Die größte Wählergruppe, auf die ich mit meinem Geschreibsel hier irgendeinen Einfluss nehmen kann, sind vermutlich Nichtwähler. Also werde ich keine Zeit damit verschwenden, mich an CDU-Wackelkandidaten oder die Handvoll verbliebener BSW-Sympathisanten zu wenden, die das hier sowieso nicht lesen.
Selbst ausgehend von der Prämisse, dass Wahlen nichts verändern – sei es, weil die AfD bereits korrumpiert wäre oder die Institutionen drumherum echter Veränderung einen Riegel vorschieben würden –, sollte jeder, der die bestehenden Verhältnisse ablehnt, diesen Sonntag sein Kreuz bei Siegmund machen.
Denn bei Wahlen geht es nicht nur um realpolitische Ergebnisse. Es geht auch um Kommunikation. Nicht mit einer Elite, der man so endlich den Volkswillen klarmachen könnte – der ist ihr bereits bestens bekannt und egal. Es geht um Kommunikation mit dem Volk selbst. Der blaue Balken ist eine massenpsychologisch derart potente Waffe, dass die nächsten Monate signifikante Systemressourcen dafür draufgehen werden, dessen Ausmaße in ein größeres Bild einzusortieren, in dem sie keinen Kontrollverlust bedeuten.
Sagen wir, Parlament und bestenfalls Landesregierung würden sich tatsächlich nur mit Polit-Darstellern einer anderen Geschmacksrichtung füllen: Das, was sie (von mir aus einzig) im öffentlichen Auge darstellen, also eine Kehrtwende in Sachen Migrations-, Kultur-, Außen-, Energie- und Erinnerungspolitik, wird dennoch drastisch normalisiert, wenn annähernd 50 Prozent eines Bundeslandes sich dazu bekennen.
Gerade durch die Propaganda im Mainstream, die vor ihrer Wahl abschrecken soll, steht die Partei ohne Zweifel über Gebühr als Fundamentalopposition, das ultimative „Dagegen“ da. Aber das ist doch exakt die Botschaft, die (politische) Nichtwähler senden wollen. Und eine blaue Stimme übermittelt sie eindeutiger und lauter als gar keine: Wie viele Nichtwähler es etwa bei der letzten Bundestagswahl gab, weiß kein Mensch. Dass eine „2“ vor dem AfD-Ergebnis stand, hingegen jeder.
Was das Fernbleiben von der Wahl aussagen soll, kommt zudem diffus beim Endverbraucher an: vielleicht Desinteresse oder Trägheit. Vielleicht gar nix. Vielleicht Desillusionierung mit dem politischen System als solchem. Was davon zu welchen Anteilen zutrifft, ist ein Rätselraten, das auf dem Sofa innerhalb weniger Momente verworfen wird, nachdem die Wahlbeteiligung über den Bildschirm geflimmert ist. Und die Wahlbeteiligung wird diesmal ohnehin hoch sein.
Was die Wirkung des AfD-Ergebnisses als massenpsychologisches Instrument betrifft, muss ich einen kurzen Exkurs zum Thema Menschenbild einschieben. Die meisten Menschen richten ihr politisches Denken an moralischen Impulsen und gesellschaftlicher Dominanz aus – zumindest, solange es noch nicht an die Substanz ihres Auskommens geht. Das ist ein Resultat natürlicher Selektion:
Ein Steinzeitstamm, der mehrheitlich aus Freidenkern und Querulanten bestand, war dysfunktional – selbst eine schlechte Führung war besser als gar keine. Das einzelne Individuum wiederum, das in empfindlichen Punkten die Orthodoxie der Gemeinschaft hinterfragte, wurde in den seltensten Fällen dafür belohnt. Das war selbst dann so, wenn es nicht nur im Recht war, sondern erheblichen Schaden abzuwenden versuchte. Brandopferte man etwa zur Besänftigung höherer Mächte die Hälfte der Ernte, bestand das Schicksal eines Ketzers gegen diese Praktik häufiger in seiner Benachteiligung, Verbannung oder sogar dem Tod, als dass er in der Lage war, die Stammeskultur in fruchtbarere Bahnen zu lenken.
Dieser Selektionsdruck hat dafür gesorgt, dass der Durchschnittsmensch sein Denken unterbewusst an folgender Prioritätenliste ausrichtet: Erstens: Wer ist stark und wer ist schwach? Zweitens: Was ist gut und was ist böse? Und erst an dritter Stelle: Was ist richtig und was ist falsch? Erst, wenn die Opferpraxis akute Mangelernährung auf den Plan rief, stellte sich letztere Frage den Leuten ernsthaft, und die Zeit der Zweifler und Reformatoren brach an.
Eine symbolträchtige, im Falle von Sachsen-Anhalt gar historische Wahl ist eine Möglichkeit, an Herrschaftsinstrumenten wie Massenmedien und Bildungswesen vorbei Einfluss auf die Beantwortung der ersten beiden Fragen zu nehmen. Ihre Feinde als schwach und erbärmlich hinzustellen, wird schwerer, wenn ein ganzes Bundesland sich selbstbewusst zur Feindschaft bekennt. Die Ablehnung ihrer Projekte – Masseneinwanderung zuoberst – zu dämonisieren, ebenso.
Weil die Macht- und Moralhörigkeit der Allgemeinheit in Graustufen verläuft – also bei jedem ein anderer Grad des Niedergangs ihrer Deutungshoheit darüber ausreicht, um Denkräume zu öffnen –, würde ein fulminantes Ergebnis für Millionen geistige Pfade begehbar machen, die langfristig einen tieferen weltanschaulichen Wandel ermöglichen, der über Parteipolitik hinausgeht.
Was die Delegitimierung des Systems angeht, die vielen Nichtwählern vorschwebt, sei noch erwähnt: Dass Kemmerich vor sechs Jahren mit Höckes Hilfe zum Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt werden konnte, um daraufhin von ÖRR und der Bundesregierung persönlich freundlich zum Rücktritt „überredet“ zu werden, lag an wenigen Tausend AfD-Stimmen. Die Entlarvung und Entwertung der bestehenden Ordnung, die diese paar Wähler ermöglicht haben, war gravierender als alles, was akkumuliert Hunderte Millionen Nichtwähler in den Jahrzehnten zuvor im öffentlichen Bewusstsein lostreten konnten.
Je verzweifelter die Maßnahmen, die Auswirkungen der Wahl hintenrum zu minimieren, sein müssen, desto mehr delegitimiert sich das System damit selbst. Je lauter die Verbotsdebatte hochkocht, desto mehr wird das zentrale Versprechen der Demokratie, also die Selbstherrschaft des Volkes, angekratzt. Wird hingegen die Wahlbeteiligung anstatt für Ost-Verhältnisse außergewöhnlich hoch nur oberes Mittelmaß, dann passiert … nichts. Weder im Parlament noch in den Köpfen.
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