In der Reihe Warenfetischismus stellen unsere Autoren irgendein Ding vor. Vielleicht Gerรผmpel aus Kindertagen oder eine kรผrzliche Entdeckung auf dem Flohmarkt. Diese Sache war vielleicht teuer oder ein Schnรคppchen. Ein Geschenk oder Diebesgut. Man weiร es nicht. Jetzt steht es jedenfalls im Regal und wird betrachtet. Seine Geschichte will erzรคhlt werden.
Mein Groรvater war Jรคger – aus Leidenschaft, und weil er die Natur liebte. Abgepacktes Essen im Supermarkt zu kaufen, war ihm immer ein Greuel. So hielt er sich bis ins biblische Alter von 94 Jahren an seine Devise โDenke global, beschaffe lokalโ, im wahrsten aller Wortsinne, und zog am liebsten aus, um selbst zu jagen. Dass er das Wild dann bei uns im Garten verarbeitete, war Ehrensache, schlieรlich sollten die Enkel von klein an lernen, Demut vor dem Tier zu haben.
Ich erinnere mich noch gut an diese Nachmittage, wenn die erlegten Hasen und Rehe im Herbst aufgespannt an dem alten Kirschbaum hingen und wir begannen, sie zu zerlegen. Als ganz kleines Mรคdchen empfand ich einen gewissen Ekel vor dieser Tรคtigkeit, die nicht gerade dem Spielen mit Puppen glich, aber mein Opa blieb streng: โWenn Du nachher etwas davon abhaben mรถchtest, musst Du jetzt mithelfenโ. Die Vorstellung vom duftenden Rehbraten mit Knรถdeln und Preiselbeeren gab mir die Kraft, durchzuhalten. Es kam der Tag, an dem ich zum ersten Mal selbst ein scharfes Messer in der Hand hielt und dem Tier das Fell abzog. Die erste Hemmung war schnell รผberwunden, die Klinge durch das Tier gleiten zu lassen und Fell von Fleisch zu trennen, bereitete mir eine Art Spaร, der sich schwer in Worte fassen lรคsst. Bald schon entwickelte ich eine kindliche Meisterschaft in dieser Tรคtigkeit, und mein Opa war sehr stolz auf mich. Er half mir bei den besonders schwierigen Stellen, und ich bekam stets ein extra Stรผck dieses kostbaren Gutes, das ich mit soviel Respekt behandelt hatte, da ich schnell begriff, dass sein Tod meinen Hunger stillte.
Zu jener Zeit erwachte der Wunsch in mir, ein eigenes Messer zu besitzen. Die Erwachsenen waren dagegen, war ich doch noch viel zu jung, die Verantwortung eines solchen Gegenstandes zu รผbernehmen, dachten sie. Ich sah das anders. In so vielen Kinderbรผchern fรผhrten die Helden eine eigene Klinge, welch prominente Stelle kam dem Schwert zu in all den mythologischen Geschichten, die ich verschlang. Wikinger, Germanen, die Ritter der Tafelrundeโฆ Aber ich musste mich gedulden. Alles Jammern und Betteln half nichts.
Endlich kam der Tag meiner Firmung, ich war alt genug, und meine Eltern hatten sich erweichen lassen. Ich bekam ein ausrangiertes Jagdmesser meines Groรvaters, die Klinge war schon etwas stumpf, der Griff aus Hirschhorn abgenutzt, aber ich war stolz und glรผcklich wie selten davor und danach. Ich fรผhlte mich aufgenommen in die Riege der Jรคger, Soldaten, Wanderer, Waldlรคufer und Hobbits, mythischer Helden, Handwerker, Kรถche und nicht zuletzt Kinder auf dem Abenteuerspielplatz.
So begann meine ganz persรถnliche Beziehung zu Messern. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese weiter, und meine Kollektion wuchs mit. Als ich schlieรlich ein Alter erreicht hatte, das meinen Eltern als geeignet erschien, schenkte mir mein Groรvater ein KM 2000. Dieser Allrounder wurde mir zum treuen Begleiter und gehรถrt nach meiner Ansicht zu jeder Grundausstattung – wie eine scharf geschliffene Axt aus Schwedenstahl und ein Krautzone-Abo (nach wie vor, denn, auch wenn in der bunten Republik munter โabgemessertโ wird und der Staat das Messer zum โTรถtungswerkzeugโ degradiert, reduziert und herabgewรผrdigt hat, bleibt es, wie es ist: Das leblose Ding hat kein Eigenleben, aber der Mensch, der es fรผhrt).
Warum dieses Modell? Zugegeben, KM 2000 klingt nicht gerade nach Exkalibur. Aber das kam (und kommt) meiner Persรถnlichkeit und dem, was ich mit dem Messer vorhatte, sehr entgegen: Ich wollte damit nicht in die Schlacht ziehen und Welten retten, und nein, mit Edelsteinen geschmรผckt musste es auch nicht sein, es genรผgte, sich das in meinen Tagtrรคumen auszumalen.
In der Praxis sollte sich das Messer bewรคhren, darauf kam es an. Die Abkรผrzung KM steht dann auch schlicht fรผr Kampfmesser, der Zusatz 2000 klingt gut (ja, auch mich erinnert das an Harry Potters Besen, nicht das schlechteste, lรคsst man auf einem Waldspaziergang wรคhrend einer Pause doch einmal der Fantasie freien Lauf), warum genau diese Zahl gewรคhlt wurde, konnte ich nicht ermitteln, denn es wurde erst im Jahr 2001 von der Bundeswehr in Auftrag gegeben, um das dort seit 1968 im Einsatz befindliche Feldmesser abzulรถsen.
Fรผr Zuverlรคssigkeit im Einsatz sorgt die Herstellung aus lediglich 2 Teilen: einer Klinge (einer sogenannten Tantoklinge, das heisst, einer geraden Klinge mit nicht abgerundeter, sondern im Winkel zur Klinge stehender Spitze) aus 440A (DIN 1.4110 DIN) rostfreiem Stahl und einem Griff aus glasfaserverstรคrktem PA6 (GFK).
Der Griff hat eine symmetrische Form, sodass das Messer von Links- und Rechtshรคndern gleichermaรen gefรผhrt werden kann. Die Verlรคngerung der Klinge durch den Griff hindurch (auch Erl oder Angel genannt) ermรถglicht es dem Benutzer, die Rรผckseite des Messers als Scheibenbrecher zu verwenden. Es hat ein Gewicht von 320 Gramm (mit Scheide 525 Gramm) und befindet sich seit 2003 im Einsatz. Fertigen lรคsst die Bundeswehr das gute Stรผck bei der Firma Eickhorn-Solingen Ltd.
Mein Groรvater hatte entschieden, dass dieses Messer genau das richtige fรผr mich war. Man konnte sich damit verteidigen, notfalls auch gegen einen Tyrannosaurus Rex, befreien (mรผhelos gleitet die Klinge durch Seile, Anschnallgurte und รคhnliches), Dosen รถffnen, Holz spalten, ein Badezimmer von alten Fliesen befreien, Fenster und Tรผren รถffnen (hat man sich mal ausgesperrt, spart es den teuren Schlosser), einen Nagel in die Wand schlagen oder wieder herausziehen, Tiroler Speck in hauchdรผnne Scheiben schneiden, ein Loch graben – oder einfach nur die Schรถnheit dieser Maรarbeit bewundern und sich daran erinnern, dass im Mittelalter ein Gegenstand unter anderem dann als schรถn galt, wenn er zweckmรครig war.
Ja, mein Groรvater wusste, dass in mir ein รsthet schlummerte, der das Praktische schรคtzt. Ich erinnere mich noch an seine Worte: โWeiรt Du eigentlich, dass Waffen oftmals deshalb so schรถn sind, weil sie so gefรคhrlich aussehen? Das hat seinen Ursprung in der Natur. Denke nur an einen Hai, dessen stromlinienfรถrmige Tรถdlichkeit so viel faszinierender ist als das Aussehen des inzwischen ausgestorbenen indischen Hirschferkels.โ Ich spinne den Gedanken weiter und stelle mir vor, welches Ende Demi Moore und Patrick Swayze wohl in โGhost – Nachricht von Samโ (1990) genommen hรคtten, wenn sie, statt gemeinsam an einer Tรถpferscheibe Lehm in Form zu bringen, an einem Schleifstein ein KM 2000 scharf gemacht hรคttenโฆ Aber das ist eine andere Geschichte, und die soll ein anderes Mal erzรคhlt werden.
Ich mache mich jetzt mal auf die Suche nach meinen Messer, das leider verloren gegangen ist in den Irrungen und Wirrungen der letzten Jahrzehnte, in denen so viel anderes wichtiger war als das Bewahren dieses treuen Gegenstandes, in dem sich die Weisheit, Weitsicht und das Vertrauen meines Groรvaters widerspiegelt. Falls ich es wiederfinde, denke ich doch noch einmal darรผber nach, es mit einem kleinen Edelstein zur Erinnerung an ihn verzieren zu lassen.
In der Reihe Warenfetischismus erschienen bisher:
Die Kriegsgedenkmรผnze von 1871
Der Pelikan M150 Kolbenfรผller
Die Lomo Lubitel 166B

