Warum der neue Linken-Chef Pantisano eine gute Nachricht ist

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Wie gewohnt war der Linken-Parteitag ein Anlass für fröhlichen Voyeurismus. Letztes Jahr saß ich noch im Gefängnis, als Reichinnek und van Aken uns mit einer quietschbunten Freakshow beglückten, bei der fast eine Art Trotz gegenüber dem politischen Vibeshift der 2020er mitschwang. Von Bernhard Bonsus Rollstuhl-Attacke über ulkig zurechtgemachte Nonbinäre wie Heinrich Alexandra Hermann bis hin zum Auftritt der queerfeministischen Band „Nebenwiderspruch“ war für jeden Katastrophentouristen etwas dabei. 

Letztere bestand aus zwei Männern mittleren Alters, die in Schulmädchen-Outfits über eine schwule Orgie zwischen Jesus und seinen zwölf Aposteln („Denn Jesus am Kreuz ist der perfekte Bottom“) sowie ihre sexuellen Fantasien über Christian Lindner rappten.

Die Hook bestand aus Gestöhne Lindners vom Band. Ich frage mich, ob dieselbe Nummer über Emilia Fester auf einem AfD-Parteitag auch nur juristisch straffrei ausgehen würde, Stichwort „virtuelle Vergewaltigung“.

Der diesjährige Parteitag wurde von einem Skandal-Interview des kurz darauf mit 53,3 Prozent der Stimmen trotzdem knapp gewählten neuen Co-Chefs Luigi Pantisano überschattet. Gegenüber der „Bild“-Zeitung hatte er der CDU „faschistische Politik“ unterstellt und einen fließenden Verlauf von „den Faschisten selbst“ über die AfD bis zur CDU gezeichnet. Am zweiten Tag der Veranstaltung bezog er sich noch einmal auf die Aussage:

„Das haben viele Genossinnen und Genossen gesagt: Die CDU macht aktuell in vielen Teilen die Politik der AfD. (…) Und genau so deutlich müssen wir das äußern.“

Daraufhin überrollte ihn eine Kritikwelle aus den eigenen Reihen: Die „taz“ schrieb etwa: „Hält er diesen Kurs, wird er seine Partei in den Abgrund führen.“ Demokraten sollten einander nicht Faschisten nennen; es sei wichtig, zwischen Gegnern und Feinden unterscheiden zu können, gerade mit einer AfD, die immer näher an ernsthafte politische Macht rückt.

Autistisch betrachtet, also rein von der inneren Logik her, ist Pantisanos Sichtweise tatsächlich die schlüssigere: Dass die CDU AfD-Politik machen würde, ist ein Standard-Talkingpoint nicht nur der Fundis, sondern im gesamten linken Lager. Dass AfD-Politik faschistisch sei, ebenso. 

Alles, was Pantisano verbrochen hat, ist also, diese beiden Überzeugungen in einem Satz zusammenzufügen. Aber genau deswegen sage ich „autistisch“: Er verkennt den taktischen Zweck hinter dem eigenen Framing. Er sieht es einfach als die Wahrheit an. Und das ist extrem gefährlich.

Der Zweck davon, der CDU AfD-Politik zu unterstellen, ist es, sie zu maßregeln. Der Hauptunterschied zwischen grün-linker Offene-Grenzen-Politik und der mainstream-liberalen, die Merz gerne betreiben würde, besteht in der Steuerung der Überfremdung durch Selektion und Beruhigungsmaßnahmen. Damit will die CDU eine populistische Revolte der indigenen Deutschen vermeiden, bis sie nicht mehr in der Mehrheit sind. Ihr Migrationsmodell lässt sich am besten als geordneter Übergang in den Vielvölkerstaat beschreiben.

Linksgrün lehnt jede Steuerung und Beruhigung ab, ihr Migrationskonzept ist einfacher: totale Migration. So schnell so viele möglichst fremdartige Migranten rein, wie es geht, die Scheißkartoffel kann gar nicht rasch genug den demografischen Staffelstab abgeben, und selbst schon bevor es so weit ist, soll sie maximal erniedrigt werden. Um diese Linie auch durchzudrücken, während die CDU an der Macht ist, ist es sinnvoll, jede Beschwichtigungs-Initiative von Merz „AfD-Politik“ zu nennen.

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Dass es Merz nicht darum geht, das deutsche Volk auf lange Sicht zu erhalten – die Zielsetzung, die die Grundlage ihrer Faschismus-Unterstellung gegenüber der AfD ist –, ist den klügeren Linken natürlich klar. Deswegen belassen sie es auch bei diesem Schuss vor den Bug: Sie unterstellen ihm AfD-Politik, nicht Faschismus. Völlig ungeachtet dessen, dass Letzteres in ihrer Logik aus Ersterem folgen müsste.

Zudem profitiert der Verteidiger von einem möglichst klaren, starren Frontverlauf. Die Aufweichung von Gegner und Feind, das Zeichnen eines fließenden Verlaufes im Grunde aller abweichenden politischen Positionen in den Faschismus, ist nur für den Angreifer sinnvoll, denn er will das Frontgeschehen chaotisch und in Bewegung haben. 

Linke Strategen wie Andreas Kemper oder Stefan Reinecke, der besagten „taz“-Artikel geschrieben hat, begreifen, dass die Zeiten des linken Raumgewinns vorerst vorbei und sie jetzt zu Rückzugsgefechten verdonnert sind. Die linke Basis wiederum ist süchtig nach dem Freibrief, seine Mitmenschen moralinsauer herumzuschubsen, wegen dem viele von ihnen überhaupt erst ihren Weg in die Linke gefunden haben. 

Und einer dieser Macht-Nostalgiker ist jetzt Chef der Linkspartei. Unfähig, seine Emotionen beiseitezulegen und das größere Bild zu betrachten; unfähig, über den taktischen Zweck der eigenen pathetischen Rethorik nachzudenken: Er verspricht, ein hervorragender Vorlagen-Lieferant zu werden. Leider scheint sein Umfeld mit mehr Weitsicht gesegnet zu sein und prügelte ihn am Montag doch noch zu einer Entschuldigung „insbesondere bei denjenigen in der CDU, die immer wieder die Notwendigkeit einer klaren Brandmauer zur AfD betonen“.

Letzter Funfact: 2019 gründete der Sohn italienischer Gastarbeiter (wobei er stets den „Gastarbeiter“-Teil hervorhebt und das „italienisch“ gerne mal vergisst) die „LinksKanax“, eine Untergruppe für „rassistisch Diskriminierte, Menschen mit Migrationsgeschichte, Schwarze und BPOC“. Vor dem Gesichtspunkt, dass für die Gründung eines selbsternannten „Kanaken“-Vereins schon ein Italiener ran muss, wirkt die Frage eines Mitglieds des „Migra-Plenums“ auf dem Parteitag umso dringlicher:

„Ist die Linke noch zu weiß? Wie können wir das ändern?“


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