Von Arbogast Cann
Als ein Container mit illegalen Einwanderern in Sรผdkorea eintrifft, sterben alle seine Insassen bis auf einen an einer rรคtselhaften Krankheit. Schnell verbreitet sich die Seuche im Ort Bundang bei Seoul, immer mehr Menschen sterben an dem Virus, das sich als aggressive, mutierte Form des Vogelgrippe-Virus rausstellt.
Die sรผdkoreanische Regierung kann die Situation irgendwann nicht mehr herunterspielen, worauf sie beginnt, Panik zu verbreiten, und versucht, Bundang abzuriegeln, um ein รbergreifen der Epidemie auf andere Gebiete zu verhindern und den deutschen Titel von Kim Sung-sus Katastrophenthriller Lรผgen zu strafen (der Originaltitel โGamgiโ bedeutet einfach โGrippeโ). Dabei schreckt die Regierung auch vor Brachialmethoden nicht zurรผck. Der โLockdownโ nimmt hier apokalyptische Ausmaรe an, angesichts derer man sich als Muttis Untertan wie auf Bewรคhrung freigelassen fรผhlt.
Aber zum Glรผck gibt es Helden: Die Virologin Kim In-Hae (Su Ae) und der Rettungshelfer Kang Ji-Koo (Jang Hyuk) versuchen, begleitet von In-Haes kleiner Tochter Mi-reu (beeindruckend: Park Min-ha), der Krankheit auf den Grund zu gehen und einen Impfstoff zu finden. Als die Regierung auf Demonstranten schieรen lรคsst, stehen sie an vorderster Front. Als aber Leo Snyder (Boris Stout), der US-Botschafter oder militรคrische Befehlshaber oder WHO-Vertreter (der Rezensent hat Snyders Amt und Funktion ehrlich gesagt nicht ganz verstanden, jedenfalls ein fieser Ami, der in Sรผdkorea etwas zu sagen hat), einen Luftschlag gegen die renitenten Infizierten starten will, macht der sรผdkoreanische Prรคsident (Cha In-pyo) nicht mehr mit, denn im Grunde ist er einer von den Guten und muss nur auf dem von ihm regierten verlรคngerten Flugzeugtrรคger des US-Imperiums jede Verantwortung ablehnenโฆ
Sieben Jahre nach seinem Entstehen kommt ein sรผdkoreanischer Virenthriller auch in Deutschland in die Kinos โ aus aktuellem Anlass. Und seien wir ehrlich: Es ist dieser aktuelle Anlass, also der โprophetischeโ Charakter des Films, und nicht die wenig originelle und unglaubwรผrdige Story, die uns fasziniert ins Kino treibt. Dennoch ist festzuhalten, dass โPandemieโ ein gut gemachter und streckenweise recht spannender Thriller ist, mit Herz und wohldosierten Gags zur Auflockerung. Wie bei allen asiatischen Realfilmen ist die deutsche Synchro ein einziger Running Gag, was aber nicht den Synchronisateuren vorzuwerfen ist. รbersetzt man ein Drehbuch adรคquat in eine sehr fremde Sprache, passt die Synchro nicht. Zwingt man die Texte in die Synchro, klingen die Dialoge teilweise nach Ernie und Grobi in der โSesamstraรeโ.
Ist โPandemieโ unsere Zukunft? Wenn es oben hieร, die Story sei โunglaubwรผrdigโ, so bezog sich das auf die menschlichen Schicksale und Verhaltensweisen und wohl auch auf die Strukturen an der sรผdkoreanischen Regierungsspitze mit den Interventionen des sinistren Amis, aber nicht auf die Grundkonstellation der brutalen Antwort staatlicher Akteure auf einen Virenausbruch. Noch werden in der realen Welt (soweit wir wissen) keine Infizierten verbrannt, noch wird auf Demonstranten nicht geschossen. Aber noch brechen ja auch keine bluthustenden Menschenmassen auf den Straรen zusammen. Darf man die derzeitige Lage weiterdenken? Will man das รผberhaupt?
โPandemieโ ist kein politischer Film, sondern ein Katastrophenthriller, und in ihm freiheitliche Tendenzen zu sehen, wรคre ein Hinweis darauf, wie bescheiden man schon in seinen Erwartungen geworden ist. Tatsรคchlich verlรคsst der sieben Jahre alte Film einfach den โantitotalitรคren Grundkonsensโ nicht, der bis Anfang dieses Jahres auch bei real existierenden Regierungen noch fรผr gewisse Hemmungen sorgte, und gibt sich keinen Illusionen รผber die politische Welt hin, auch wenn der groรe Bรถsewicht am Ende nicht die Politik an sich, sondern โnurโ der Weltpolizist USA ist.
Wer sich freut, dass er wieder ins Kino gehen kann, um mal abzuschalten und das Elend da drauรen fรผr zwei Stunden zu vergessen, was ja vรถllig legitim ist, wird โPandemieโ natรผrlich meiden. Wer jedoch nichts gegen einen durchaus unterhaltsamen vorweggenommenen Kommentar zum Weltgeschehen hat, darf dem Film gerne eine Chance geben.
Pandemie (Gamgi), Sรผdkorea 2013; 121 min.; Regie: Kim Sung-su; Hauptdarsteller: Su Ae, Jang Hyuk, Park Min-Ha, Yoo Hae-jin; FSK: 16; Kinostart Deutschland: 06. August 2020.

