Identitätskrise auf dem Rasen – Wie viel Vielfalt verträgt eine Nation?

in 9 min lesen

Deutschland spielt bzw. spielte wieder bei einer Weltmeisterschaft. Doch anstatt frenetischen Jubels und Fahnenmeers nimmt eine politisch abgestumpfte Bevölkerung das alles nur noch zur Kenntnis – die einen wohlwollend, die anderen weniger wohlwollend. Neben wirtschaftlichen Problemen, die seit einigen Monaten immer weiter um sich greifen und sich vor allem in einem Konsumrückgang äußern, haben die Deutschen nicht so richtig Lust, „ihre Jungs“ zu verfolgen.

Damit wären wir beim Stichwort: Unsere Jungs. Denn so ganz sind das nicht mehr unsere Jungs, sagen zumindest die einen. Für die anderen ist klar: Wer den deutschen Pass besitzt und Leistung zeigt, ist natürlich auch ein Deutscher. Schaut man auf den Nationalmannschaftskader, wird deutlich, dass sich der Anteil der Migranten in den letzten 20 Jahren drastisch erhöht hat. Bei allen Fußballweltmeisterschaften zwischen 1954 and 1990 waren fast 100 Prozent der Fußballer deutsch. So richtig deutsch, also komplett deutschstämmig. Erst im Jahr 1994 wurde mit Maurizio Gaudino der erste Spieler ganz ohne deutsche Wurzeln und mit italienischem Migrationshintergrund nominiert. Spieler mit teilweise migrantischem Hintergrund hatte es bereits früher gegeben.

1998 hatten schließlich zwei Spieler einen Migrationshintergrund: Der deutsch-italienische Oliver Neuville sowie der irisch-südafrikanische Spieler Sean Dundee. 2002 waren es dann drei: Der teilweise polnischstämmige Miroslav Klose, Neuville und mit Gerald Asamoah der erste in Afrika geborene Nationalspieler. Damals wurde kaum Kenntnis davon genommen, auch weil die drei durchweg mit Leistung und deutschen Verhaltensweisen überzeugten: Bescheidenheit, Zurückhaltung, Leistungswille. Kaum jemand nahm Anstoß daran, was auch der Beweis dafür ist, dass der überwiegende Großteil der deutschen Fans nicht rassistisch oder fremdenfeindlich denkt. Gegenüber Asamoah fanden einige rassistische Beleidigungen bei Vereinsspielen statt, sie waren jedoch die absolute Ausnahme.

Bei den folgenden Weltmeisterschaften wuchs der Anteil an Migranten vergleichsweise stark: Bei der WM 2010, wo Deutschland den dritten Platz belegte, waren es bereits 11 von 26 Spielern: Klose, Podolski, Trochowski, Özil, Tasci, Gómez, Khedira, Aogo, Boateng, Cacau, Marin. Insbesondere Özil, Boateng und Gomez zogen den Zorn einiger Fans auf sich, was aber weniger ihrer Herkunft, sondern ihren „südländischen“ Allüren geschuldet war. Auch das zeigt: Die allermeisten Deutschen haben kein Problem mit „Migranten“, sondern lediglich mit Spielern, die bestimmte Verhaltensweisen und Einstellungen an den Tag legen.

Krautzone Plus

✔ Zugriff auf alle Plus-Artikel
✔ Schon ab monatlich 4 Euro
✔ Jederzeit kündbar (je nach Plan)

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.