Die Kommerzialisierung von Sex und Pädophilie

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Wusstet Ihr, dass es im Rossmann Dildos gibt? Also, nicht nur im Onlineshop, sondern auch physisch vor Ort. Wie mir neulich aufgefallen ist, laufe ich jedes Mal an denen vorbei, wenn ich Quetschies und Saft in Nuckelflaschen kaufe. Ich frage mich, in welchem Verhältnis die Zahl der Exemplare, die irgendeine Omi ohne Internetanschluss sich tatsächlich da im Laden kauft, zu den Fragen kleiner Kinder steht, was das denn für eine komische Gummirakete ist und was an der so sinnlich sein soll.

Sexuelle Produkte, die weitaus expliziter als halbnackte Titten in der Fernsehzeitung ausfallen, haben sich schon lange aus der Schmuddelnische in die Regale des Mainstream-Einzelhandels vorgekämpft. Wer sollte auch etwas gegen die Omnipräsenz davon haben außer reaktionäre Verfechter einer vergangenen, prüden Moral? So auch in Frankreich, wo der Modehersteller SHEIN auf seiner Website seit geraumer Zeit diverses Sexspielzeug bis hin zu Gummipuppen mit nachgebildeten Genitalien verkauft. So weit ist es bei Rossmann dann doch noch nicht, auch wenn ich mir zugegebenermaßen dessen Onlineshop noch nicht angesehen habe. Wenn der Silikontorso neben die Schnuller gestellt wird, dann schreibe ich aber einen echt garstigen Brief, Leute, dann reicht’s mir.

Das Besondere an SHEIN ist eigentlich nur, dass es nun damit auf den Radar der französischen Behörden gekommen ist. Das hat zum einen den Grund, dass seine Sexpuppen auch Minderjährigen, die dort etwa nach einer Barbie suchten, vor die Nase gehalten wurden und sogar frei für sie zu erwerben waren: Man musste lediglich anklicken, dass man 18 ist, eine Ausweiskontrolle erfolgte nicht. Da wir hier von einem Shop reden, in dem ein Drittel der Franzosen im letzten halben Jahr eingekauft haben, ist das vermutlich nicht nur in der Theorie passiert.

Zum anderen und erheblich schwerwiegender: Sie verkauften nicht nur Sexpuppen an Minderjährige, sondern auch als Minderjährige. Die Nachbildung eines Mädchens, vom Äußeren her vielleicht zwischen vier und acht Jahren alt, das einen Teddybär in den Armen hält, bot SHEIN mit folgendem Werbetext an: „Sex-Puppe, (…) männliches Masturbationsspielzeug mit erotischem Körper und realistischer Vagina und Anus.“ 186,94 Euro, und der Spaß konnte losgehen. Das Produkt wurde nicht nur verkauft, es wurde sogar von mehreren Käufern lobend kommentiert. Jeder wievielte Pädo wird wohl so leichtsinnig gewesen sein? Offenbar ein lukratives Geschäft.

Die Normalisierung von Pädophilie ist in der Modebranche längst nichts Neues mehr. Etwa Balenciaga, das anders als SHEIN eher im High-End- als im Discounter-Bereich zu verorten ist, hat vor zweieinhalb Jahren mit einer Werbekampagne auf sich aufmerksam gemacht, in der kleine Kinder mit Sexspielzeugen sowie Teddybären in Sado-Maso-Kluft posierten. Auf dem Instagram seiner Stardesignerin Lotta Volkova fanden sich daraufhin sowohl abartigste Zeichnungen von Kindern in sexuellen Bondage- und Folterszenarien als auch augenscheinlich echte Fotos vom Ausleben solcher Fantasien in der realen Welt – an lebenden, gefesselten Kindern.

Aber selbst von solchen ultimativ abgründigen Erscheinungen mal abgesehen muss die Aufweichung von Sexualmoral wieder zu einem Grad zurückgedrängt werden, an dem im Rossmann nicht mehr Dildos rumstehen und man in beliebten Onlineshops nicht mehr beiläufig Gummipuppen angeboten bekommt. Eine der toxischsten Folgen des reichhaltigen pornografischen Angebots westlicher Gesellschaften, die noch wenig besprochen wird, ist die Zementierung des Incel-Phänomens. Die in Redpill-Kreisen sogenannte „Hoeflation“ – also der Umstand, dass durch die Globalisierung des Partnermarktes via Tinder sowie die Entkopplung von Sex, Beziehung und Fortpflanzung weniger attraktive und selbstbewusste Männer auf der Strecke bleiben – ist zwar keine falsche Beobachtung, aber nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die Abtötung eines gesunden Leidensdrucks durch die zahlreichen Substitute für echten Sex, echte Beziehungen und ein echtes Leben. Sexpuppen – oder mittelfristig Sexroboter – stellen dabei nur den plakativsten Gipfel dar.

Vor 100 Jahren gab es auch deshalb keine nennenswerte Masse aus der Gesellschaft zurückgezogen lebender Männer, weil sie sich in nichts flüchten, die „Du lebst falsch“-Stimme in ihrem Hinterkopf in keiner Berieselung ertränken konnten. Wenn ein Mensch auf einem nicht existenten Lebensweg sozialer Isolation dahinvegetiert, würde er unter natürlichen Umständen sofort versuchen, dagegen anzukämpfen. Denn im vordigitalen Zeitalter hätte das bedeutet, den ganzen Tag ein Buch zu lesen oder die Wand anzustarren, allein mit seinen Gedanken daran, was sein könnte, wenn man nur aus dem Quark käme – es wäre nicht angenehm gewesen, weil es nicht angenehm sein soll.

Um diesen Reflex abzutöten, muss man sich selbst in einem Mindestmaß an Zufriedenheit wiegen können. Das Versinken in Ersatzleben fiktiver Charaktere, fiktiver Love-Interests und Pornografie für den handfesten Teil bietet genau das. Glücklich lebt man so nicht, aber es kommt der Isolationsfolter, die es unter natürlichen Bedingungen bedeutet hätte – solchen, unter denen Menschen sich entwickelt haben und für die sie gebaut sind –, nicht mehr nahe. Es ist zufriedenstellend genug, um die Überwindung der Angst, das Aushalten vorprogrammierter peinlicher Momente und den Schmerz der Zurückweisungen, die es bedeuten würde, in die echte soziale Welt zurückzukehren, als einen höheren Preis erscheinen zu lassen, als weiter dahinzuvegetieren.