Alice Weidel – Privatleben und Politik müssen getrennt bleiben

in 3 min lesen

Der Bundesparteitag der AfD warf für den Mainstream wenig Verwertbares ab. Seine „Zivilgesellschaft“ war zu spät aufgestanden und begann, ohnehin gesperrte Autobahnen und für den Tag stillgelegte Gleise zu blockieren, als die Delegierten schon längst in der Halle eingetroffen waren. Sie musste daher mit Angriffen auf Journalisten von „Apollo News“ und der „Jungen Freiheit“ vorliebnehmen, die auf Nachfrage von den Sprechern des Bündnisses „Widersetzen“ goutiert wurden:

„Wir sind nach Erfurt gekommen, um Faschistinnen zu blockieren. Faschistinnen mit Presseausweis sind immer noch Faschistinnen. Ich weiß nicht, was Sie daran nicht verstanden haben. Sie sind auf unseren Aktionen nicht willkommen.“

Das „Zentrum für Politische Schönheit“ versuchte zeitgleich, die Attacke auf den „Apollo“-Mann Jonas Aston als False Flag von rechts hinzustellen: Der Angreifer, der ihm, als er am Boden lag, mehrfach gegen den Kopf getreten hatte, habe ein „Thüringenpower“-Shirt getragen, das in der Erfurter Hooligan-Szene populär sei. Auf dem Beweisfoto waren hinter den ersten Buchstaben eines Schriftzugs Ohren und Füße eines Teddybären zu sehen, was eine rasche Identifizierung des tatsächlichen Motivs ermöglichte: „All Day Trouble“ und ein niedlicher Raubüberfall-Teddybär, ein Motiv der Marke Fishbone.

Man brauchte also dringend ein anderes Thema, das die Schlagzeilen über den Parteitag prägt. Und die herbeigesehnte Vorlage lieferte Alice Weidel in einem RTL-Interview.

Von Anfang bis Ende versuchte der Reporter, ihr Aussagen zu entlocken, die parteiintern Unruhe stiften. Dazu spielte er ihren persönlichen Lebensstil – also eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft mit einer Frau, deren Wurzeln in Sri Lanka liegen – gegen die Ablehnung von Überfremdung und das Familienbild ihrer Partei aus.

Um eine selbstschädigende Puritanismus-Spirale zu verhindern, ist es richtig und gut, das Privatleben der eigenen Leute von ihrer Funktion in Partei und Vorfeld zu trennen. Andernfalls könnte eine beklemmende Stimmung der Geheimniskrämerei entstehen. Aber: Damit man das kann, muss derjenige das auch selbst tun. Dazu gehört es, keine persönlichen Betroffenheits-Köder zu schlucken, sondern kühl die Leitlinie der Partei voranzustellen. Meistens gelang Weidel das ziemlich gut. Diesmal nicht.

„Ihr Lebensmodell, mit einer Partnerin und zwei Kindern, das wird darin (im Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt) als ‚unnormal‘ bezeichnet. Ist das für Sie nach wie vor okay?“

Nebenbei ist festzuhalten, dass in dieser Fragestellung schon eine Falschdarstellung steckt: Die Rede ist davon, sich der Propagierung von „Einelternfamilien“ als normal entgegenzustellen, also der Normalisierung von Alleinerziehenden. Aber trotzdem ist „unnormal“ ja rein deskriptiv auch bei Weidels Familie zutreffend: Es ist weit weg von der Norm und sollte auch nicht als Norm propagiert werden. In der Antwort hierauf nahm sie die angesprochene Trennung sogar nach einem holprigen Einstieg noch selbst vor: 

Wir leben mittlerweile in einer ganz anderen Realität. Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind als gleichwertig zu behandeln, aber wenn ich als Politikerin von einem Zielbild rede, und das ist nun mal die traditionelle Familie, dann kann ich mich dafür einsetzen und es ist kein Widerspruch.“

Das mündet zumindest, nach dem eigentümlichen Anfang, der den politmedial befeuerten Niedergang der Familie fatalistisch wie ein Naturereignis klingen lässt, in genau der Zurückweisung des privaten Betroffenheits-Appells, die ich mir wünsche. Doch sie redete weiter:

Rundbrief

Melde dich an und erhalte nur die wichtigsten Neuigkeiten.

Please wait...

Vielen Dank für die Anmeldung.

„Wenn es etwas holprig formuliert ist, dann ist es halt so. Da gehe ich aber nicht mit. Weil ich deutlich, deutlich gesellschaftsliberaler eingestellt bin und es auch lebe. Ich lebe es. Und wir sollten eigentlich diese Zweiteilung hinter uns lassen. Aber nichtsdestotrotz: Als Politiker geht es darum, die Familien zu fördern. Denn das ist das gesellschaftliche Zielbild.“

Ohne Not verwischt sie selbst die Grenze zwischen Privatleben und Politik, um sie daraufhin hastig wieder aufzubauen. Die „Ich lebe es“-Phrase hatte sich ganz gut im Bundestagswahlkampf gemacht, um Wähler mit Bammel vor einer erzkonservativen Wende zu beruhigen. Hier sehen wir die Kehrseite davon: Sie konterkariert das AfD-Messaging im wohl wichtigsten Landeswahlkampf ihrer Geschichte damit. Der RTL-Reporter leckte logischerweise Blut und konfrontierte sie mit der (für den Großteil von Basis und Partei völlig unkontroversen) Passage: 

„Eine intakte Familie, bestehend aus Mutter, Vater und Kindern, ist erwiesenermaßen die beste Voraussetzung für eine gute und gesunde Kindesentwicklung.“

Dann fragte er, ob sie ihren Kindern denn tatsächlich nicht die besten Voraussetzungen biete. Eine emotionale Abrissbirne in die Mauer zwischen privat und Politik also. Weidels Kommentar:

„Die können da reinschreiben, was sie wollen. Ich lebe etwas anderes.“

Hier wären ein kühler Kopf und der Verweis darauf, dass es um nicht auf jedes Individuum verallgemeinerbare, aber in der Masse gut belegbare Tendenzen geht, Gold wert gewesen. Die LeSuBiA-Studie (Lebenssituation Sicherheit und Belastung im Alltag) zeigt beispielsweise, dass Gewalt in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften um rund 40 Prozent häufiger auftritt.

Auf sie persönlich angewandt ist die brutale Wahrheit: Natürlich ist das Fehlen einer männlichen Bezugsperson sowie der identitätsstiftenden Verbindung mit dem biologischen Vater nicht ideal. Ihr Privatleben sollte rausgehalten werden. Aber die andere Seite der Medaille ist: Ihre privaten Befindlichkeiten dürfen der Partei auch keine Beißhemmung bei diesem Thema aufzwingen. Und solche kleinen PR-Fauxpas begünstigen das.


Dieser Artikel war frei lesbar

Trotzdem kostet uns die Erstellung Zeit und Geld. Unsere Kolumnisten schreiben seit Jahren gegen den täglichen Wahnsinn der Bundesrepublik an. Mit einer Spende kannst du sie unterstützen.

Bankverbindung
Blutdruck Verlag UG
IBAN: DE04 3204 0024 0783 7735 00


Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.