Der Spanier Ortega y Gasset forderte bereits 1949 die Vereinigten Staaten von Europa. Also ist der Mann vielleicht gar kein Konservativer? Tatsächlich wird Ortega häufig der liberalen Schule zugeordnet, trotzdem finden sich in seinem Werk konservative oder gar reaktionäre Tendenzen. Gleichzeitig verbindet er wie kein Zweiter hochwissenschaftliche Ansätze mit einer klaren, verständlichen und stilistisch herausragenden Sprache. Komplizierte Sachverhalte wie der Zeitgeist oder kollektive Gefühle können nämlich auch ganz einfach ausgedrückt werden. Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:
„Im ersten Augenblicke erschienen die Burgen uns als Symptome eines Lebens, das uns im tiefsten fremd ist. Wir schreckten vor ihnen zurück und suchten Zuflucht bei den antiken Demokratien, die wir unseren Formen des öffentlichen Lebens – des Rechtes und des Staates – verwandter fanden. Aber als wir versuchten, uns als Bürger Athens oder Roms zu fühlen, entdeckten wir einen dezidierten Widerstand in uns. Der antike Staat bemächtigt sich des ganzen Menschen und läßt ihm auch nicht den kleinsten Rest zu seinem Privatgebrauch übrig. In irgendwelchen unterirdischen Wurzeln unserer Persönlichkeit widerstrebt uns dieses vollständige Aufgehen im Kollektivkörper der Polis. So wenden wir uns zurück zu den Burgen und finden, daß hinter ihren theatralischen Gesten ein Schatz aus Ideen bereit liegt. Ihre Zinnen und Türme sind errichtet, um die Person gegen den Staat zu verteidigen. Meine Herren, es lebe die Freiheit.“ (Signale unserer Zeit, S. 25)
Wie gelangte der spanische Denker zu solchen Vorstellungen? 1883 in Madrid geboren, studierte Ortega in Bilbao und Madrid Philosophie. Ab 1904 hielt er sich vorrangig in Deutschland auf, insbesondere in Marburg, wo er unter der Leitung Hermann Cohens studierte. 1910 verließ er Deutschland, um in Spanien als Doktor an verschiedenen Lehrstühlen zu dozieren. Über Marburg, dessen Neukantianismus Ortegas Gedankenwelt entschieden beeinflusste, sagte er später: „In dieser Stadt habe ich die Tag- und Nachtgleiche meiner Jugend verbracht.“
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