Vor fast einer Woche kam es zur Jahrhundertflut in der Eifel, die bislang mehr als 160 Menschen das Leben kostete, dazu kommen 170 Vermisste, von denen ein groรer Teil auch tot sein wird. Tausenden, wenn nicht Zehntausenden Menschen wurde die Lebensgrundlage entzogen.
Da ich nur einige Kilometer vom Ahrtal entfernt wohne, bin ich Donnerstag und Montag zum Helfen in das Krisengebiet gefahren und konnte mir ein eigenes Bild von der Lage in Ahrweiler machen. Die meisten Leser haben mittlerweile Bilder gesehen, weshalb ich mir die Schilderungen hier spare โ es gibt sowieso keine Wรถrter, die eine derartige Katastrophe beschreiben kรถnnen.
In den nรคchsten Tagen werden wir noch einen Podcast zu dem Thema machen und ich werde genauer auf die Situation vor Ort eingehen. Trotzdem einige Gedanken, die durch mein Hirn geistern
1.) Sprache der Extreme
Die โPolitik der Extremeโ der letzten Jahre hat massiv dazu beigetragen, dass dieses Unglรผck passiert ist, wie es passiert ist und dass man jetzt wortlos vor den Trรผmmern steht. Wenn Begriffe wie โKatastropheโ, โSeucheโ, โPandemieโ, โtragischโ, โerschรผtterndโ, โwortlosโ (dann, รผberraschenderweise, wird doch ganz viel gesagt) von Politik und Gesellschaft fรผr absolute Nichtigkeiten verwendet werden, dann fehlen im Ernstfall schlichtweg die Begriffe und Kategorien.
In den letzten Jahren und Jahrzehnten hat sich ein Mehltau der Ereignislosigkeit รผber das Land gelegt. Politische Akteure, die aber Geld verdienen mรผssen und โgebrauchtโ werden, nehmen so Bagatellen zum Anlass, um tief in die sprachliche Kiste zu greifen. Wenn 30 Glatzkรถpfe eine Nazi-Demo in Buxtehude abhalten, was dann โerschรผtterndโ ist, dann kann man das Wort nicht mehr fรผr eine Katastrophe wie in der Eifel verwenden.
Gewissermaรen hat diese fehlende Differenzierung auch zum Unglรผck beigetragen. Der โDeutsche Wetterdienstโ beispielsweise warnte im Vorfeld vor โextremen Unwetternโ; eine Warnung, die er auch an die verantwortlichen Behรถrden weiterleitete.
Rรผckwirkend ist es leicht, diesen Behรถrden die Schuld an der Situation zu geben und warum man nicht zwei Tage vor der Flutwelle die Region evakuiert hat โ und sicherlich trifft auch die Behรถrden Mitschuld.
ABER: Der Deutsche Wetterdienst warnt mehrfach jรคhrlich vor extremen Unwettern. Fรผr das jetzige โextreme Unwetterโ fehlt schlichtweg eine Kategorie, was sicherlich auch dem Fakt geschuldet ist, dass man zu frรผh von โextremen Unwetternโ spricht. Der Deutsche Wetterdienst richtet sich nach einem Kriterienkatalog. Von โextremen Unwettern der Stufe 4โ spricht man bereits bei mehr als 60 Litern pro Quadratmeter in 24 Stunden.
In der Eifelregion fielen je nach Gebiet 150 Liter pro Quadratmeter und wurden auch vorhergesagt. Eine โStufe 5โ gibt es nach meinen Kenntnissen aber nicht. Eine derartige Warnung wรผrde vielleicht einmal im Jahrzehnt fallen โ und dementsprechend eine grรถรere Reaktion der Verantwortlichen hervorrufen.
2.) Der Staat funktioniert in Extremsituationen nicht
Was Libertรคre schon lรคngst wissen, wird in einer Extremsituation dem staatsglรคubigen Bรผrger ins Groรhirn gehรคmmert. Auf den Staat ist kein oder nur teilweise Verlass. Nicht nur bei den Warnmeldungen, sondern auch bei der Krisenhilfe vor Ort.
Sicherlich ist keinem Helfer, Gruppenfรผhrer oder auch Einsatzleiter Unwille, Unfรคhigkeit oder sonstiges zu unterstellen. Allerdings muss man auf das systemische Problem hinweisen: Staatliche Strukturen, die gerade in Deutschland extrem kleinteilig, ausdifferenziert und ausgeklรผgelt sind, sind nicht wirklich dazu in der Lage, auf derartige externe Schocks zu reagieren.
Das hat man รผberall vor Ort gesehen. Die Hilfe war gut und Teile der Hilfe kam an, aber den absoluten Lรถwenanteil stemmten die Bรผrger, Anwohner und privaten Helfer selber.
Sicherlich gibt es bei den staatlichen Stellen auch unfรคhige Deppen, allerdings sitzen die meistens in anderen Abteilungen (Stichwort Lehrerzimmer und Finanzverwaltung). THW, Polizei und Berufsfeuerwehr funktionieren grundsรคtzlich, aber leiden an einem anderen groรen Problem: Viele der staatlichen Helfer trauen sich schlichtweg nicht Verantwortung zu รผbernehmen, und sichern sich immer beim Vorgesetzten ab. Bis dann mal irgendetwas passiert โ wenn รผberhaupt โ ist es schon zu spรคt.
Dadurch entstanden teilweise absurde Szenarien, wie beim Versuch ein Haus aufzubrechen, das noch immer verschlossen war. Niemand fรผhlte sich zustรคndig. Ich brauchte ca. 40 Minuten um zwei Feuerwehrleute zu finden, die auch bereit waren, mitzukommen. Dabei gab es genug andere โoffizielle Helferโ, die einen recht zรผgig zu den nรคchsten โoffiziellen Helfernโ verwiesen.
3.) Die Bรผrger dรผrfen sich nicht auf den Staat verlassen
Wenn ich irgendwie den Anteil staatlicher und bรผrgerlicher Hilfe beziffern muss: 95 Prozent der Leistung wurde privat organisiert, 5 Prozent staatlich. Das ist der Natur der Sache und den oben genannten Punkten geschuldet. Was man jetzt auf keinen Fall machen darf, ist mehr Staat zu fordern.
An allen Orten hรถrt man die Kritik am โKaputtsparenโ und an zu wenig Feuerwehr, THW und co. Ich lege meine Hand dafรผr ins Feuer: Wenn doppelt so viele Feuerwehr und THW in Ahrweiler wรคre, es wรผrde sich nicht viel verรคndern.
An mehreren Punkten in Ahrweiler stapelte sich die Feuerwehr, die auf einen Einsatz wartete, an mehreren Orten wรคren Leute gebraucht worden. Was nicht funktionierte, war das Informationsmanagement und teilweise die Einsatzkoordinierung.
Das groรe Problem ist dem Vertrauen der Bรผrger in den Staat geschuldet und das Denken, dass einem schon gleich irgendwie doch geholfen wird. Wenn dann nichts passiert wachsen Frust und Verzweiflung. Denn ein groรer Teil der Anwohner und privaten Helfer war nicht in der Lage, sich selbst zu helfen, da sie beispielsweise keine Maschinen (Allrad, Hรคnger, Bagger, Traktoren, Pumpensysteme und Generatoren) hatten.
In Punkto Essen, Trinken, Kleidung und Hygieneartikel war der Engpass durch private Spenden innerhalb kรผrzester Zeit beseitigt. Einen Bagger samt Fahrzeugfรผhrer gibtโs aber nicht mal eben an jeder Ecke. Am Niedertor in Ahrweiler waren zeitweise einige dutzend privater Helfer, allerdings nur ein Traktor und ein Gelรคndewagen, die auch den Schutt abtransportieren konnten.
Da die Bevรถlkerung sich zu verstรคdterten Eunuchen samt Elektroauto entwickelt, ist hier das grรถรte Problem festzumachen: Es gab schlichtweg zu wenige fรคhige Mรคnner samt Sachversstand und schwerem Werkzeug/Maschinen, die in solchen Situationen helfen kรถnnen โ und sich dann auch trauen das Kommando zu รผbernehmen. Auf staatliche Hilfe wartet in Ahrweiler โ zumindest war das mein Eindruck – schon lange niemand mehr.
