Nationalismus ist rechts und Rechte sind Nationalisten. Diese Verbindung ist in den meisten Köpfen unserer Zeitgenossen fest verankert – nicht zuletzt auch in jenen, die sich selbst im politischen Spektrum abseits des Durchschnittsbürgers verorten. Viele derjenigen, die sich als Nationalisten bezeichnen, werden auf die Frage, ob sie denn auch „rechts“ seien, mit einem kräftigen „Jawohl!“ antworten.
Und es stimmt ja auch – zumindest im Vergleich zu allen, die sich heutzutage als „links“ oder als „mittig“ bezeichnen, stehen die Nationalisten meistens rechts; die Speerspitze der links-progressiven Kräfte würde den durchschnittlichen Nationalisten zudem mit den Bezeichnungen konservativ, reaktionär, rechts und rechtsradikal brandmarken. Und spätestens bei einem solchen Begriffswirrwarr sollte man sich die Thematik genauer anschauen. Ist der Nationalismus wirklich so „rechts“ und „reaktionär“, wie man allgemein annimmt?
Nationalismus in Etappen
Die Nationalismen des 20. Jahrhunderts, die unter dem Begriff der „Dritten Wege“ subsummiert werden können, unterschieden sich in ihrer Form radikal vom liberalen Nationalismus der Biedermeierzeit, der 48er-Revolution oder des Kaiserreiches. Die autoritären Ausformungen, die fast ausschließlich in der Zwischenkriegszeit zu finden waren, hatten nichts mehr mit dem vorangegangenen Nationalismus „noch nicht vereinter“ Regionen zu tun. Der italienische Faschismus etwa hat sich selbst stets als Gegenreaktion und -entwurf zum Sozialismus und Liberalismus gesehen (siehe Ausgabe 22 folgend), war aber mit seinen Massenaufmärschen und den totalitären Elementen genauso modern wie die anderen beiden aufklärerischen Ideologien.
Aber egal, auf welche historische Ausformung des Nationalismus man sich bezieht, sie alle eint dennoch ein Element: Der Nationalismus war progressiv; er wollte Veränderung, er wollte vorankommen. Seine Frühformen lassen sich bereits im 18. Jahrhundert erkennen und erleben im us-amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und in der Französischen Revolution am Ende desselben Jahrhunderts ihre ersten Höhepunkte. Doch auch schon frühere Ereignisse lassen eine Tendenz in Richtung Nationalismus erkennen: etwa das Scheitern der katholischen Universalmonarchie Kaiser Karls V. (1500–1558) im frühen 16. Jahrhundert. Als Versuch unternommen, die mittelalterliche Ordnung der katholischen Einheit und des Gleichgewichts zwischen Kaiser- und Papsttum zu erhalten, zerbrach sie am Widerstand sowohl des aufstrebenden Frankreichs unter Franz I. (1494–1547) als auch am Partikularismus der lutherisch-evangelischen Reichsstände, die unter allen Umständen – sogar im Bündnis mit den verhaßten katholischen Fürsten – ihre „Teutsche Libertät“ zu verteidigen gedachten. Die allumfassende – und damit supranationale – Herrschaft des Kaisers konnte sich gegen die Interessen der „national“ denkenden Kräfte wie Frankreich nicht durchsetzen. Während der Herrschaft Karls V. bildeten sich alle Staaten heraus, die sich später zu Nationalstaaten entwickeln sollten: Spanien, Frankreich, England etc.
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