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„Weihnachten und Ostern feiern wir unter Polizeischutz“

31. Mรคrz 2021
in 13 min lesen

Die koptisch-orthodoxen Christen sind die grรถรŸte christliche Minderheit im Nahen Osten und eine der grรถรŸten Gruppen von orientalischen Christen, die hier in ร–sterreich leben. „Der Levantinische Patriot“ traf den Obmann des Vereins „Koptisch-Orthodoxer Jugend ร–sterreich“, Menas Saweha, zu einem Gesprรคch รผber seine Gemeinde und die Lage der Kopten in ร„gypten.

Der Levantinische Patriot: Herr Saweha, bevor wir beginnen, mรถchten Sie sich kurz persรถnlich, sowie Ihre Position und Arbeit in der koptischen Gemeinde, vorstellen?

Menas Saweha: Sehr gerne. Mein Name ist Menas Saweha, ich bin 26 Jahre alt und angehender Jurist. In der koptischen Gemeinde bin ich als Obmann des 2014 gegrรผndeten koptischen Jugendvereins tรคtig, sowie als Sonntagslehrer.

Desweiteren engagiere ich mich in der โ€žPlattform Christdemokratieโ€œ, einem ZusammenschluรŸ von Bรผrgern, die christliche Anliegen in die Politik bringen mรถchten. Auch politisch war und bin ich aktiv, bei den beiden Nationalratswahlen 2017 und 2019 kandidierte ich auf der Wiener Landesliste der ร–VP.

Beide Male konnte ich auch ein gutes Vorzugsstimmenergebnis einbringen, was gezeigt hat, daรŸ Christen eine Chance haben, ihre Anliegen in die Politik zu bringen, wenn sie sich gut vernetzen.

LP: Wie viele koptisch-orthodoxe Christen leben denn eigentlich in Wien ?

Saweha: Also in Wien haben wir ca. 5.000 bis 6.000 Mitglieder, รถsterreichweit sind es ungefรคhr 10.000. In Wien gibt es insgesamt sechs koptisch-orthodoxe Kirchengemeinden, die รผber die Stadt verstreut sind.

Ein groรŸer Grund zur Freude fรผr uns war es, als uns der Wiener Kardinal Schรถnborn die Kirche โ€žMaria vom Siegeโ€œ im 15. Wiener Gemeindebezirk schenkte. Zur รœbergabezeremonie reiste damals sogar der Patriarch der Koptisch-Orthodoxen Kirche aus ร„gypten an.

LP: Fangen wir gleich mit dem Thema ร„gypten an: Wie beurteilen Sie die Lage der koptischen Christen vor Ort, vor allem nach dem Sturz von Mohammed Mursi ?

Saweha: Das ist natรผrlich ein spannendes Thema. Man muรŸ sich mal anschauen, wie es den Kopten denn รผberhaupt in ร„gypten ging. ร„gypten war ja durch die Missionierung des Apostel Markus ein christliches Land.

Vor 1400 Jahren wurde das Land dann durch den Islam erobert, im Zuge dieser Islamisierung starb auch die koptische Sprache aus, die heute nur noch als Liturgiesprache dient. In dieser Zeit herrschte auch eine starke Christenverfolgung, die sich aber in den folgenden Jahrhunderten legte.

Damals gab es auch Christen in hohen Staatspositionen, etwas was heute undenkbar wรคre. Man lebte, manchmal besser, manchmal schlechter, zusammen.

Das รคnderte sich Ende der 70er und Anfang der 80er, als der politische Islam immer mehr EinfluรŸ in der Region gewann. Ab diesem Zeitpunkt wurde es auch immer brennzliger fรผr die Kopten. Es begann damit, das Prรคsident Sadat den koptischen Patriarchen in einem Kloster unter Hausarrest stellte. Ein solcher Eingriff in die Autonomie der Kirche war vorher undenkbar.

Auch unter Mubarak verรคnderte sich dies nicht wesentlich: Zwar griff er weder die koptische Kirche, noch die Christen je รถffentlich an, jedoch lieรŸ er Extremisten wie die Muslimbrรผder gewรคhren, im Austausch gegen ihre Nicht-Auflehnung gegen seine Herrschaft. Im Gefรคngnis wurden sie zB. wesentlich besser behandelt, als andere Gefangene. Dadurch konnten sich Untergrundnetzwerke bilden.

Dann wurde Mursi Prรคsident, der zur Muslimbruderschaft gehรถrte. Wie kam es dazu? Zuerst ist zu sagen, das Mursi zur Zeit der Revolution im Gefรคngnis saรŸ und durch eine Erstรผrmung durch Demonstranten befreit wurde.

Die Muslimbrรผder selbst gelangten, teils durch Gewalt aber teilweise auch durch demokratische Legitimation, an die Macht. Viele Menschen wรคhlten die MB, weil sie von ihnen mit Wahlgeschenken in Form von Lebensmitteln versorgt wurden.

Zudem gab es nach der Prรคsidentschaftswahl 2012 hinweise, daรŸ die Muslimbruderschaft mit massiver Gewalt gedroht hatte, sollte man nicht Mursi zum Prรคsidenten erklรคren, sondern seinen Konkurrenten Ahmad Shafik, der nur knapp verlor.

LP: Betreffend der Revolution von 2011: Wie nahmen die Kopten in ร„gypten, aber auch hier in ร–sterreich, die Ereignisse von damals war? Unterstรผtzte man die Demonstranten oder stand die Mehrheit dem Ganzen doch skeptisch gegenรผber?

Saweha: Am Anfang war natรผrlich eine gewisse Skepsis dar, sich mit einem Prรคsidenten, der bereits seit 30 Jahren an der Macht war, und seinem fรผr Folter und Mord gefรผrchteten Staatsapparat anzulegen.

Auch die Koptische Kirche rief am Anfang zur Zurรผckhaltung auf, sie hielt sich im GroรŸen und Ganzen aber heraus, denn sie ist schlieรŸlich eine geistliche und keine politische Organisation. Trotzdem demonstrierte man dann gemeinsam mit seinen muslimischen Mitbรผrgern. Wรคhrend der Jรคnnerrevolution gab es de facto keinen Unterschied zwischen Christen und Muslimen auf den StraรŸen.

Verschรคrft hat sich alles erst, als Mursi an die Macht kam. Es kam zu dutzenden Angriffen auf Kirchen in ร„gypten, zu Attacken auf hohe Wรผrdentrรคger.

Wรคhrend der Julirevolution 2013 dann, als Massendemonstrationen General al-Sisi dazu ermรคchtigten, Mohammed Mursi abzusetzen, waren die Kopten sehr aktiv, sie waren รผberzeugt, daรŸ diese Revolution notwendig ist, denn es ging de facto um Leben und Tod. Im Jรคnner 2011 wollte man einfach nur ein korruptes Regime loswerden, und ein demokratisches ร„gypten ausprobieren.

LP: Kam es zu Spannungen zwischen Anhรคngern und Gegnern von Mubarak in ร–sterreich?

Saweha: Nein, denn auch hier hat man erkannt, daรŸ es eine Chance ist, auch wenn man am Anfang ebenfalls vorsichtig war. Wir haben auch schon vorher Demonstrationen in Wien veranstaltet, als es beispielsweise zu Anschlรคgen in ร„gypten kam, wie 2010 in Alexandria.

Von diesem Anschlag weiรŸ man mittlerweile, daรŸ das รคgyptische Innenministerium im Vorfeld Kenntnis besaรŸ. Das bedeutet, daรŸ das Mubarak-Regime einen Terroranschlag auf Christen mit 20 Toten in Kauf genommen hat bzw. ihn zumindest toleriert hat. Dadurch war fรผr uns klar, daรŸ dieses Regime weg muรŸ.

Wir waren hier in Wien immer wieder laut und haben die Menschen aufgefordert, genau hinzuschauen, was den Kopten in ร„gypten widerfรคhrt.

LP: Wie ist denn das Verhรคltnis der Kopten zum aktuellen Prรคsidenten al-Sisi ? Die Kopten gelten ja als treue Anhรคnger seiner Prรคsidentschaft.

Saweha: Meine persรถnliche Meinung dazu ist, daรŸ es das beste war, was uns passieren konnte, als al-Sisi Prรคsident wurde. Unter Mursi ist das Land schlichtweg mit Hochgeschwindigkeit auf den Abgrund zugerast.

Die Grenze zu Libyen war offen, die Grenze zu den palรคstinensischen Gebieten lรผckenhaft. Terroristen und Waffen konnten so ins Land sickern. Mit den Folgen haben wir noch heute zu kรคmpfen, der Sinai ist immer noch ein Aktionsgebiet von islamistischen Terroristen. Mursi und die Muslimbrรผder haben das toleriert.

Al-Sisi hat sich dazu verpflichtet gefรผhlt, ร„gypten zu schรผtzen und Mursi zu entfernen. Sisi hat anfangs erklรคrt, daรŸ er ร„gypten nicht regieren mรถcht
e, was ich ihm auch ehrlich glaube. Ich denke, daรŸ er die Bรผrde der Prรคsidentschaft am Anfang gar nicht tragen wollte. Damals stand ja der Vorsitzende des OberstenVerfassungsgerichts, Adli Mansur, als zukรผnftiger Prรคsident zur Debatte, der aber ablehnte.

Daraufhin gingen Millionen Demonstranten auf die StraรŸe, die Sisi dazu auforderten, Prรคsident zu werden. Er gewann schlieรŸlich die Wahl, auch wenn es keinen seriรถsen Gegenkandidaten gab.

Fรผr uns Christen hat sich vieles verbessert: Er lieรŸ alle niedergebrannten Kirchen auf Kosten des Staates wiederaufbauen, er hat die grรถรŸte Kathedrale im Nahen Osten erbauen lassen und, ein vรถlliges Novum, er besuchte den Papst zur Weihnachtsmesse in der Markuskathedrale.

Sowas gab es unter 30 Jahren Mubarak nie. Al-Sisi hat das sogar als Tradition verankert. Und natรผrlich ist das ein Zeichen der Wertschรคtzung fรผr die Kopten. Nach dem Mord an 21 Kopten durch den IS in Libyen, befahl al-Sisi sofort einen Angriff auf den IS. Und erst, als das Blut unserer Mรคrtyrer gerรคcht wurde, ging al-Sisi zum koptischen Patriarchen, um ihm sein Beileid auszusprechen.

Dennoch ist auch Kritik angebracht. Die Amtszeit von al-Sisi muรŸ begrenzt sein, wie es in einem republikanischen Staat รผblich ist. Es darf kein zweiter Mubarak erschaffen werden.

LP: Ein grundsรคtzlicher Punkt zur Demokratie: Kann diese Regierungsform im Nahen Osten รผberhaupt funktionieren? Viele Staaten sind multireligiรถse und multiethnische Gebilde. Wรผrde eine Massendemokratie nach westlichem Vorbild in solchen Lรคndern eingefรผhrt werden, kann das zusรคtzliche Unruhe und Feindseligkeit stiften, da die jeweilige ethnisch-religiรถse Mehrheit die Minderheiten einfach รผberstimmt.

Macht, EinfluรŸ und Herrschaft fallen dann denjenigen zu, die die Mehrheit stellen. Im Libanon lรถste der Zustrom sunnitischer Palรคstinenser den Bรผrgerkrieg aus. Brauchen orientalische Lรคnder nicht zwangslรคufig eine autokratische Regierung ?

Saweha (denkt kurz nach): Heute ja. Lรคngerfristig wรผnsche ich mir natรผrlich, daรŸ das nicht mehr der Fall ist. Es stimmt, daรŸ man die MaรŸstรคbe des Westens, was Meinungsfreiheit, Demokratie, Partizipation an der Politik, etc. betrifft, nicht eins zu eins auf den Nahen Osten รผbertragen.

Es ist nun mal Fakt, und das Versuche ich auch Diskussionspartnern aus dem Westen zu erklรคren, daรŸ die Mentalitรคt in dieser Region einfach eine vollkommen andere ist. Wรผrden wir europรคische MaรŸstรคbe an ร„gypten anlegen, kรถnnte die Regierung nicht mehr zum Wohle des Landes arbeiten.

Beispielsweise kรถnnte dann die Polizei keine Demonstrationen der Muslimbrรผder, oder anderer Gruppen, die Chaos stiften wollen, mehr auflรถsen. Dann wรผrde sofort Amnesty International kommen, und auf die Versammlungsfreiheit und Meinungsfreiheit hinweisen.

Demokratie muรŸ aber auch gelernt werden. Auch in Europa ging das nicht von heute auf morgen, es muรŸte durch die Nazi-Herrschaft, den Zweiten Weltkrieg, etc. um die heutigen Standards zu erreichen. ร„gypten war zudem lange ein besetztes Land, Briten, Franzosen und Tรผrken regierten uns lange.

LP: Kommen wir zur Lage der Kopten in ร–sterreich. Wie erlebt die koptische Gemeinde die Diskussionen um muslimische Einwanderer? Wie nehmen sie den wachsenden EinfluรŸ des Islamismus in ร–sterreich war?

Saweha: Einerseits geht es den Kopten wie jedem anderen ร–sterreicher auch: Man mรถchte eine geregelte Einwanderungspolitik. Niemand soll unregistriert nach ร–sterreich einreisen dรผrfen.

Andererseits bekommen gerade wir, als altorientalische Christen, den ansteigenden Islamismus ganz konkret mit. Sei es aufgrund von gezielten Drohungen gegen unsere Kirchen oder durch das beschmieren unserer Kirchen mit IS-Aufschriften.

Vor ein paar Jahren muรŸten wir sogar einen Gottesdienst aufgrund einer Drohung absagen. Weihnachten und Ostern feiern wir unter dem Schutz der WEGA.

Man denkt sich dann schon seinen Teil รผber diesen traurigen Zustand. Wir haben Gemeindemitglieder, die vor religiรถser Verfolgung aus ร„gypten nach ร–sterreich geflohen sind, und dann aber hier Weihnachten unter Polizeischutz feiern mรผssen. Aber es sind nicht nur wir Kopten.

Auch andere orientalische Christen, wie die Syrisch-Orthodoxen, kรถnnen sich nur darรผber wundern, daรŸ in ร–sterreich Hinterhofmoscheen existieren oder extremistische Prediger auftreten dรผrfen. Ich meine, wir haben ja unsere Heimatlรคnder nicht verlassen, damit uns dieselben Leute hier wieder bedrohen.

Gott sei dank wandelt sich aber etwas, denn die Sensibilitรคt der รถsterreichischen Gesellschaft fรผr die islamistische Bedrohung ist in den letzten Jahren defintiv gestiegen. Nichtsdestotrotz bleibt noch einiges zu tun. Wenn man beispielsweise wegen einem Kopftuchverbot fรผr minderjรคhrige Mรคdchen so viel Gegenwind erfรคhrt, dann lรคuft etwas falsch.

LP: Wie lรคuft denn das Zusammenleben von Muslimen und Kopten in ร–sterreich ab ? Haben Sie in den letzten Jahren eine zunehmende Spannung mitbekommen ? An Schulen, Universitรคten, bei der Arbeit, etc.

Saweha: Meine persรถnliche Wahrnehmung ist, daรŸ es zwei relativ voneinander getrennte Gesellschaften sind. In der Regel, sind die beiden Gruppen abgekapselt von der jeweils anderen, und bleiben dadurch unter sich. Deswegen berรผhren sich Kopten und Muslime im Alltag nicht allzu oft.

Im Berufsleben oder an der Universitรคt kommt es natรผrlich immer wieder zu Berรผhrungspunkten, und gerade als ร„gypter unterhรคlt man sich dann durchaus gerne, wenn man sich trifft. Spannungen gibt es grรถรŸtenteils keine, wiewohl es allerdings dazu kommen kann, sobald es um รคgyptische Politik geht. Vor einigen Jahren gab es jeden Freitag Kundgebungen zur Unterstรผtzung von Mohammed Mursi in Wien.

Die Kopten sind naturgemรครŸ Gegner solcher Demonstrationen von รคgyptischen Muslimen. Deswegen versucht man politische Themen eher zu vermeiden.

LP: Gibt es auch Berichte รผber rassistisch motivierte รœbergriffe auf Kopten durch Muslime oder durch โ€žBio-ร–sterreicherโ€œ ?

Saweha: Angriffe von ร–sterreichern auf Kopten sind mir keine bekannt. Was es aber gibt, daรŸ sind รœbergriffe von Muslimen auf uns. Das beschrรคnkt sich aber nicht nur auf Kopten, sondern betrifft die altorientalischen Christen, wie Syrisch-Orthodoxe, Eritreer oder Armenier, generell.

In den Schulen kommt es beispielsweise immer wieder vor, daรŸ sie wegen ihrer Kreuzkette abschรคtzig angesehen, oder gleich als โ€žKafirโ€œ (=Unglรคubiger) beschimpft werden. Es ist nicht so, daรŸ wir solche Fรคlle nicht den Lehrern und Direktoren melden wรผrden, es passiert aber leider oft nichts.

Teilweise trauen sich die Direktoren keine MaรŸnahmen zu ergreifen, da man sich vor den Reaktionen der muslimischen Eltern fรผrchtet. In solchen Fรคllen merkt man auch das jahrelange Versagen des Wiener Stadtschulrats und der Stadtregierung. Wenn sich ein Direktor eher vor den Reaktionen der Eltern fรผrchtet, als das Problem der Diskri
minierung von Christen anzugehen, dann liegt bei uns einiges im Argen.

Also ja, รœbergriffe kommen vor. Aber speziell wir als Kopten sind an Verfolgung ja gewรถhnt und bisher hat jede Beleidigung, jeder Anschlag und jedes BlutvergieรŸen, unseren Glauben nur weiter verfestigt.

LP: In anderen Lรคndern des Nahen Ostens gab und gibt es unter den Christen Tendenzen, selbst zur Waffe zu greifen, um sich vor Verfolgung zu schรผtzen. In Syrien kรคmpfen verschiedene christliche Milizen, im libanesischen Bรผrgerkrieg kontrollierten christliche Kรคmpfer weite Teile des Landes. Gibt es solche Stimmen auch unter den Kopten in ร„gypten ?

Saweha: Eindeutig nein. Solche Tendenzen gab es nie und wird es bei uns nie geben. Es liegt nicht in der Natur der koptischen Christen, zu den Waffen zu greifen. Sie leben das, was sie predigen: DaรŸ man fรผr den Feind beten soll.

Als es am Palmsonntag 2017 zu den Anschlรคgen in Tanta und Alexandria kam, versammelten sich noch am selben Tag mehrere tausend Kopten, um zu beten. Die Waffen in die Hand zu nehmen und sich zu rรคchen, kam nicht in Frage. Stattdessen haben sie lieber ein โ€žHerr, erbarme dich unser!โ€œ gebetet.

Das bedeutet aber nicht, daรŸ koptische Christen nicht ihre politischen Rechte einfordern. Der verstorbene Patriarch Shenouda hat die Glรคubigen immer wieder dazu aufgerufen, sich fรผr ihre Rechte durch Demonstrationen, das Erheben der Stimmen und Gebete stark zu machen.

LP: Die Kopten in ร–sterreich bilden eine starke Gemeinschaft: Es gibt neben der Kirche eigene Vereine fรผr Sport, Jugendaktivitรคten oder Kultur. Desweiteren wird in vielen Familien Wert darauf gelegt, daรŸ untereinander geheiratet wird.

Auf der einen Seite, ist das natรผrlich genau das, was in den letzten Jahren als โ€žParallelgeselschaftโ€œ oft diskutiert und kritisiert wurde. Andererseits aber, haben Kopten noch nie gegen die รถsterreichische Gesellschaft und Kultur agitiert (Anders als andere sogenannte Parallelgeselschaften). Zudem ist der Wunsch der koptischen Christen, ihre kulturelle Identitรคt auch in der Diaspora zu erhalten, nur allzu verstรคndlich. Wie denken Sie รผber dieses Thema?

Saweha: Ich wรผrde jetzt nicht sagen, daรŸ sich die Kopten von der Mehrheitsgesellschaft abkapseln wรผrden. Aber es ist eben wie in jeder anderen Gemeinschaft im Ausland, daรŸ diese Gemeinschaft der Mittelpunkt des Lebens ist. Auch die Kirche ist ein solcher Mittelpunkt, sowie die Sonntagsmesse, die den Hรถhepunkt der Woche darstellt.

DaรŸ untereinander geheiratet wird, hat auch eine kirchenrechtliche Komponente. Die altorientalischen Kirchen akzeptieren nur Glรคubige mit gleicher Konfession bei der Heirat. Zudem erleichtert ein gleicher Glaube das Zusammenleben oder die Erziehung der Kinder. Trotzdem gibt es aber auch Kopten, die auรŸerhalb der Koptischen Kirche heiraten.

Zu den Vereinen mรถchte ich sagen, daรŸ sie ja dazu existieren, damit die Kopten sich integrieren. Der FuรŸballverein SC Kopten zB. spielt ja auch gegen andere Mannschaften und dadurch kommen unsere Jugendlichen mit Leuten auรŸerhalb der Gemeinschaft in Kontakt.

Es ist auch nicht so, daรŸ Kopten nur zu koptischen ร„rzten gehen und ihre Einkรคufe nur bei koptischen Hรคndlern tรคtigen. Davon hรคtten wir ja auch nichts. Da hรคtten wir ja gleich alle in einem koptischen Dorf in ร„gypten bleiben kรถnnen.

LP: Denken Sie, daรŸ die Kopten ihre Identitรคt in ร–sterreich gut erhalten kรถnnen, damit eine starke koptische Gemeinde existieren kann ?

Saweha: Wir haben das Glรผck, in einem Land wie ร–sterreich zu leben. Seit 2003, ist die Koptisch-Orthodoxe Kirche offiziell als Religionsgemeinschaft anerkannt, was in Europa, so glaube ich, fast einmalig ist. Kein anderes Land hat bisher diesen Schritt getan.

Darรผber hinaus haben wir einen sehr guten Kontakt zur Katholischen Kirche, vor allem zu Kardinal Schรถnborn. ร–sterreich hat uns alles zur Verfรผgung gestellt, um die koptische Identitรคt erhalten zu kรถnnen. Dafรผr sind wir dem Land dankbar.

Auch der Rรถmisch-Katholischen Kirche gebรผhrt Dank, da sie uns Kirchen geschenkt oder zur Verfรผgung gestellt hat. Wir hรคtten gar nicht die Mittel fรผr einen Neubau gehabt. DaรŸ wir koptischen Religionsunterricht in allen Schulstufen anbieten kรถnnen, verdanken wir ร–sterreich und seinen Mรถglichkeiten die es uns bietet.

LP: Wie schรคtzen Sie die Zukunft der Kopten in ร–sterreich, aber auch in ร„gypten und dem Nahen Osten ein? Wie werden sich eventuelle Migrationsstrรถme aus der Region auf die Situation der Kopten in Europa auswirken?

Saweha: Um in Europa zu bleiben: Es wird spannend zu beobachten sein, wie die 2. Generation sich hier etablieren wird. Unsere Eltern kamen in den 80ern und hatten meistens ja nur sehr einfache Jobs. Mittlerweile studieren aber sehr viele koptische Jugendliche, sie werden ร„rzte, Anwรคlte, Ingenieure, etc.

Das erรถffnet groรŸe Chancen fรผr die koptische Community, denn solche Mรถglichkeiten hรคtten wir in ร„gypten nie gehabt. Und wir kรถnnen der hiesigen Gesellschaft etwas zurรผckgeben.

Gleichzeitig wird das รœberleben und Gedeihen der Kopten in Europa von der Einwanderungspolitik abhรคngen. Extremistische Muslime legen ihre Einstellung nicht an der Grenze ab. Wenn sie bereits im Nahen Osten mit einem HaรŸ auf die Christen aufgewachsen sind, werden sie diesen mit nach Europa bringen.

Man kann ihn vielleicht wรคhrend des Asylverfahrens verstecken, aber er ist weiterhin da. Ich kann nur an die Politik appellieren, dieses Problem ernst zu nehmen. Bei den orientalischen Christen, handelt es sich um eine Bevรถlkerungsgruppe, die genau vor solchen islamistischen Strรถmungen geflohen ist. Und jetzt trifft man sie hier wieder? Das ist ein Armutszeugnis fรผr Europa.

LP: Ist angesichts der wachsenden Einwanderung von Muslimen und eines wachsenden EinfluรŸes des Islamismus eine verstรคrkte Abwanderung von koptischen Wรคhlern in ร–sterreich Richtung FPร– bemerkbar ?

Saweha: Es gab unter den orientalischen Christen, bis zur ร„ra von Sebastian Kurz, viele, die mit der FPร– sympathisiert und sie gewรคhlt haben. Allein aus dem Grund, daรŸ die FPร– die einzige Partei war, die das Thema Islamismus รผberhaupt angesprochen hat.

Mittlerweile haben aber auch Gott sei Dank andere Parteien die Wichtigkeit dieses Themas erkannt. Es geht um ja dabei um vieles: Gesellschaftspolitik, Sicherheitspolitik oder Migrationspolitik. Die Einstellung von Sebastian Kurz zu diesen Themen haben vielen orientalischen Christen imponiert.

Beispielsweise war Kurz nur einen Tag nach den Anschlรคgen am Palmsonntag 2017 bei uns im Gottesdienst zu Gast und hat der Gemeinde sein Beleid ausgesprochen und ein รถkumenisches Gebet mit der Katholischen Kirche initiiert.

Natรผrlich schรคtzt man solche Gesten, insbesondere dann, wenn sonst kein Politiker es anspricht. Den Weg, den die ร–VP unter Kurz eingeschlagen hat, hat der FPร– viele Stimmen gekostet, da die Unzufriedenen
jetzt Schwarz wรคhlen.

Bis zur Wende unter Kurz, hat sich ja kein Politiker auรŸerhalb der FPร– getraut, den Mund aufzumachen. Selbstverstรคndlich gibt es auch Kritik an der Volkspartei, Kurz und der Regierung im allgemeinen, auch von Kopten. Aber fรผr ihre Einstellung zur Migration, genieรŸen sie groรŸe Sympathien in der Community.

Die FPร– hat oft die richtigen Fragen gestellt, aber die falschen Antworten geliefert. Wir, als Bรผrger mit Migrationshintergrund, merken natรผrlich auch, daรŸ es bei den Freiheitlichen und ihren Wรคhlern viele gibt, die nicht zwischen einem Menas und einem Mohammed unterscheiden.

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