„Aktivist Mann“ als Präzedenzfall?

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Vor knapp zwei Jahren startete Julian Reichelt seine kurze und verlustreiche „Höcke raus“-Kampagne, in der er Weidel nahelegte, den „überzeugten Nationalsozialisten“ aus der Partei zu entfernen und sich an den „wirklich klugen und anschlussfähigen Rechten Europas wie Giorgia Meloni“ zu orientieren. Das Verhältnis von Abschiebungen zu illegalen Grenzübertritten unter Meloni beträgt eins zu 16. 

Höcke mit einem einzelnen, entschiedenen Vorstoß wegzurasieren – und dazu auch noch einem, der inhaltlich kaum von den inflationären Mainstreamangriffen zu unterscheiden war –, war natürlich ein unrealistisches Vorhaben. Für mich markierte es nichtsdestotrotz den Wendepunkt im Umgang mit „NIUS“: Bis dahin hatte ich das anderthalb Jahre zuvor gegründete Medium als willkommenen frischen Wind wahrgenommen, der zwar nicht aus dem neurechten Spektrum selbst kam, wohl aber erhebliche Interessen- und Themenüberschneidungen aufwies. 

Meine Neubewertung von „NIUS“ erwies sich seither auf vielerlei Weise als angemessen: Im Juli 2025 erklärte Reichelt auf dem „NIUS“-Sofa das Wort „Remigration“ für tot – eine Einschätzung, die sich als weniger prophetisch entpuppte und auch gar keine war, sondern der Versuch, das Konzept eigenmächtig aus der AfD zu drängen. Wäre Höcke ein Wort und keine Person, hätte er wahrscheinlich auch bei ihm einfach deklariert, dass er bereits rausgeschmissen wurde, um dieses Ereignis mittels einer Art „Bild“-Zeitungs-Magie verbal zu manifestieren.

Der nächste große Einflussnahmeversuch erfolgte dieses Frühjahr anlässlich der Distanzierung der AfD vom Irankrieg. Weidel klinge wie Baerbock und Reichinnek, titelte man unisono bei „NIUS“, „Apollo News“ und „Welt“, während Reichelt der Partei vorwarf, ihre Glaubwürdigkeit beim Thema Islamisierung zu verspielen: 

„Die Parallelgesellschaften, die die AfD in Deutschland beklagt, haben sich in Jahrzehnten nicht einfach organisch und zufällig gebildet, sondern sind kontrolliert und unterwandert von Hisbollah und IRGC, die tief in deutsche Großstädte hinein wirken.“ 

Genauso sei der Iran maßgeblicher Treiber hinter Drogenhandel und Terrorismus in Deutschland sowie der Masseneinwanderung selbst. Kurz und bündig also: Ohne den Iran wären die Migranten überhaupt nicht hier, und selbst wären sie es, würden sie keine Probleme machen. 

All diese Einflussnahmeversuche blieben bisher ohne allzu spürbare Wirkung. Und insbesondere um den ersten – den utopischen Versuch, die zentrale Symbolfigur der dissidenten Rechten mit einem Schlag auf die Matte zu schicken – hatte sich das Mantra breitgemacht: „Wen juckt’s, wenn die sich alle paar Monde mal mit so was lächerlich machen? Dann bluten sie halt mal wieder 250.000 Abos, kriegen sich wieder ein und liefern weiter Berichterstattung, die im weitesten Sinne unserem Anliegen nützt.“ 

Als die neurotisch-paranoide Gehirnhälfte der Rechten sah ich das naturgegeben etwas anders: Der Angriff auf Höcke war eine Absichtserklärung. Und wenn wir es versäumen, unsere Lehren daraus zu ziehen – und zwar, dass Reichelt und „NIUS“ langfristig beabsichtigen, die dissidente Rechte aus der Partei zu drängen –, stehen wir nackt da, sobald sie klüger agieren. 

Klüger wäre es etwa, sich an jemand deutlich Kleinerem abzuarbeiten. Jemandem, dessen Ausschluss in sich selbst keine nennenswerte Veränderung der Partei oder ihres Vorfelds bedeuten würde, aber genau deswegen ohne erheblichen Widerstand zu erreichen ist. Dessen Verschwinden kaum Symbolwert hätte, bis auf den, dass der AfD-offene neue Medienkosmos um Reichelt eben Leute verschwinden lassen kann. Im August letzten Jahres schilderte ich meine Befürchtungen in einem „KasperKast“-Stream. Das beschriebene Szenario erinnert unheilvoll an die aktuelle Aktivist-Mann-Causa.

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Das Drama, das sich auf den letzten Metern des Wahlkampfs um zwei Schnipsel des Streamers entfaltete, habe ich kürzlich schon detaillierter in einer Kolumne behandelt. In Kurzform ging es um eine schnippische Antwort auf den extrem linken Aktivisten Marcant, der die Frage nach einer Debatte mit Martin Sellner mit einem Themensprung zum Holocaust quittiert hatte. Außerdem rempelte er disproportional heftig zurück, als ein „Spiegel“-Mann versuchte, sich an ihm vorbeizudrängen. 

Der Chef-Kommentator von „Apollo News“ sowie „NIUS“-Kolumnist Brechtken grub daraufhin eine positive Äußerung Siegmunds über Aktivist Mann aus dessen Auftritt im „Ungeskriptet“-Podcast aus und forderte eine Distanzierung von dem „Extremisten“.

Die richtige Kampagne startete allerdings erst nach der Wahl. Nach der Skandalisierung eines (inhaltlich unproblematischen) einseitigen Gesprächs, das er der „Spiegel“-Frau Ann-Katrin Müller auf der Wahlparty aufdrängte, entlockte der politisch in Axel-Springer-Nähe angesiedelte „Pioneer“ einem Weidel-Sprecher die Aussage, das Verhalten sei „inakzeptabel“ gewesen. Zudem nutzte – natürlich – Rüdiger Lucassen die Gelegenheit für eine noch schärfere Verurteilung.

Brechtken blies das zu einer vollumfänglichen Distanzierung der Parteispitze auf und feierte dieses „Triümphchen“ in einem Artikel namens „Die AfD wird erwachsen“. Hier ist wichtig, festzuhalten: Aktivist Mann dient in diesem Spiel lediglich als Bauernopfer, um die Deutungshoheit des „NIUS“- und „Apollo“-Kosmos darüber zu etablieren, wer ein „Extremist“ sei, von dem die Partei sich abzugrenzen habe. 

Dass sich von Aktivist Mann distanziert wird, ist nicht wichtig. Sondern, dass sich zu distanzieren in der Rechten (wieder) normalisiert wird und sie damit formbar wird. Vielleicht nicht mehr für den (alten) Mainstream. Aber für eine neue „corporate-rechte“ Medienlandschaft. Im Optimalfall drängt man das Bauernopfer so in eine übersteigerte Radikalität, die das Vorgehen rückwirkend rechtfertigt. Deswegen muss das Vorfeld die mit diesem Hebel Zurückgestoßenen konstruktiv auffangen.


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