Von A. M. Berger
Die westlich geprรคgte liberale Demokratie stelle das Ende, im Sinne eines Zenith, der Geschichte dar, schrieb Fukuyama bekanntlich nach dem Fall des eisernen Vorhangs. Diese Form der gesellschaftspolitische Ordnung sei der hรถchste Ausdruck menschlicher Zivilisation und politischer Entwicklung. Inzwischen scheint allerdings genau diese Ordnung an der Vorfront des zivilisatorischen Zerfalls zu sein.
Die liberale Demokratie, welche im Ersatz der konventionellen Religion zu einem geradezu religiรถsem Heiligtum erhoben worden ist, wird im Diskurs gegenรผber den unfreien Autokratien bevorzugt, allen voran Russland und China, aber auch erlesene andere Staaten, welche ad hoc zu solchen Autokratien verklรคrt werden, sobald ein unliebsames Regime die Macht halten sollte. Grundwerte dieser liberalen Demokratie sollen der freie Diskurs, die individuelle Mitbestimmung und die gegenseitige Toleranz sein – was inzwischen fast schon wie eine Verhรถhnung klingt, wenn man sich den Zustand dieser liberalen Demokratie aus der Nรคhe anschaut.
Der Diskurs in den meisten dieser liberalen Demokratien zeigt eine klare Tendenz gegen alles, was ursprรผnglich als Grundstein der liberalen Demokratie galt – das hindert die „Postdemokratie“ nicht daran sich auf unverschรคmte Art mit diesen Tugenden zu schmรผcken. Der freie Diskurs gilt so lange, bis eine Ideologie proklamiert wird, welche der faktischen Macht wahrhaftig unbequem erscheint, und kurzerhand ist das Verlangen, politische Parteien zu รคchten oder gar zu verbieten wieder im Mainstream angekommen.
Mitbestimmung ist wohl schรถn und gut, nicht aber wenn es um angebliche „wissenschaftlich Tatsachen“ wie z.B. der Klimakrise bzw. Klimakatastrophe bzw. Klimaapokalypse geht. Eine solche kritische Situationen steht eindeutig รผber der Demokratie als Konzept der Mitbestimmung der Bรผrger. Eine der Klรคgerinnen, die das fehlende Handeln der Schweiz bezรผglich des Klimas vor das Europรคische Menschenrechtsgericht brachte, bringt es auf den Punkt:
โEs ist der Konflikt zwischen dieser Idee der Demokratie als nur das, was die Leute wรคhlen, und Demokratie die einige wesentliche universelle Rechte beinhaltet, welche unabhรคngig dessen gelten, was die Mehrheit entscheidet.โ
Der Begriff der Demokratie wird vรถllig seiner Bedeutung entleert und mit einer gรคnzlich anderen befรผllt. Walter Ulbricht mit seinem berรผhmten Zitat โEs muss demokratisch aussehen, aber wir mรผssen alles in der Hand habenโ, war dagegen ein Amateur, denn er stimmte immerhin noch der gรคngig akzeptierten Definition einer Demokratie zu.
So schwer es nรคmlich ist, den Begriff der Demokratie zu definieren – der kleinste gemeinsame Nenner dรผrfte die Einsicht sein, dass ein demokratisches System durch den Willen des Volkes legitimiert wird, und das diesem รผber unterschiedliche Mechanismen auch ein Niveau an Mitbestimmung zugestanden wird. Die Definition dieser Aktivistin negiert diese vollkommen essenziellen Eigenschaft der Demokratie und stellt stattdessen sehr konkrete und willkรผrliche Werte darรผber. Hiermit wird klar die inzwischen gรคngige Tendenz des Diskurses der liberalen Demokratien markiert.
Indem alles mรถgliche nun zu diesen โuniversellen Rechtenโ erhoben wird (sei es die Klimapolitik, Gender-Ideologie, Masseneinwanderung, Unterbindung rechter Ideologien, usw.), hat die Demokratie letztlich keine Bedeutung mehr. Das Korsett der zulรคssigen Ideologien und Ansichten ist dermaรen eng, dass es schlussendlich vรถllig gleichgรผltig ist, wer oder was gewรคhlt wird. Die umzusetzende Politik der grossen Themen ist bereits durch diese technokratische Betrachtung im Vorhinein entschieden. Nebst dem pathetischen Schauspiel, alle paar Jahre einen Fetzen Papier in einen verherrlichten Mรผlleimer zu werfen, unterscheidet sich dieses System nicht mehr merkbar von den bรถsen Autokratien.
Die Stagnation, welche westliche Staaten erleben, wird nicht mal mehr geleugnet. Es wird nicht einmal so getan, als gรคbe es eine optimistische Zukunft zu erwarten. Stattdessen spricht man von Selbsteinschrรคnkung und โde-growthโ, weniger Autofahren, weniger Reisen, weniger Fleisch, kleinere Wohnungen, weniger von allem was irgendwie Freude macht, dafรผr aber mehr Einwanderung, mehr Kriminalitรคt, mehr ineffiziente โerneuerbareโ Energien und mehr Steuern, um all das zu bezahlen.
Allerdings ist dieser Verfall nicht wirklich selbstauferlegt, sondern scheint eher dieser postmodernen Neudefinierung der Demokratie zu folgen. Eine klare Mehrheit meint, dass es zu viel Einwanderung gibt, ebenso war eine Mehrheit gegen den Atomausstieg, und eine grosse Mehrheit der Bevรถlkerung will weiterhin Fleisch essen, Auto fahren und hin und wieder verreisen. Zumindest erschliesst sich das daraus, dass sie es ja ungeniert tut, sofern sie die Mittel dafรผr hat. Wahrscheinlich kann man sogar auch davon ausgehen, dass ein Groรteil der Bevรถlkerung die eigene Kultur bewahren (und auch als solche bezeichnen) will und รผberzeugt ist, dass es nur zwei Geschlechter gibt.
Was also auch immer diese Art von Demokratie sein soll, die hier wirkt, es ist klar, dass sie nicht den mehrheitlichen Willen politisch umsetzt. Das Problem liegt weniger dem alteingesessenen Konzept der Demokratie zu Grunde, sondern dieser postmodernen Pseudodemokratie, welche mit dem, was man frรผher Demokratie nannte, offenbar kaum noch etwas gemeinsam hat.
Es scheinen gerade die Staaten, die uns immerzu als Autokratien vorgefรผhrt werden, viel mehr nach dem Willen der Bevรถlkerung zu handeln, als die Demokratien am „Ende der Geschichte“. Viele dieser Autokratien schaffen einen mehr oder weniger wachsenden Wohlstand, verfรผgen รผber ein vernรผnftiges Maร an รถffentlicher Sicherheit und versuchen nicht krampfhaft die Kultur und Ethnie ihres eigenen Landes zu bekรคmpfen.
All das, was uns von Autokratien unterscheidet – der Verzicht auf aggressive Rhetorik, wirtschaftliche Isolation oder das Fรผhren von Kriegen – ist bei nรคherer Betrachtung Tagesgeschรคft unserer Regierungen: Demokratie, die mit Partizipation der Bรผrger nichts mehr am Hut hat; freie Meinungsรคuรerung, welche bekanntlich nicht Freiheit von Konsequenzen bedeutet; und eine freie Politik, welche darauf aus ist, Oppositionsparteien zu delegitimieren oder zu verbieten (oder, wie in den USA, den Oppositionsfรผhrer hinter Gitter zu bringen).
Das, was das Ende der Geschichte hรคtte sein sollen, hat sein eigenes Ende erreicht. Es existiert nur noch als Simulation, als leere Hรผlle von dem, was einstmals vielleicht gar keine so schlechte Idee war. Obgleich das Prinzip, dass โder Zweck eines Systems ist, was es tutโ besagt, dass dieser unvermeidbare Endzustand es nun doch fรผr unbrauchbar erklรคrt. Ironischerweise ist die Tendenz vรถllig konvergent in Richtung Autokratie bzw. Technokratie, wenn man รผber diese Maskerade hinweg schaut. Doch gerade die Maske ist das einzige, was von der liberalen Demokratie bleibt. Sie wird umso vehementer verteidigt werden, um keinesfalls die tatsรคchlichen Zustรคnde anerkennen zu mรผssen. Daher auch der alte Sinnspruch: Nichts passiert jemals.

