Auch Demokratien fehlt die Gleichheit

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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit (Liberté, Égalité, Fraternité) – so lauten die drei berühmten Losungen aus der französischen Revolution von 1789. Noch heute ist diese verbale Trinität Wahlspruch der Republiken Frankreich und Haiti. In Frankreich findet sie sich an nahezu jedem Rathaus sowie auf Münzen und Briefmarken. Nicht nur in Deutschland jedoch waren und sind die Begriffe „Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“ häufig umstritten. Da „Brüderlichkeit“ Frauen ausschließe, wurde das Wort geschlechtsneutral durch „Solidarität“ ersetzt, und weil „Gleichheit“ soziale Nivellierung bedeute, spricht man statt dessen lieber von „Gerechtigkeit“. So heißt es beispielsweise heute im Grundsatz-Programm der SPD: „Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität“.

Bereits während der Kolonialzeit gab es in Europa Berichte von angeblich herrschaftsfreien und demokratisch organisierten indigenen Völkern. Das stand in starkem Kontrast zu den hierarchischen Strukturen in den Heimatländern der Kolonisatoren und befeuerte die damaligen Utopien der Gleichheit. Ein beeindruckendes Beispiel war das Gespräch eines Indianers vom Stamm der in Kanada lebenden Tionontatis, der Ende des 17. Jahrhunderts gegenüber dem Franzosen Baron de Lahontan erklärte:

„Nein, ihr seid bereits unglücklich genug, und ich kann wirklich nicht sehen, wie ihr noch unglücklicher werden könntet… Was für eine Art Mensch mag der Europäer sein? Im Ernst, lieber Bruder, ich fühle Mitleid mit dir vom Grund meiner Seele. Ich bin Herr meiner selbst und dessen, was mein ist. Dein Körper und deine Seele dagegen sind zur Abhängigkeit von deinem großen Kommandanten verdammt; dein Gouverneur verfügt über dich; du hast nicht die Freiheit, das zu tun, worauf du Lust hast; du fürchtest dich vor Räubern, falschen Zeugen, Mördern und so weiter, und du bist der Knecht unzähliger Personen, die dir, dank ihrer Stellung, befehlen dürfen. Ist das wahr oder nicht?“

Ja, es ist wahr – auch heute noch. Zwar leitete Immanuel Kant die angeblich „angeborene Gleichheit“ des Menschen unmittelbar aus der ebenfalls „angeborenen Freiheit“ ab, doch er sprach von Hirngespinsten. Die angeborene Gleichheit, so Kant, „ist die Unabhängigkeit, nicht zu Mehrerem von Anderen verbunden zu werden, als wozu man sie wechselseitig auch verbinden kann; mithin die Qualität des Menschen, sein eigener Herr (sui juris) zu sein“. In Wahrheit erschöpft sich Gleichheit hierzulande als Gleichheit vor dem Gesetz. Da sie ein grundlegendes Merkmal der Gerechtigkeit ist, ist sie ein verfassungsmäßiges Recht: Wesentlich Gleiches ist gleich, wesentlich Ungleiches ist ungleich zu behandeln. Unzulässig ist in Deutschland indes eine Differenzierung anhand von Geschlecht, Abstammung, Rasse, Sprache, Heimat und Herkunft, Behinderung, Religion oder politischer Anschauung.

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Zählt man, marxistisch gesprochen, Demokratie, Rechtsstaat, Freiheit, Gleichheit, Menschen- und Minderheitenrechte zum ideellen Überbau, bedarf es als Grundlage eines Staates einer materiellen Basis. Und die sieht in westlichen Demokratien wenig erbaulich aus. Annette Dittert, bis Ende 2025 langjährige ARD-Korrespondentin in London, beschreibt in ihrem Buch „Dear Britain“ die schockierenden Klassengegensätze auf der Insel. So gehört in England die Hälfte des Landes nur einem Prozent der Bevölkerung; überhaupt seien lediglich acht Prozent des Landes öffentlich zugänglich – und das in einem Mutterland der Demokratie, dessen Parlament aber seit langem in Unter- und Oberhaus geteilt ist.

In Deutschland halten 81 Prozent den Wohlstand im Land für ungerecht verteilt. Eine Mehrheit der Bundesbürger (64 Prozent) spricht sich für eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer aus. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft besitzen die reichsten 10 Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens, während auf die ärmere Hälfte der Bevölkerung nur rund 1 bis 2 Prozent entfallen. Maßgeblich beeinflußt werden diese Zahlen dadurch, daß in Deutschland weniger Menschen Wohneigentum besitzen als in anderen europäischen Ländern. Dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung zufolge kann man bei der Vermögensverteilung hierzulande von einer kleinen Oberschicht (circa 10%), einer kleinen Mittelschicht (circa 20%) und einer großen Unterschicht (circa 70%) sprechen. Auch bei den Einkommen hat die Ungleichheit seit den 1990er Jahren zugenommen; zugleich ist die Mittelschicht hier ebenfalls geschrumpft. Laut „Manager Magazin“ gab es in Deutschland 2025 eine Rekordzahl von 256 Milliardären, sieben mehr als 2024.

Wer derartige Zahlen anführt, fällt schnell dem Verdacht anheim, eine Neid-Kampagne schüren zu wollen. Doch es hilft nichts: Wie in Großbritannien und anderswo lassen die Zahlen auch hierzulande die Alarmglocken schrillen. Da die Parteien der angeblich „demokratischen Mitte“ seit Jahrzehnten unfähig sind, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen, steht die AfD nicht nur in den Bundesländern bereit, als neue Volkspartei das Ruder zu übernehmen. Nicht Gleichmacherei ist das Ziel, sondern die Herstellung fairer und annähernd gleicher Bedingungen auf den entscheidenden Feldern des Lebens.

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