Ein gewaltiger Preis der moralischen Deutungshoheit besteht darin, dass nur noch der Gegner anschlussfähig provozieren kann. Wer von links noch ein „Das hat er jetzt nicht gesagt!“ ernten will, muss dafür derart über die Stränge schlagen, dass er eher geistig instabil als verwegen rüberkommt. Kathy Griffin mit ihrer lebensechten Nachbildung eines abgeschlagenen Trump-Kopfes wäre ein Beispiel. „Reiche erschießen“ auf der Strategiekonferenz der Linken und die Erwiderung „Wir setzen sie schon noch für nützliche Arbeit ein“ des damaligen Chefs Bernd Riexinger ein anderes. Oder die „Nazis töten“– und „Hier könnte ein Nazi hängen“-Plakate der „Partei“.
Im musikalischen Bereich wäre das Lied „Nazis erschießen“ von Alligatoah-Protegé Yu zu nennen, oder „Danke Merkel“, worin K.I.Z die Vielfalts-Party nach dem Mord an Daniel Hillig inhaltlich zutreffend wie folgt beschreibt:
„Asylant rammt Deutschem die Klinge in sein Herz. Am nächsten Tag geben wir auf sei’m Grab ein ‚Wir sind mehr‘-Konzert.“
Im „Nach wie vor“-Musikvideo von K.I.Z-Rapper Tarek ermordet dieser Weidel, Höcke und Gauland auf Tarantino-mäßig überzeichnete Weise: Weidel wird ausgeweidet, Gauland geköpft und Höcke mit einem Ninja-Stern hingerichtet.
Man könnte also glauben, dass die Schock-Aufmerksamkeit, die selbst drastischste Darstellungen linker Mordfantasien noch hervorkitzeln können, ausgeschöpft ist. Aber einen Kniff haben sie noch: Kein fiktives Gemetzel inszenieren, sondern echte Anschläge feiern.
Spätestens da bewegen wir uns im Bereich des klar strafrechtlich Relevanten: Dass El Hotzo etwa mit dem Kommentar „Ich finde es absolut fantastisch, wenn Faschisten sterben“ über die Ermordung des Feuerwehrmanns Corey Comperatore auf einer Trump-Ralley davonkam, hat er einzig der politischen Korrumpiertheit der deutschen Justiz zu verdanken. Genauso die Einstellung der Ermittlungen nach Böhmermanns „Nazis keulen“-Abmoderation einer Sendung, die aus einer halbstündigen Gleichsetzung von AfD- und FPÖ-Politikern mit solchen bestand.
Alle denkbaren Blutrünstigkeits-Spielarten im Stile von „South Parks“ „Waldtierchen“ sind damit von links erschöpfend auserzählt. Den einzigen auf großer Bühne noch weitestgehend unbeschrittenen Provokations-Pfad hat „Danger Dan“ jetzt mit Schützenhilfe des ZDF eingeschlagen: ein konkreter Leitfaden zur Ausübung realistischer politischer Gewalt samt Glorifizierung bereits geschehener.
In der 100. Folge der „Anstalt“ sollte er ein Lied namens „Keine Angst“ singen. Anders als in seinem „Kunstfreiheits“-Lied, das mit den typischen überzeichneten Mordfantasien (etwa gegenüber Götz Kubitschek) samt Rückzieher in der letzten Strophe aufwartete, gibt er darin eine siebenminütige Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Aufbau einer Antifa-Terrorzelle, die Rechte stalken und Datenbanken über ihr Privatleben anlegen soll. Der Zweck der Übung:
„Ist eh klar, was zu tun ist, ich sag nix mehr dazu. Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk.“
Mit „Lina“ ist die Anführerin der Hammerbande gemeint, die sich ihren Namen mit einer Serie politischer Anschläge wie der momentan vor Gericht als versuchter Mord verhandelten Attacke auf eine Thor-Steinar-Verkäuferin und dem Zerschmettern der Gesichtsknochen eines Leipziger Kanalarbeiters, der seither eine Metallplatte im Kopf trägt, weil er ansonsten das Augenlicht verlieren würde, verdient hat. Bei Letzterem griff Lina Engel selbst zum Pfefferspray, um einen Kollegen des Opfers in Schach zu halten. Die anderen drei gehören ebenfalls zum Terror-Kollektiv, „Maja“ etwa war am Anschlag auf eine nationalistische Demo in Ungarn beteiligt, dem auch polnische Touristen abseits des Demonstrationsgeschehens zum Opfer fielen.
Durch den Rückzieher des ZDF entstand nun eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: Der Sender konnte seinem propagandistischen Wirken einen neutraleren und moderateren Anstrich verleihen. Der Systemmusiker konnte sich zeitgleich als Rebell inszenieren und weitaus mehr Aufmerksamkeit auf sein Werk lenken, als hätte man ihn es einfach singen lassen.
Rebell qua Regierungs-Extremismus, eine Geschichte, die auch nur der Spätliberalismus schreiben kann: Eine große Zensuraffäre darum zu inszenieren, dass ein Künstler zu Terror gegen Dissidenten anstiftet, wäre offen repressiv agierenden Staaten wie China vermutlich zu albern gewesen.
Die „Anstalt“ wiederum konnte dann eine „mittlere Position“ im Mainstream-Overtonfenster einnehmen: Zunächst zeigte man über eine Minute lang einen leeren Pianisten-Stuhl.
Dann erklärten die Chef-Kasper, der „Zensur“ des ZDF zu widersprechen, obleich auch sie „Selbstjustiz“ ablehnen würden. Diese Wortwahl sagt schon genug aus: Selbstjustiz setzt ein Verbrechen voraus, welches bei den Opfern der Hammerbande in einer legalen politischen Tätigkeit (Paul Rzehaczek) und dem Verkaufen oder Tragen nationalistischer Mode (der Kanalarbeiter trug eine „Greifvogel Wear“-Mütze) bestand. Selbst diese vergiftete Distanzierung wird dann damit relativiert, wie „eingeschüchtert“ sich viele in Ostdeutschland aufgrund des Erstarkens der AfD fühlen würden.
Die Sendung mündete dann schließlich in einem Ersatz-Auftritt der Antifa-Sängerin Julia Gámez Martin, die darüber rappte, dass die AfD verboten, Höcke die Grundrechte entzogen und Sachsen-Anhalt im Fall eines blauen Wahlsieges unter Bundeszwang gestellt werden müsse.
Die Botschaft ist klar: Baut auf verschärfte Staatsrepressionen statt Terrorismus. Sollten diese allerdings ausbleiben oder versagen, würden wir den Weg von Weimar beschreiten und die Demokratie würde abgeschafft:
„Wir haben nur noch diesen einen Schuss.“
Man kommt nicht umhin, zu bemerken, dass Danger Dans Einstellung die schlüssigere ist: Und wenn dieser „letzte Schuss“ danebengeht, wofür plädiert ihr dann?
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