Es gehört zu den erstaunlichsten Entwicklungen zeitgenössischer Politik, dass sich heute bereits Menschen mit einem funktionierenden Kühlschrank und einem nicht überzogenen Dispokredit wie feudale Ausbeuter behandeln lassen müssen. Wer in Deutschland etwas mehr verdient als der Durchschnitt, vielleicht ein Eigenheim abbezahlt, Rücklagen bilden kann oder zweimal im Jahr in den Urlaub fährt, gilt schnell als „reich“. Wer dann auch noch allergisch auf steigende Steuern, Abgaben oder die kalte Progression reagiert, wird moralisch gleich mit den großen Vermögenden dieser Welt in einen Topf geworfen: Tech-Milliardären, Erben internationaler Dynastien oder multinationalen Finanzakteuren.
Milliardärssozialismus
Die Folge ist eine eigentümliche Schizophrenie. Die Mittelschicht fühlt sich von linken Forderungen nach „Tax the Rich“ angegriffen – und das völlig zu Recht! Gleichzeitig verschwimmt der Blick auf jene ökonomische Elite, die tatsächlich auf einer völlig anderen Flughöhe unterwegs ist und deren Steuervermeidung reale politische Folgen hat. Aus einer defensiven Reaktion heraus entsteht eine paradoxe Allianz: Die Mittelschicht verteidigt reflexhaft Nischen durch globalen Kapitalverkehr, von denen sie selbst niemals profitieren wird, während sich die wirklich Superreichen längst mit progressiven Milieus arrangiert haben. Der Historiker David Engels spricht in diesem Zusammenhang treffend vom „Milliardärssozialismus“.
In Debatten reicht oft ein Jahresbrutto von 80.000 Euro aus, um als Wohlhabender etikettiert zu werden. Gutverdiener ist man ab 70.000, Spitzenverdiener und Teil der oberen 10 Prozent ab 100.000 Euro. Dabei handelt es sich – insbesondere in Ballungsräumen – keineswegs um luxuriöse Umstände. Auch frei von Polemik lebt ein Ingenieur, ein leitender Angestellter oder ein selbstständiger Handwerker mit Familie häufig solide, aber nicht exzessiv. Nach Steuern, Sozialabgaben, Miete oder Immobilienkredit, Energiepreisen und Inflation bleibt erstaunlich wenig von jener vermeintlichen Oberschichtsexistenz übrig.
Wohlstand als moralischer Makel
Der deutsche Sozialstaat hat über Jahrzehnte eine seltsame Umdeutung vollzogen: Wohlstand gilt nicht mehr als etwas Relatives, sondern als moralischer Makel. Wer mehr verdient als der Durchschnitt, wird nicht als Leistungsträger betrachtet, sondern als potenzielles Ausbeutungsproblem. Entsprechend verschiebt sich die Definition von „reich“ immer weiter nach unten. Dort nämlich sitzt die eigentliche Melkkuh des Staates: die obere Mittelschicht.
Die tatsächlichen Superreichen sind dagegen erstaunlich schwer greifbar. Nicht, weil sie unsichtbar wären, sondern weil ihre Vermögen strukturell anders organisiert sind. Der deutsche Facharzt mit 100.000 Euro Einkommen zahlt seine Steuern unmittelbar und lückenlos. Der internationale Milliardär besitzt dagegen Stiftungen, Beteiligungen, Holdinggesellschaften und globale Vermögensstrukturen. Sein Vermögen ist mobil, internationalisiert und politisch hervorragend abgesichert.
Hier liegt die eigentliche Verwirrung. Viele Bürger spüren intuitiv, dass linke Umverteilungspolitik sich am Ende vor allem gegen sie richtet. Wenn Politiker über Vermögenssteuern sprechen, denkt der mittelständische Unternehmer sofort an den Wert seiner Firma oder seines Hauses – nicht an Offshore-Konstruktionen auf den Cayman Islands. Und wenn von „den Reichen“ gesprochen wird, weiß der gutverdienende Angestellte bereits, dass seine Stunde geschlagen hat.
Diese Wahrnehmung ist nicht irrational. Die moderne Fiskalpolitik westlicher Staaten lebt davon, die produktive Mittelschicht immer stärker zu belasten. Der Staat greift dort zu, wo Einkommen transparent, immobil und administrativ leicht erfassbar sind. Der global mobile Großkapitalist dagegen kann ausweichen. Der progressive Steuerstaat melkt nicht primär Milliardäre, sondern den Facharzt in Bielefeld, den Familienunternehmer aus dem Sauerland oder den Handwerksmeister im Ruhrpott. Laut ifo Institut bleibt Menschen mit mittleren Einkommen vom verdienten Euro oft nur noch ungefähr die Hälfte. Der Rest geht in jene große deutsche Gemeinschaftsaufgabe namens „irgendwas mit Transformation“.
Naive Verteidigung des Status quo
Doch genau an diesem Punkt kippt die berechtigte Abwehrhaltung vieler Bürger in eine naive Verteidigung des globalisierten Finanzkapitalismus. Aus Angst vor linken Steuerfantasien beginnt man plötzlich, jede Kritik an wachsender Ungleichheit und Vermögenskonzentration, Steuervermeidung oder internationalen Vermögensnetzwerken als sozialistischen Angriff auf den freien Markt zu betrachten. Dabei haben normale Bürger mit diesen Konstruktionen so viel gemeinsam wie Dieter aus Wanne-Eickel mit einem Goldman-Sachs-Partner auf seiner Yacht vor Malta.
Es ist ein fundamentaler Unterschied, ob jemand sein Einkommen gegen staatliche Übergriffigkeit verteidigt oder ob transnationale Geldeliten faktisch außerhalb nationaler Steuerregime operieren. Die klassische bürgerliche Freiheitstradition zielte ursprünglich auf Eigentumsschutz, Rechtssicherheit und wirtschaftliche Selbstbestimmung produktiver Bürger. Sie meinte keineswegs die Entstehung einer supranationalen Klasse, die nationale Loyalitäten, Steuerpflichten und soziale Bindungen als lästige Relikte betrachtet.
Woke capital
Interessanterweise haben linke Milieus dies besser verstanden als viele konservative oder libertäre Kreise. Der moderne Milliardär ist heute kulturell in der Regel progressiv, globalistisch und gesellschaftspolitisch „woke“ codiert. Er nennt brav seine Pronomen, ist Schirmherr von Diversitätskampagnen, Klimastiftungen oder NGO-Netzwerken und profitiert gleichzeitig von offenen Grenzen, globalisierten Märkten und internationaler Kapitalmobilität. Hat er dann auch noch ein gewisses Gespür für politische Trends, ist ihm der öffentliche Ritterschlag zum Menschenfreund gewiss, wie ihn die beiden linken Dagobert Ducks, George Soros oder Bill Gates, empfangen haben. Ausnahmen sind höchstens bei reichen Russen zu beobachten – sie sind qua Geburtsurkunde Oligarchen.
Das ist kein Widerspruch, sondern die wahrscheinlich erfolgreichste Zweckgemeinschaft seit Coca-Cola und dem Weihnachtsmann. Die progressive Linke beschränkt sich bevorzugt auf kulturelle Konflikte und moralische Statusfragen, während die wirklich großen Vermögenskonzentrationen erstaunlich selten ernsthaft angegriffen werden. Der woke Milliardär mit Pride-Logo und CO2-neutraler Flotte ist in diesen Kreisen gesellschaftlich annehmbarer als der Dachdecker aus der rückständigen Provinz mit ungeschliffenem Wortschatz, der einmal im Jahr nach Malle fliegt und am Wochenende gern ein lautes Motorrad fährt. Symbolisch fordert man zwar „Tax the Rich“, praktisch aber landet man meist bei höheren Abgaben für Mittelständler und Immobilienbesitzer.
Dadurch entsteht eine doppelte Entfremdung. Die Mittelschicht entfremdet sich einerseits von einem politischen Milieu, das sie vor allem als steuerpflichtige Melkkuh betrachtet. Andererseits entfremdet sie sich zunehmend auch von ihren eigenen materiellen Interessen, indem sie reflexhaft selbst jene Formen des globalisierten Kapitalismus verteidigt, die sich ihrem angemessenen Beitrag zur Finanzierung eines Staats- und Gemeinwesens egoistisch entziehen.
Doppelte Entfremdung
Gerade libertäre Milieus machen hier einen strategischen Fehler. Sie betrachten den Staat als einzig relevante Bedrohung individueller Freiheit und unterschätzen dabei die Macht privater Großakteure. Doch wirtschaftliche Machtkonzentration kann ebenso freiheitsgefährdend wirken wie staatliche Zentralisierung – insbesondere dann, wenn beide Seiten miteinander kooperieren.
Denn genau das erleben wir inzwischen immer häufiger: Staaten und Großkonzerne verschmelzen in vielen Bereichen zu einer Art administrativem Komplex. Während kleine Unternehmer unter Bürokratie und Regulierung leiden, können internationale Konzerne Compliance-Abteilungen aufbauen, politische Netzwerke pflegen und regulatorische Hürden sogar zu ihrem Vorteil nutzen. Was offiziell als Kampf gegen Ungleichheit verkauft wird, stabilisiert oft die Marktposition der bereits Mächtigen.
Für die Mittelschicht entsteht daraus eine paradoxe Situation. Sie trägt die Hauptlast des Systems, hält sich aber gleichzeitig für Teil jener Klasse, die sie politisch eigentlich nur finanziert. Auch wenn die Selbstidentifikation als Wohlhabender dem Ego guttut: Die Barbourjacke definiert noch keinen Reichtum, und viele Menschen tun das heute mehr emotional als strukturell. Reich ist immer derjenige, der ein etwas schöneres Bad hat als man selbst. Der Nachbar mit dem größerem Haus wirkt erreichbarer und damit bedrohlicher als ein Hedgefondsmanager auf Jersey oder ein Tech-Investor in Kalifornien.

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