Himalayas.

Nach dem erfolgreichen Ende ihrer Expedition befanden sich die vier Bergsteiger Ende August 1939 in Karatschi in Britisch-Indien und warteten darauf, dass ein lรคngst รผberfรคlliges Schiff sie nach Europa zurรผckbringen sollte.

Hinein ins Abenteuer

In der Folge versuchten Harrer und zwei andere, das neutrale Persien zu erreichen, aber einige hundert Kilometer nordwestlich nahm man sie bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs als feindliche Auslรคnder fest.

Am 3. September 1939 wurden alle hinter Stacheldraht gesperrt, nach Bombay รผberfรผhrt und dann von den Kolonialbehรถrden mit Tausenden von anderen โ€žVerdรคchtigenโ€œ in ein Internierungslager nach Dehradun im bergigen Bundesstaat Uttarakhand geschafft, ins โ€žLand der Gรถtterโ€œ.

Aufschnaiter und Harrer flรผchteten einige Male und wurden immer wieder eingefangen, bevor sie schlieรŸlich am 29. April 1944 Erfolg hatten. Sieben Mรคnner, darunter der zukรผnftige Manager bei BASF und Mercedes-Benz, Rolf Magener (1910-2000), verkleidet als britische Offiziere oder einheimische Arbeitskrรคfte, marschierten einfach aus dem Lager.

Odyssee

Zwei fanden ihren Weg zur japanischen Armee in Burma, wo man sie fรผr Spione hielt und erneut einsperrte. Vier Monate nach ihrer Flucht wurden beide schlieรŸlich freigelassen und nach Japan geflogen.

Wรคhrend einer am 10. Mai aufgab, erreichten die anderen vier Tibet am 17. Mai, als sie auf einer Hรถhe von 5.400 Metern den Pass Tsang Chok La รผberschritten. Bis nach Lhasa, wo sie am 15. Januar 1946 ankamen, schafften es am Ende nur Harrer und Aufschnaiter, der Tibetisch sprach.

Doch in einem international nicht anerkannten Staat mit wenig Kontakt zur AuรŸenwelt wollte man sie so bald wie mรถglich wieder loswerden. Als die beiden Fremdem sich umgehend nรผtzlich machten, durften sie bleiben und fertigen spรคter sogar die erste genaue Karte der Hauptstadt an.

Der Gรคrtner und der Lehrer

Wรคhrend Harrer zunรคchst als Gรคrtner arbeitete, fungierte er seit 1948 als รœbersetzer auslรคndischer Nachrichten und Fotograf. Aufschnaiter begann schnell mit der erstmaligen Planung eines Wasserkraftwerks sowie eines Abwassersystems und unternahm Versuche zur Regulierung von Flรผssen und zur Wiederaufforstung.

Harrer traf den 14. Dalai Lama (geboren 1935) zum ersten Mal in dessen Winterresidenz, dem Potala-Palast. Mit Hilfe eines von einem Jeep-Motor angetriebenen Projektors drehte er fรผr seine Heiligkeit einen Film รผber das Eislaufen, eine von den exotischen Auslรคndern in Tibet eingefรผhrte neue Sportart, das โ€žAuf Messern Laufenโ€œ.

Der verwegene Europรคer begann, den wissbegierigen Asiaten in Englisch, Geographie, Weltpolitik und Wissenschaft zu unterrichten und diskutierte mit ihm รผber Buddhismus und westliches Denken. Sie schlossen eine lebenslange Freundschaft und trafen sich im Laufe der Jahre regelmรครŸig.

Bildquelle: Puddin Tain, CC BY-SA 2.0, Wikicommons
Bildquelle: Puddin Tain, CC BY-SA 2.0, Wikicommons

Flucht und ewiger Ruhm

Nach der chinesischen Invasion Tibets im Oktober 1950 reiste Harrer รผber das damals noch unabhรคngige Sikkim im Mรคrz 1951 nach Indien. Aufschnaiter wollte so lange wie dort mรถglich bleiben und kam schlieรŸlich Anfang 1952 nach Nepal, wo er den grรถรŸten Teil seines Lebens verbrachte.

Der Dalai Lama selbst musste im Mรคrz 1959 aus seiner Heimat fliehen, nachdem ein bewaffneter Aufstand von den Chinesen niedergeschlagen worden war, und wรคhlte die nรถrdliche indische Kleinstadt Dharamsala als permanentes Exil.

Im Jahre 1952 zurรผck in ร–sterreich, dokumentierte Harrer seine erstaunlichen Erfahrungen in dem Buch Sieben Jahre in Tibet (1952), das in 53 Sprachen รผbersetzt wurde, sowie dem weniger bekannten Das alte Lhasa (1953). Ersteres war auch die Grundlage einer Dokumentation (1956) und eines Streifens mit Brad Pitt (1997). Aufschnaiters eigene sehr einfรผhlsame Arbeit mit dem verwirrenden Titel Acht Jahre in Tibet enthรคlt viele seiner Bilder und Skizzen.

Abenteuerliche Herzen

Ab 1953 fรผhrte Harrer wegweisende Expeditionen in den Amazonas, nach Alaska, in die Anden, nach Zentral- und Westafrika, einschlieรŸlich des Kongo.

1962 bestieg er in der indonesischen Provinz Papua als erster den hรถchsten Gipfel Ozeaniens, als Puncak Jaya oder Carstensz-Pyramide bekannt, wo er mit viel Glรผck einen Sturz von einem Wasserfall รผberlebte und unbewaffnet einheimischen Kopfjรคgern entging.

Harrer, ein Golfchampion in seinen spรคteren Jahren, der 1958 und 1970 die ร–sterreichischen Meisterschaften gewann, bereiste weiterhin die Welt und erkundete unter anderem den Sudan, Grรถnland und Bhutan.

Was รผbrig blieb

Er besuchte Tibet 1982 erneut und in Rรผckkehr: Tibet nach der chinesischen Besetzung (1984) beschrieb er seine Gefรผhle in Bezug auf das, was er beobachtet hatte: โ€žWertvolle kulturelle Schรคtze waren von den Invasoren zerstรถrt worden, (โ€ฆ) doch die Religiositรคt im Lande war immer noch stark und es gab sowohl bewaffneten Widerstand gegen die Chinesen als auch ein unauslรถschliches Nationalgefรผhl.โ€œ

Das 1983 in seinem Geburtsort gegrรผndete Harrer-Museum widmet sich seinem zweiten Zuhause, dessen natรผrliche Schรถnheit und freundliche Menschen er fรผr den Rest seines Lebens vermissen sollte.

Seine Autobiographie Mein Leben erschien 2002. Er drehte ungefรคhr 40 Dokumentarfilme und lieferte Fotografien, die als die besten Zeugnisse jener traditionellen tibetischen Kultur gelten, die grรถรŸtenteils von arroganten kommunistischen Barbaren vernichtet wurde.

Harrer war insgesamt dreimal verheiratet: mit Lotte Wegener, die ihm 1939 wรคhrend seiner Internierung Sohn Peter schenkte, Margaretha Truxa und Katharina Haarhaus.

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