Mein Verhältnis zur Fußball-Weltmeisterschaft der FIFA ist sicherlich kein normales. Denn mir geht es eigentlich nicht um den Sport oder das Spiel, sondern um die Zahlen, um die Statistik dahinter. Welche Mannschaft hat am häufigsten das Finale erreicht (Funfact: Es ist die DFB-Elf), welche Ergebnisse wurden erzielt, wer wo wie oft scheiterte usw. Das ist für mich der einzige Spaß daran. Die Spiele schaue ich mir dafür äußerst selten an, es geht mir nur um das Endergebnis.
Tatsächlich habe ich genau eine WM damals aktiv verfolgt: die von 2014 in Brasilien, als die deutsche Mannschaft den Weltmeistertitel holte. Ich war 14, und in meiner Erinnerung ist es der letzte Sommer gewesen, der sich ohne gesellschaftliche oder politische Anspannungen abspielte. Gewiss, Deutschland und Europa waren schon damals mehr als kränklich, aber ich nahm das eben noch nicht so wahr, und die Ablenkung in Form von Brot und Spielen funktionierte in diesem Sommer sehr gut. Unvergessen bleibt etwa das Halbfinalspiel Deutschlands gegen Brasilien, in dem der Gastgeber mit 7:1 vom Feld gefegt wurde…
Apropos 7:1, dieses Ergebnis erzielte Deutschland bei der diesjährigen WM erneut, als es im Eröffnungsspiel den WM-Neuling Curaçao besiegte. Dabei erregte weniger das Ergebnis Aufsehen als eine Szene, die sich im Nachhinein auf dem Rasen abspielte: Mehrere Spieler beider Teams bildeten einen christlichen Gebetskreis und beteten öffentlich. Tatsächlich eine Szene, mit der ich nicht wirklich gerechnet hätte. Derjenige, der von der deutschen Nationalmannschaft im Fokus steht, ist der deutsch-nigerianische Mittelfeldspieler Felix Nmecha. Seit 2023 ist er Teil der Mannschaft, er gibt hier sein WM-Debüt.
Bereits vor Beginn des Spiels berichteten Medien, Nmecha sei mit einer Bibel aus dem Mannschaftsbus gestiegen, nun die Sache mit dem Gebetskreis, und dann schließlich noch ein Interview, in dem er sagte, er wolle mit dem Fußballspiel Jesus Christus verherrlichen. Was ist da los?
Also, bei manchen Pseudorechten und Liberalkonservativen scheint es ziemlich große Sympathien für das öffentliche Glaubensbekenntnis Nmechas zu geben, bis hin zu einer „Wir sind so was von zurück“-Stimmung und einer Quasi-Verehrung des Fußballspielers, wie etwa bei NiUS.
Es ist ja ganz nett, wenn jemand sich öffentlich zum christlichen Glauben bekennt, aber das ist eben noch kein hinreichendes Kriterium für die vermeintliche politische Zuverlässigkeit einer öffentlichen Figur; nicht zuletzt deshalb, da es genug Christen des öffentlichen Lebens gibt, die meinen, sich einem rechten Deutschland in den Weg stellen zu müssen.
Gerade, dass Nmecha von so vielen liberalkonservativen Nebelkerzen in einer selbsterniedrigenden Art und Weise gefeiert wird („Oh danke, lieber basierter Migrant, dass du stabil bist im Gegensatz zu den woken Kartoffeln!!!“), ist eher ein Signal dafür, dass man von ihm Abstand halten muss. Und es ist ja nicht so, als wäre das Christentum von Nmecha irgendwie in Deutschland verwurzelt. Der Mann folgt einem evangelikalen Zweig des Christentums, vermutlich (oder eher: höchstwahrscheinlich) hat er dieses von seinem nigerianischen Vater mit auf den Weg bekommen.
Dieses poppig-kitschige, amerikanisch anmutende evangelikale Christentum, in welchem auch ein banales Fußballspiel (eigentlich eher ein Ausdruck einer sündhaften Welt…) zu einer Verherrlichung Jesu Christi umgedeutet werden kann und das völlig im luftleeren Raum hängt, hat nichts oder zumindest sehr wenig mit dem Christentum zu tun, welches – sowohl in seiner katholischen als auch in seiner protestantischen Form – über Jahrhunderte hinweg die deutsche Identität geprägt hat.
Zwar wird Nmecha jetzt auch zum Ziel linksradikaler Hetze, da man es ihm auf linker Seite übel nimmt, dass er seinen Evangelikalismus auch konsequent auszuleben scheint – und damit auch wohl Abtreibung und Homo-Ehe ablehnt –, aber erst seine Reaktion darauf vermag zu beweisen, wie wertvoll er sich für uns erweisen könnte. Aber selbst wenn er die richtigen Konsequenzen zieht, darf nicht vergessen werden, dass die Debatte um Nmecha eben auch ein Symptom des großen Verfalls ist. Allein deshalb sollte jeder Jubel ihm gegenüber gut bedacht sein.
Dieser Artikel war frei lesbar
Trotzdem kostet uns die Erstellung Zeit und Geld. Unsere Kolumnisten schreiben seit Jahren gegen den täglichen Wahnsinn der Bundesrepublik an. Mit einer Spende kannst du sie unterstützen.
Bankverbindung
Blutdruck Verlag UG
IBAN: DE04 3204 0024 0783 7735 00

