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Wir und Russland

21. Januar 2022
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Kollege Vesargo hat gestern vorgelegt, jetzt liegt es an mir, die Sache etwas abzurunden. Russland also โ€“ ein Themenkomplex, der fรถrmlich dazu einlรคdt, auszuarten und sich irgendwo zwischen Westorientierung und Ostexpansion zu verlieren. Russland hat eben viel zu bieten: Kultur und Barbarei, Staat und Anarchie, Melancholie und Brutalitรคt, Anspannung in Erwartung kommender Umbrรผche und die langweilige Monotonie einer Eisenbahnfahrt durch sibirische Birkenwรคlder.

Der kultur-medial-politische Komplex der Bundesrepublik empfindet, obwohl rot bis in die Haarspitzen, ein Gefรผhl des Ekels und der Abscheu vor Russland. Keine Dokumentation, keine Reportage ohne die รผblichen Stereotype von โ€žPutins Russlandโ€œ, dessen โ€žGroรŸmachtsfantasienโ€œ und dem ach so gefรคhrlichen โ€žDenken in Einflusszonenโ€œ. Was schwingt hier eigentlich mit? Ein unterdrรผcktes Herrenmenschentum? Irgendein verschlepptes Trauma, womรถglich hervorgerufen durch die Verbrechen der Roten Armee? Die Enttรคuschung darรผber, dass der heiรŸgeliebte Marxismus schlieรŸlich von Gorbatschow abgewickelt wurde?

2014 war die Bundesrepublik ganz vorne mit dabei, als es darum ging, die Ukraine zu destabilisieren und aus der russischen Einflusszone herauszulรถsen. Wir kennen die Geschichte: โ€žEuromaidanโ€œ, Unruhen in der Ostukraine, Annexion der Krim, Bรผrgerkrieg. Rรผckblickend erscheint es mir, als wรคre dieses Ereignis seinerzeit der Beginn der Transformation der deutschen Presse gewesen: Abkehr von der Meinungsvielfalt, Hinwendung zur regierungskonformen Einheitsmeldung. Gleichzeitig fassten russische Medienkonzerne in Deutschland FuรŸ und bauten ihren Einfluss auf. Der Informationskrieg dauert bis heute an, ich komme darauf zurรผck.

Die Ereignisse von 2014 waren fรผr viele Deutsche jedenfalls eine Eruption. Es waren zunรคchst reichweitenstarke Linke, die sich in ihrer amerikakritischen Haltung auf der Seite Russlands positionierten, etwa Ken Jebsen, die โ€žNachDenkSeitenโ€œ oder โ€žDie Anstaltโ€œ. Aber auch im rechten Spektrum, das in dieser Zeit, maรŸgeblich getragen durch die Ablehnung der Masseneinwanderung, medienwirksamer auftrat, sympathisierte man mit Russland. Ich vermute, das lag zu einem nicht unerheblichen Anteil an dem Umstand, dass die westliche Propaganda in diesen Jahren massiv mit der รถffentlichkeitswirksamen Fรถrderung der Genderideologie begann. Russlands Intoleranz wurde quasi mit โ€žPussy Riotโ€œ und โ€žConchita Wurstโ€œ bewiesen. Da eine Gruppe widerwรคrtiger Lesben und eine Prinzessin mit Vollbart auch in den zerrรผtteten Gesellschaften des Westens nicht gerade als leuchtendes Beispiel der eigenen Werte angenommen wurden, projizierten viele Deutsche ihre Sehnsucht nach echter Kultur und echten Werten auf Russland.

Dazu trat eine politische Komponente. Merkel war jetzt etwa zehn Jahre im Amt. Die innen- und auรŸenpolitischen Schwรคchen der Bundesrepublik traten immer offener zum Vorschein. Jede politische Entscheidung schien geradezu gegen inhรคrente Interessen Deutschlands zu verstoรŸen. Die Bundesrepublik hatte die Autobahnausfahrt in Richtung Staatskrise genommen und stellte den Blinker nicht mehr ab. Da war ein Russland, vertreten von einem โ€žstarken Mannโ€œ, das selbstbewusst und in einer klaren Sprache seine Interessen artikulierte, geradezu ein Gegensatz.

Und an diesem Punkt stehen wir noch heute, wobei sich die Situation in der Ukraine noch weiter verschรคrft hat. Baerbock reiste kรผrzlich nach Moskau. Bevor sie sich auf der Pressekonferenz blamierte โ€“ unsere Staatsmedien schreiben ihr Gestammel allen Ernstes in einen โ€žsouverรคnen Auftrittโ€œ um โ€“, besuchte sie in Moskau die von der Bundesregierung mitfinanzierte Freakshow โ€žDiversity Unitedโ€œ. Das ist schon eine Ansage, im grรถรŸten Flรคchenland der Welt mit รผber 140 Millionen Einwohnern und รผber 100 verschiedenen Volksgruppen eine derartige AnmaรŸung aufzuziehen. Aber das ist die AnmaรŸung, von der ich eingangs schrieb. Das hat etwas Koloniales, und dann wieder doch nicht โ€“ Kolonialisten glauben nicht nur an ihre รœberlegenheit, sie besitzen sie in der Regel auch. Die Bundesregierung hatte hingegen nichts, absolut nichts anzubieten. Die Bilder einer zerknitterten Annalena sprechen Bรคnde. Ein gefรคlschter Lebenslauf und ein plagiiertes Buch haben eben noch keinen AuรŸenminister gemacht.

Was aber, auรŸer etwas Spott, bleibt von solchen Auftritten dem rechten Lager รผbrig? Mindestens so peinlich wie Annalenas Reise ins ferne Moskau sind Russlandfahne schwenkende Rechtsboomer, die allen Ernstes glauben, dass Putin wie ein gรผtiger GroรŸonkel unserem Land seine Souverรคnitรคt zurรผckgibt. Nur weil deutsche Medien zum รผberwiegenden Teil scheiรŸe sind, heiรŸt das nicht, dass RT oder RIA Novosti eine Lรผcke fรผllen. Russische Regierungspropaganda gleicht eben nicht deutsche Regierungspropaganda aus. Dass sich zwischen deutscher und russischer Staatspresse keine breitenwirksame Alternative etabliert, zeigt einmal mehr, wie ohnmรคchtig unser Volk geworden ist. Russland vertritt seine Interessen, und das kann man im Angesicht einer jahrzehntelangen US-amerikanischen Dominanz bewundern. Russlands Interessen decken sich aber nicht mit unseren. Auch nicht mit ukrainischen.

ABOS

Bรผcher

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