Ein Kind großzuziehen gehört zu den Dingen, die wohl den ergiebigsten Stoff für Kolumnen wie diese bereithalten. Insofern war es immer schade, aus Persönlichkeitsschutzgründen nicht darüber schreiben zu können – bis die Staatsgewalt mich mit dem brutalen Überfall vor den Augen meines Kindes und der anschließenden gut neunmonatigen Geiselhaft im Grunde dazu zwang, die Katze aus dem Sack zu lassen.
Die ersten vielleicht zweieinhalb Monate im Leben eines Kindes sind nichts Romantisches. Dieses Wesen scheint größtenteils blind und taub, es schreit oder schreit nicht. Der erste individuelle Wesenszug, den man bei meinem Sohn beobachten konnte, war, dass er stets auf uns liegen oder getragen werden wollte. Das Tragen ist ohnehin so eine Sache: Das Kind wird immer größer, aber das Tragen leichter. Man merkt, dass es richtig ist, dass wir beide dafür gebaut sind. Er klammerte sich meist pro forma an meinem Hemd fest, natürlich ohne die Kraft, die es bräuchte, um sich eigenständig zu halten. Außerdem machte er etwas, das wir „Ballifizieren“ tauften: Er rollte sich zu einer Art optimal tragbarer Halbkugel zusammen. Irgendwann konnte ich ihn ohne Mühe für Stunden tragen.
Nach anderthalb Monaten endete der Mutterschutz meiner Frau, und sie musste wieder arbeiten. Von da an war ich von morgens bis früh abends größtenteils alleine für ihn zuständig. In diesem frühen, noch recht larvenartigen Stadium hieß das bei seiner Nähebedürftigkeit: ein menschliches Bett sein. Wachte er auf und schrie, trug ich ihn, wobei er häufig wieder einschlief. Er mochte schon damals Gesang. „Bruder Jakob“ und „Auf einem Baum ein Kuckuck“ gehörten zum Standard-Repertoire.
Als Nächstes begann er zu lachen. Er lachte etwa darüber, dass man seinen bunten Gitterball über seinem Kopf in die Luft warf und wieder auffing, oder über die Katzen. Er lächelte einen an, insbesondere zur Begrüßung. Er experimentierte mit Vokalen, aber noch ohne Bezug zur tatsächlichen Sprache. Er konnte nun Dinge greifen, was zur Erfindung der sogenannten „Babyattacke“ führte: Dabei packte er einen, während man ihn über sein Gesicht hielt, an Haaren oder Ohren, zog sich dicht heran und biss uns unter spielerischem Kampfgeschrei in die Nase. Das macht er immer noch manchmal.
Als Nächstes wurde er über seine Arme und Hände hinaus beweglich, konnte sich rollen. Auf diese Weise vermochte er recht plötzlich, wenn auch wenig zielgerichtet, den Raum zu durchqueren. Krabbeln konnte er erst Monate später. Besonders im Bett rollte er sich gerne in Trittweite der Wand und trampelte glucksend dagegen. Inzwischen experimentierte er auch zielgerichteter mit dem Klang bestimmter Silben, etwa „ga!“, „dickadicka“, oder auch schon „mamamamama“ und „papapapapa“, aber noch ohne klar erkennbare Bedeutung dahinter.
Zu laufen begann er mit meinen Zeigefingern als Stützrädern. Im Sommer 2024 verbrachten wir jeden Tag Stunden damit, zusammen zweibeinig das Wohnzimmer zu erkunden. Er lief immer noch nur mit mir als Gehhilfe, als ich am 13.08. vor ihm gekidnappt wurde. Eigenständig laufen lernte er dann in den ersten Monaten meiner Abwesenheit, wobei er bei den Besuchen trotzdem gerne wieder an meinen Fingern lief – wohl „um der alten Zeiten willen“.
Er lernte nun auch reden, angefangen mit dem Wort „Ei“. „Papa“ sagte er erst spät und mit einer gewissen Bedeutungsunschärfe. Es hatte schon etwas mit mir zu tun, aber er nannte mich nicht direkt so. Die Zugfahrt zur JVA nannte er „Papa“. Wenn das Telefon klingelte, sagte er „Papa“. Aber er sagte es nicht, wenn wir uns dann sahen. Das tut er erst, seit ich wieder zu Hause bin. Ab dann dauerte es aber keine drei Tage.
Er spielt gerade am liebsten Gespenst, wirft sich also ein Laken über den Kopf und rennt durch die Gegend wie ein kleiner, kopfloser Geist. Außerdem bekommt er für sein Leben gern vorgelesen. Er fordert das richtig ein, schnappt sich mehrmals am Tag ein Buch und setzt sich bei uns auf den Schoß. Sein Lieblingsbuch ist „Alarm im Kasperletheater“, oder in seiner Sprache (die eigentlich schon deutlich weiter gediehen ist, aber er hält bei diesem Buch wohl aus emotionaler Verbundenheit damit an seiner allerersten Kauderwelsch-Bezeichnung dafür fest): „Aschetete“.
Nach den ersten drei Wochen, die wir wiedervereint verbracht haben, kristallisierte sich heraus, dass er, durch die Erfahrung meiner Entführung, gravierende Verlustängste entwickelt hat. Er beginnt, heftig zu weinen, wenn ich den Raum verlasse, um zu arbeiten. Er weint sogar oft, wenn ich ihn einfach nur meiner Frau in den Arm drücke, ohne wegzugehen. Er will im Grunde genommen am liebsten den Großteil des Tages von mir getragen werden, wie früher. Ich hoffe, die Zeit wird das heilen. Was sie ihm angetan haben, ist unverzeihlich. Und der einzige Grund, aus dem ich jetzt überhaupt wieder bei ihm sein kann, ist die völlig überraschende Entscheidung des Oberlandesgerichts, meiner Beschwerde gegen die Ablehnung jeder vorzeitigen Entlassung seitens einer Potsdamer Richterin, in deren Augen das „Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit“, vor „Rucka Rucka Ali“-Einspielern geschützt zu werden, überwog, stattzugeben.


Ich hatte die leise Hoffnung, dass es für Shlomos Sohn „nicht so schlimm“ sein könnte, aufgrund des doch noch sehr jungen Alters bei seiner Entführung. Dass dem nicht so ist, ist zweifelsohne unverzeihlich. Mögen diejenigen, die diese Untaten zu verantworten haben, eines Tages vor Gericht gestellt und für ihre abscheuliche Unmenschlichkeit verurteilt werden.
Das hast du sehr gut beschrieben.
In vielem davon habe ich meinen eigenen Sohn wiedererkannt. Und sein Verhalten, als der Staat uns beide für fast zwei Jahre getrennt hatte.
Aber jetzt geht es wieder voran. Ich wünsch euch alles Gute!
Als Vater von zwei Söhnen mag ich nicht ermessen, was für ein Gefühl in Dir erwachsen ist, als sie Dich damals mitgenommen haben. Dieses Unrecht darf niemals vergessen werden. Mein Vater hat mir schon früh beigebracht, dass dem Staat nicht zu trauen ist. Ich werde dies, auch aus eigener Erfahrung, an meine Kinder weitergeben.
Alles Gute für Dich und Deine Familie.