Der Strandkorb ist nicht das Problem

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Beinahe 14 Jahre ist es mittlerweile her, dass Peer Steinbrück in einem Interview mit der „FAZ“ beiläufig bemerkte, dass er zu keiner Flasche Pinot Grigio für unter fünf Euro greife. Diese harmlose Aussage sorgte im Dezember 2012 für ein Beben. Es kam zur „öffentlichen Debatte“, was im bundesrepublikanischen Kontext bedeutet, dass sich Hamburger und Berliner Journalisten so lange das Maul über eine Nichtigkeit zerreißen, bis sie nach zwei oder drei Wochen einem neuen Opfer das Fadenkreuz auf den Rücken heften.

Für Steinbrück, der seinerzeit für die SPD in den Bundestagswahlkampf gegen Merkel zog, war das nicht der erste und auch nicht der letzte Fauxpas – seine treulose Partei verweigerte dem als Hardliner verschrienen Hamburger die notwendige Unterstützung, die Presse – damals schon in das „System Merkel“ eingepfercht – hackte unablässig auf ihm herum. Neben dem Pinot für fünf Euro blieben vom Merkel-Herausforderer zwei weitere Ein- bzw. Ausdrücke erhalten: Steinbrück auf einer Parteiveranstaltung zu Tränen gerührt, weil auch an einem bis in die Wolle gefärbten Politfunktionär die elende Pressehatz nicht spurlos vorbeigeht. Steinbrück mit erhobenem Stinkefinger in der legendären Foto-Interview-Reihe der „SZ“.

Steinbrück hatte keine Chance. 2013 fuhr Merkel ein phänomenales Ergebnis ein. Auf die persönliche Ebene heruntergebrochen gewann hier die konturlose Frau gegen den kantigen Mann, in der bundesrepublikanischen Typologie setzte sich hier der angepasste, aber immer auch undurchschaubare „Performer“ gegen den offenen und ehrlichen „Macher“ durch. 2013 trat auch die AfD das erste Mal zur Bundestagswahl an, scheiterte aber knapp an der Fünf-Prozent-Hürde. Ein Jahr darauf besetzte Russland die Krim, ein weiteres Jahr später öffnete Merkel die Grenzen…

An dieser kleinen Zeitreise erkennt man, wie rasch sich die Dinge einerseits ändern und wie beständig sie doch andererseits bleiben. Gerade um Letzteres soll es hier gehen, den Anlass hierzu gibt die Doku-Reihe „Inside CDU“ des ZDF, in deren letzter Folge der Staatsminister für die Bund-Länder-Zusammenarbeit, Philipp Amthor, die Zuschauer stolz durch das Bundeskanzleramt führt und dabei auf einen Strandkorb verweist, den er sich auf dem Balkon hat aufstellen lassen – als Reminiszenz an seine Herkunft, als Platz zum Ausspannen, als sympathischer Spleen. Wer weiß das bei Politikern noch? Keinem Beruf haftet der Ruf des Selbstdarstellers und schamlosen Lügners mehr an als dem demokratischen Funktionär.

So fair sollte man sein: Amthor kann nichts für die Regeln des Spiels, die hierzulande vor allem in der 16 Jahre währenden Ära Merkel in erheblichem Maße umgeschrieben wurden. Natürlich, auch vor Merkel waren Politiker schmierig, aber eben anders: Wenn Steinbrück so etwas wie das letzte Aufbegehren der „alten Bundesrepublik“ war, dann mutet das proletenhafte Auftreten Schröders, die joviale Art von Kohl oder die energisch-distinguierte Erscheinung von Schmidt wie die Verhaltensweise auf einem anderen Stern an.

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Amthor hingegen kennt das nur noch als dahingeraunte Anekdoten. Er hat den Verhaltenskodex der Ära Merkel bis auf die letzte Ziffer übernommen und glaubt nun, gegenüber den Journalisten des Staatsfernsehens, dass der Strandkorb so etwas wie ein nettes „Gimmick“ sei: „Ach, sieh an, der Philipp kommt von der Ostsee. Nett, da waren wir mal im Urlaub…“

Das Politicial Cinematic Universe (PCU), also der Komplex der politischen Berichterstattung, liebt hingegen künstliche Skandale, und so kam es, wie es kommen musste: Die „Affäre Strandkorb“ ging wie eine kalte Brise durch die Presse, und auch die Ankündigung des Staatsministers, den (man will hier augenrollend rufen: scheiß-nervigen!) Strandkorb abzubauen, machte es nicht besser. Das Land ist aufgebracht, die Spritpreismarke könnte noch dieses Jahr die Drei-Euro-Hürde nehmen, und der Schein eines Wirtschaftswachstums wird im Grunde genommen nur durch die schuldenfinanzierten Ausgaben für Rüstung und Klimascam sichergestellt. Jeden Tag folgt eine schlechte Nachricht auf die andere, die CDU wird vom Mahlstein der Ära Merkel auf den Grund gezogen.

Trotz seiner regelrechten Skandalsucht steht das PCU in einem symbiotischen Verhältnis mit dem Politbetrieb. Das gilt nicht nur für das Heer der alternativen Empörungsbewirtschafter, deren Kritik sich am Umstand erschöpft, dass ein Politiker ein bisschen Charakter zeigen wollte, sondern auch an der saturierten Großstadtpresse, die in der Doku etwa von Robin Alexander verkörpert wird. Dieser behauptet allen Ernstes, dass die CDU ihre Beliebtheitswerte trotz einer Wende in der Migrationspolitik nicht in den Griff bekomme – was diese Wende sein soll, legt Alexander indes nicht dar. Es gibt sie eben nicht. Die CDU macht weiter wie bisher.

Hier kommen wir zum springenden Punkt: Empörend ist nicht das desaströse Bild, das die CDU im Rahmen der Dokumentation von sich abgibt.

Empörend ist die selbstverständliche Präsentation der deutschen Agonie: Der gähnend hässliche Kanzleramtsbau, die Waschbetonwände, daran angenagelt die Zahnarztpraxis-Kunst, davor hin- und herlaufend irgendwelche Männiken, die statt „deutsches Volk“ lieber „Bürgerinnen und Bürger“ sagen und deren Büros aussehen wie der Ausstellungsräume eines Designermöbelhauses in den 1990ern, irgendwo im Gewerbegebiet von Mülheim-Kärlich. Nichts ist hier echt, nichts weist hier auf die Vergangenheit unserer Nation und unseres Volkes hin, nichts gibt Ausblick auf etwas, das man „deutsche Zukunft“ nennen möchte. Hier wird nichts vorangebracht, außer die Karriere und das Wohlbefinden der Funktionäre, finanziert von der Substanz des Landes.

Die CDU hat in wechselnden Koalitionen viel dafür getan, dass Deutschland in allen wichtigen Bereichen seine Souveränität verloren hat. Dass sich dieses Machtvakuum ausgerechnet in der völligen Verneinung einer würdigen Repräsentation seiner Eliten widerspiegelt, ist einer der wenigen Dinge, die in der späten Bundesrepublik noch zusammenpassen.


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3 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Völlig richtig, der Strandkorb ist nicht das Problem.
    Aber er steht eben beispielhaft für das Problem; nämlich für eine abgehobene Politikerkaste, die fern der Bürger lebt und von den negativen Folgen der eigenen Politik ausgeschlossen ist.
    Gingen frühere Herrscher wie Friedrich der Große oder Kaiser Wilhelm I noch selbst mit den Soldaten ihres Volkes auf’s Schlachtfeld und trugen so die Konsequenzen ihrer Politik mit, so sitzt die heutige politische Pseudoelite lieber in vom Steuerzahler zwangsweise bezahlten Strandkörben und lässt es sich gut gehen, während auf den Straßen die Folgen ihrer Politik immer deutlicher werden:
    -Messergewalt
    -Gruppenvergewaltigungen
    -Terroranschläge
    -Vermüllung der Städte
    Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

    Aber um wenigstens etwas Gutes festzustellen: Immer weniger Leute wählen CDU; auch dank dem Strandkorb.

    • Friedrich der Große, einer der mit weitem Abstand genialsten Heerführer und Militärstrategen aller Zeiten, ging seinen Soldaten in der Schlacht voran. Dies in einer Zeit, als die Könige der Preußen umgebenden Länder seitlich mit hervorquellender Wampe auf ihrer Récamière liegend die Römerfeder benutzten, um Kotzen und anschließend noch mehr Fressen zu können, während sie ihre Soldaten bedenkenlos irgendwo sterben ließen.

      Man nennt dieses von Friedrich II. geübte Prinzip, das tief in die militärische DNA-Deutschlands Einzug gehalten hat, das „preußische Mir-nach-Prinzip“.

    • Eines noch: Den Strandkorb hatte das älteste Milchgesicht der CDU wohl selbst bezahlt.

      Darum geht es meines Erachtens aber auch gar nicht.

      Viel entscheidender dürfte der Auftritt dieser unerträglichen Person sein.

      Da rennt ein CDU-Politdarsteller durch das Bild, der im Leben noch keinen einzigen Tag gearbeitet hat, sondern direkt vom Kreißsaal noch an der Nabelschnur in die CDU gezogen wurde, um sich dort von Anbeginn seiner ‚Karriere‘ genüsslich an den Zitzen des Steuerzahlers vollzusaugen – an denen er sich schon schöne kleine Pausbacken angenuckelt hat –, und kaum gerät diese eitle und ridiküle Kreatur im steuerfinanzierten Maßanzug in das Visier der Fernsehkamera des ZDF, huscht er wie eine aufgescheuchte Hofschrecke durch das Kanzleramt und schwafelt – während er theatralisch mit seinen Umschlagmanschetten wedelt und an teuren Manschettenknöpfen nestelt – in einer so gottserbärmlich preziösen Affektiertheit daher, dass man durch den Bildschirm spüren kann, wie er sich in absolut jeder Hinsicht dem gemeinen Wählervolk erhaben und grenzenlos überlegen wähnt.

      Das ist CDU pur!

      Diese Leute glauben immer noch, der ÖRR, mit dem sie wie auch die Spezialdemokraten der „SPD“ auf das Engste in einer Schicksals- und Beutegemeinschaft verwoben sind, würden ihnen ihre überflüssige und jämmerliche Existenz sichern.

      Dabei gilt:
      Der Wähler weiß (noch nicht) alles!
      Der Wähler wird (wenn es weiß) niemals vergessen!
      Der Wähler wird (dann auch der CDU) niemals verzeihen!

      Kündigen wir den Medienstaatsvertrag, über dessen Pflichtenkatalog sich die Altparteien und ihr ÖRR so überaus frivol ununterbrochen hinwegsetzen und den Wähler und die Demokratie lenken und verhöhnen! Machen wir den Anfang, den Anfang vom Ende der CDU/CSU und der SPD!

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