Zwei Bundestagsabgeordnete, Georg Nรผรlein (CSU) und Nikolas Lรถbel (CDU), haben ihre Parteibรผcher abgegeben, ihre Mandate werden demnรคchst folgen. Der Grund: Beide vermittelten Deals รผber die Lieferung von Corona-Masken und erhielten jeweils mehrere Hundertausend Euro Provision.
Groรer Aufschrei also jetzt bei der CDU/CSU, hektisch versucht man reinen Tisch zu machen, immerhin stehen Wahlen an. Der Schaden fรผr das politische System als Ganzes รผbersteigt allerdings bei weitem die lรคppischen Prozentpunkte, die dieses Schmierentheater die Regierungspartei kosten wird.
Die ganze Tragweite
In Deutschland blicken derzeit hundertausende Menschen in den Abgrund ihrer beruflichen und sozialen Existenz. Der Staat mag mit vielen Milliarden Euro versuchen all die Selbststรคndigen und ihre Beschรคftigten zu retten, aber letztendlich wird er scheitern.
Weder ist die Verwaltung in der Lage die Hilfsgelder pรผnktlich und zielgerichtet freizugeben, noch werden sich die klaffenden Lรถcher in den Auftragsbรผchern mit inflationiertem Papiergeld stopfen lassen.
Und dann sind da noch all die Schรคden, sie sich mit Geld sowieso nicht beheben lassen. Der staatlich verordnete Hausarrest hat Beziehungen zerstรถrt und Menschen in den Wahnsinn getrieben. Feste konnten nicht gefeiert und Sterbende nicht verabschiedet werden. Die Schรผler haben ein komplettes Unterrichtsjahr verloren. Es klingt wie Krieg, aber es ist dann doch etwas ganz anderes.
Das alles verquickt sich mit der offensichtlichen Unfรคhigkeit der Bundesregierung. Ob es nun um die Beschaffung von Impfstoffen oder Tests geht, die Impfung selbst oder den Umgang mit den Fallzahlen – es herrscht ein Chaos, in dem sich weder die Kanzlerin, noch einer ihrer Ministerprรคsidenten als Krisenmanager profilieren kรถnnen.
Die Wochen verstreichen, die Bรผrger werden ungeduldiger und merken zunehmend, dass nicht ein trockener Husten aus Wuhan das Problem ist, sondern die Politik selbst.
Verlorenes Vertrauen
In dieser Situation haben also zwei (oder vielleicht auch mehrโฆ) Abgeordnete der Regierungspartei den vรถllig hirnrissigen Einfall, sich ausgerechnet an dem Gut zu bereichern, das zum ultimativen Symbol der Coronakrise geworden ist: Der Maske.
Was soll also der geknechtete und schikanierte Bundesbรผrger des Jahres 2021 von der Regierung und dem gesamten politischen System seines Landes halten? Und was will die Bundesregierung und die ihr angeschlossenen Medien dem Bรผrger antworten?
15 Jahre Merkel, das bedeutet 15 Jahre lang die sukzessive Abschaltung all jener Systemfunktionen, die den Wert einer Demokratie ausmachen: Die Reformierbarkeit, die Neuausrichtung, der Austausch von Eliten. Aus dieser Logik heraus handelnd stellt der politmediale Komplex jeden kritischen Bรผrger in eine dieser finsteren Ecken, in der sich der Verfassungsschutz gerade in aller Ruhe einrichtet.
Man kann die wachsende Zahl der Bรผrger, die die Korruption des herrschenden Systems anprangern, kriminalisieren. Das kann man sehr weit treiben, von indirekten Verdรคchtigungen bis hin zu รถffentlichen Tribunalen.
Aber man kann diese Bรผrger nicht mehr davon รผberzeugen, dass die Sache mit Nรผรlein und Lรถbel ein Ausrutscher war, ein โbedauerlicher Einzelfallโ und damit menschliches Versagen. Die beiden Abgeordneten sind nicht die Krankheit, sondern bloร ein Symptom.
Wozu kann das also nun fรผhren, wenn in einer krisenhaften Situation wie der jetzigen solche Schlagzeilen, wie jene รผber Nรผรlein und Lรถbel, dem Bรผrger ins Auge springen? Steckt er solche Meldungen weg, wie er scheinbar auch alle anderen Meldungen wegsteckt? Oder zeichnet sein innerer Seismograph alle Empรถrungen mit? Sind die vielen kleinen, krakeligen Ausschlรคge nicht Warnung vor dem groรen Beben?
Die Goldenen Zwanziger
Auf einem Vulkan zu tanzen und die Seismographennadel aufspringen lassen, das war rรผckblickend das Lebensgefรผhl einer Generation, die zwischen zwei Weltkriegen ihre Orientierung verlor und es mal so richtig krachen lassen wollte. Rรผckblickend, wie gesagt.
Die tragische Erzรคhlung der Weimarer Republik, die in den letzten Jahren an Popularitรคt gewonnen hat, folgt stets diesem Narrativ: Weimar war ein demokratisches Experiment, ein faszinierender Versuch, der hรคtte glรผcken kรถnnen, wenn die verdammten Extremisten, vornehmlich die mit den braunen Hemden, nicht das Laboratorium vom Tisch gefegt hรคtten.
Was bei diesem Kapitel aus der groรen Erzรคhlung des deutschen Sonderwegs leider immer unter den Tisch gekehrt wird, ist der Umstand, dass auch die Weimarer Regierung Vertrauen verspielte. Dass auch unter den Abgeordneten ihrer groรen und staatstragenden Parteien Charakterlumpen und Raffgeier walteten, deren Machenschaften Millionen von Bรผrgern empรถrten und schlieรlich dessillusionierten.
Die Journalistin Nathalie Bรถgel hat ein Buch รผber dieses Jahrzehnt geschrieben, das mancher Blender heute als โschillerndโ preist. โBerlin. Hauptstadt des Verbrechens. Die dunkle Seite der Goldenen Zwanzigerโ ist ganz bestimmt leichte Kost. Die Autorin wollte offensichtlich auf der Erfolgswelle schwimmen, die von Volker Kutschers Krimireihe rund um den Kommissar Gereon Rath ausgelรถst wurde. Das ist nicht abwertend gemeint. Jede Ablenkung ist in diesen Wochen herzlich willkommen. Aber die Fรคlle in Bรถgels Buch zeigen dann doch ganz eindrucksvoll, entlang welcher Sollbruchstellen ein politisches System zerstรถrt wird.
Es liegt also nicht an den Vergangenheitsbewirtschaftern aus Politik und Medien den Zeigefinger kreisen zu lassen und mit mahnender Stimme โWehret den Anfรคngenโ zu tรถnen. Es liegt allein an den Bรผrgern unserer Bundesrepublik.

