Unsere Medien enttรคuschen selten. Dabei konsumieren wir sie in der Hoffnung, eines schรถnen Tages zu entdecken, dass das, was man uns stรคndig vorhรคlt, mรถglicherweise der Wahrheit entspricht – nรคmlich der, dass wir in einer Filterblase lebten und voller unbegrรผndeter Vorurteile wรคren.
Lรคsen wir genau, wรผrden wir schon merken, dass die angesagten Zeitungen um eine neutrale Berichterstattung bemรผht sind. Da wir tatsรคchlich offenen Geistes sind und uns ungern in Schubladen stecken lassen (und uns vor allem interessiert, was die jungen Menschen als zukรผnftige Steuerzahler und Wรคhler so umtreibt), greifen wir gerne zu den Jugendmagazinen der etablierten Medien.
Immer dasselbe
Man klickt sich durch, liest an und manchmal auch zu Ende. Denn man gibt nicht auf. Nein, irgendwo muss doch irgendwas stehen, das nicht schon in der รberschrift oder den ersten Zeilen deutlich werden lรคsst, dass dieses Magazin nichts anderes im Sinn hat, uns entweder lรคcherlich zu machen oder gleich als minderwertigen Abschaum zu klassifizieren.
Irgendwann landet man dann bei Beitrรคgen aus dem Jahr 2019, wie dem folgenden: Eine junge Syrerin kam vor drei Jahren nach Mรผnchen und hat sich nun entschlossen, den Deutschen von ihren Erfahrungen seit ihrer Ankunft zu berichten. Der Artikel trรคgt die รberschrift: โWas mich an euch Deutschen wundertโ.
(https://www.jetzt.de/politik/was-an-euch-deutschen-anders-ist-als-ich-dachte)
Lassen Sie, liebe Leser, diese รberschrift bitte einen kurzen Moment auf sich wirken. Sehen Sie sich dann die URL an. Bevor Sie auf den Link klicken, wird bereits klar: Die Autorin hatte eine Erwartungshaltung, die nicht erfรผllt wurde – tja, so ist das manchmal im Leben.
Der Artikel rechnet dann auch wirklich mit den Deutschen und ihren Gewohnheiten, Strukturen, ihrer Bรผrokratie und sogar dem Umgang mit รคlteren Mitmenschen ab.
Zuhause war alles besser
Die Polizei gilt als grundsรคtzlich Angst einflรถรend, wir bewegen uns unkoordiniert vorwรคrts, lachen nicht, und ja, wir fahren sogar mit dem Fahrrad alle auf der gleichen Seite, das stelle man sich einmal vor.
Schnell merkt die junge Dame, dass in Deutschland manches anders funktioniert als in Syrien. Und so reiht sich eine Anklage an die andere. Es fehlt kein Seitenhieb, nicht auf mangelnden Willen, ihr auf englisch zu antworten (der Vorwurf der mรถglichen Fremdenfeindlichkeit fehlt nicht), nicht auf die Art und Weise, wie wir liebe Geburtstagskinder beglรผcken. Natรผrlich handhaben Syrer in Syrien das alles viel besser, viel menschlicher.
Es drรคngt sich die Frage auf, warum die Autorin dennoch in Mรผnchen blieb und sogar zugibt, dass sie sich mittlerweile einigermaรen arrangiert hat:
โNatรผrlich habe ich mich an viele eurer Eigenarten schon gewรถhnt โ einige davon mag ich mittlerweile sogar sehr. In manchenย Situationen รคrgere ich mich aberย immer noch, vielleicht auch, weil ich einfach doch noch nicht verstanden habe, was dahintersteckt.
Aber gerade das macht das Leben in Mรผnchen, meiner zweiten Heimat nach Aleppo, auch so wahnsinnig interessant: Jeden Tag erlebt man etwas Komisches und Neues. Und keine Sorge, ich weiร schon, dass es euch mit mir sicher genauso geht. Ich bin auch manchmal komisch.โ
Dann geh doch zu Netto!
Mit diesen Worten endet ihr Beitrag. Komisch ist allerdings einiges an der Wahrnehmung der Autorin: Im ganzen Artikel verweist nur ein einziger Nebensatz darauf, dass das Leben in Aleppo wohl doch nicht so rosig und sicher ist, trotz der tollen Menschen und deren liebevollen und frรถhlichen Umgangs miteinander.
Ob sie sich wohl einmal die Frage gestellt hat, warum es sicherer ist, in Deutschland statt in Syrien zu leben? Vielleicht liegt es ja zum Teil an den Gegebenheiten, รผber die sie sich hier wundert.
Deutschland ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Natรผrlich ist es ernรผchternd, wenn man um Hilfe bittet am ersten Arbeitstag und die Antwort erhรคlt: โSorry, nicht mein Job.โ
Und wer kann kein Lied รผber die absurden Blรผten singen, die unsere Bรผrokratie treibt? Auch mรถchte man niemandem sein Recht auf eine eigene Meinung absprechen, persรถnliche Wahrnehmung ist und bleibt jedem unbenommen.
โCoolโ geht auch anders
Nur gilt das eben auch fรผr die Gegenseite. Wenn die Jugendmagazine es sich also auf die Fahnen geschrieben haben, anders Denkende an den Pranger zu stellen und keine Gegenpositionen zu Wort kommen zu lassen, dann brauchen sie sich nicht zu wundern, dass ihnen die Abonnenten davon laufen.
Denn im Gegensatz zur unserer jungen Syrerin und den Redaktionen eben dieser Magazine, gibt es zum Glรผck doch noch einige, die offenen Geistes sind und wissen, dass man sich eine eigene Meinung nur bilden kann, wenn man beide Seiten angehรถrt hat.
Wird man fรผr diese Erkenntnis dann noch in Umkehrung aller etablierter Logik beschimpft, engstirnig zu sein, schlieรt man besser die entsprechende Webseite und tut das, was Sie gerade machen: Krautzone lesen.

