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Filmkritik: Master and Commander (2003)

27. Mรคrz 2026
in 3 min lesen

Es soll einst eine Zeit gegeben haben, in der die Vorstellung, Filme zu jeder Zeit und von jedem Ort aus schauen zu kรถnnen, wie Science-Fiction anmutete. Stattdessen ging man ins Kino beziehungsweise wartete sehnsรผchtig auf die Verรถffentlichung der DVD โ€“ Sie wissen schon: Das waren diese runden, glรคnzenden Scheiben, die man niemals in eine Mikrowelle legen sollte.

Wie das immer so ist: In der Ahnung des eigenen Untergangs schwingt sich eine Kunstform zu ungeahnten Hรถhen empor โ€“ man denke an die Malerei des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die sich mit der jungen Fotografie messen lassen musste. So รคhnlich war das mit den Kinoproduktionen in den frรผhen 2000ern.

Aus einem mir unerfindlichen Grund (es wird mit dem Algorithmus zu tun haben) wurden mir in letzter Zeit viele nostalgische Reminiszenzen von โ€žMaster and Commanderโ€œ in die Timeline gespรผlt. Und da ich nicht an Zufรคlle glaube, musste ich mir diesen groรŸartigen Film noch einmal (zum zehnten oder elften Mal) ansehen. Ich kann nur sagen: Sie, lieber Leser, sollten das auch tun…

Aber worum geht es? 1805 kreuzt die britische Fregatte โ€žSurpriseโ€œ vor der brasilianischen Kรผste. Ihr Kapitรคn Jack Aubrey (Russell Crowe) hat den Auftrag, das franzรถsische Kaperschiff โ€žAcheronโ€œ aufzubringen, das seinerseits die Handelsrouten des Commonwealth bedroht. Doch nach dem ersten Zusammentreffen der beiden hรถlzernen Leviathane stellt sich rasch heraus, dass die โ€žAcheronโ€œ der โ€žSurpriseโ€œ an GrรถรŸe, Besatzung und Bewaffnung haushoch รผberlegen ist. Der Jรคger wird nun zunรคchst zum Gejagten. Kapitรคn Aubrey allerdings gedenkt die unrรผhmliche Verdrehung der Rollen nicht lange hinzunehmen…

Ich will es bei dieser kurzen Zusammenfassung belassen und mich stattdessen auf jene Facetten konzentrieren, die den Film eigentlich und gerade jetzt so unbedingt empfehlenswert machen: Da wรคre einmal das Setting selbst. Ein Schiff mit knapp 200 Mann Besatzung auf hoher See. Ein Kampf eben nicht nur gegen den Feind, sondern auch und vor allem gegen die Elemente. โ€žElementeโ€œ ist ein gutes Stichwort, denn wir sehen hier, wie Mรคnner in ihrem natรผrlichen Habitat und eingebunden in eine strenge Hierarchie ihren Aufgaben nachgehen. Auf einem Schiff hat alles seinen Platz, jeder Handgriff muss sitzen, alle mรผssen sich aufeinander verlassen kรถnnen. Es ist ein miniaturisierter Kriegerstaat, ein nahtlos ineinandergreifendes Getriebe, รผber das Kapitรคn Aubrey wacht.

Was treibt diesen Mann an? Die Pflicht, oder um es zeitgenรถssisch auszudrรผcken: โ€žWas immer ihre Majestรคt verlangt.โ€œ Das geschieht nicht unhinterfragt, denn dem Heroen Aubrey steht der scharfsinnige und gleichfalls feinfรผhlige Schiffsarzt Stephen Maturin (Paul Bettany) zur Seite. Aubrey und Maturin teilen die Liebe zur Musik, und in der Tat schรถpft โ€žMaster and Commanderโ€œ einen erheblichen Teil seines Charmes aus der musikalischen Untermalung โ€“ etwa wenn der schwere Seegang und die harte Arbeit auf Deck mit dem feinen Violinenspiel der beiden kontrastiert wird.

Maturin ist im Gegenteil zu Aubrey der Wissenschaft zugeneigt, er hat fรผr die rauen Witze, die bei den abendlichen Trinkgelagen in der Offiziersmesse fallen, wenig Verstรคndnis. Das muss er aber auch nicht โ€“ denn hier kommt sie wieder zum Tragen, die Pflicht โ€“, in den Momenten, in denen es auf seine Fรคhigkeiten ankommt, kรถnnen sich Aubrey und jeder andere Mann an Bord auf den Arzt verlassen.

Die Notwendigkeit der eisernen Fรผhrung von Menschen auf engstem Raum, ohne Mรถglichkeit zum Ausweichen, ohne die Chance auf Kompromisse oder offene Enden, ist eine Eigenart der Seefahrt und Marinetradition. Schon beim deutschen Kinoklassiker โ€žDas Bootโ€œ macht die Szene des Konvoiangriffs nicht nur aufgrund ihrer verdichteten Spannung groรŸen Eindruck, sondern auch, weil der Zuschauer hier sieht, was mรถglich ist, wenn unterschiedlichste Charaktere โ€“ Sympathen und Unsympathen gleichermaรŸen โ€“ Hand in Hand zusammenarbeiten. Nicht anders ist das auf der โ€žSurpriseโ€œ. Neben der hohen historischen Akkuratesse in Sachen Ausstattung ist es der ganz groรŸe Wurf des Films, die Demografie der Besatzung eines Segelschiffs in der napoleonischen ร„ra zur Geltung zu bringen: Neben hartgesottenen Besatzungsmitgliedern, von denen die meisten um die 20 Jahre alt sein dรผrften, sehen wir Offizierskadetten und Schiffsjungen im spรคten Kindes- und Jugendalter. Auf den ein oder anderen Zuschauer mag das befremdlich wirken, zumal wir hier von einem Kriegsschiff sprechen. Mir hat dieser Aspekt aber gerade damals, als ich den Film mit 12 oder 13 Jahren das erste Mal gesehen habe, sehr gut gefallen.

Es lieรŸe sich jetzt noch einiges รผber den Film, die Ausstattung und Handlung sagen. Da ist etwa der sensible Fรคhnrich Hollom, dessen Eignung als Offizier infrage steht und der aufgrund einiger Vorkommnisse bei der aberglรคubischen Besatzung rasch als Unglรผcksbringer gilt. Er ist eine tragische Gestalt โ€“ einer, der nicht in Aubreys Kriegsmaschine hineinpasst, obwohl sich dieser redlich Mรผhe gibt. Dann ist da William Blakeney, ein vielleicht erst 12- oder 13-jรคhriger Fรคhnrich, der in seinem ersten Gefecht einen Arm verliert, aber als Krรผppel dennoch seinen Wert unter Beweis stellt…

Wie gesagt, ich muss es hierbei belassen. Schauen Sie den Film, den es hier รผbrigens im englischen Original zu sehen gibt:

Und wenn Sie dann Ihre Seekrankheit auskuriert und Ihren Armstumpf ausgebrannt haben, na, dann lesen Sie doch die literarische Vorlage von Patrick Oโ€™Brian!

ABOS

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