Deutsch und polnisch: Wenn man als Rechter hierzulande Politik macht, gibt es sicherlich unkompliziertere Binationalitรคten. Das ist mir Anfang August vorletzten Jahres aufgefallen, als ich am 75. Jahrestag des Warschauer Aufstands in der polnischen Hauptstadt der Helden gedachte, die in einem Akt der Verzweiflung erbitterten Widerstand gegen Nazideutschland leisteten.
Damals mit dabei: mein Urgroรvater Marian Kornet, Pseudonym โTrฤ bkaโ (Trรถte), Gruppierung ,,Krybarโโ. Man warf mir in der Folge einen ,,verbalen Kniefall von Warschauโโ vor und daร ich dadurch den Schuldkult zementieren wรผrde – was schlichtweg absurd ist, da ich bloร ein wenig gedenken wollte. Und den Schuldkult erachte ich ohnehin als eines der Grundรผbel im Nachkriegs-Deutschland. Ohne Schuldkult kein Selbsthass, kein Multikulti, keine offenen Grenzen.
Deutschland-Polen-Russland
Noch komplizierter als die binationale Konstellation Deutschland-Polen ist da wohl nur die trinationale Konstellation Deutschland-Polen-Russland. Und wie es das Schicksal so will, ist mir diese trinationale Konstellation nun nicht so fremd, weiร ich doch die Schรถnheit, die Fรผrsorglichkeit, die Zรคrtlichkeit und die Intelligenz der russischen Frau zu schรคtzen – mรถge all das auch nach meiner Hochzeit mit Ksenia so bleiben.
Diese Umstรคnde fรผhrten mich wรคhrend meiner Sommerreise 2019, mit Zwischenstopp Warschau, nach Russland. Zwei weitere lรคngere Aufenthalte in Russland sollten folgen. Da wollte ich schon immer hin, auch weil ich mir sicher war, daร das Bild, das hierzulande von Russland gezeichnet wird, so kaum stimmen kann.
Moskau und der Rest
Das eine Russland gibt es ohnehin nicht. Russland ist ein Vielvรถlkerstaat mit gerademal 147 Millionen Einwohnern verteilt auf gigantischen 17.102.344 kmยฒ. Diesen Staat halbwegs stabil zusammenzuhalten, ist keine leichte Aufgabe, die Putin, bei aller berechtigten Kritik, bisher ganz gut gemeistert hat.
Die Gegensรคtze innerhalb des Landes sind enorm. Auf der einen Seite Moskau, in das gefรผhlt jeder Rubel flieรt, auf der anderen Seite der Rest, der sich in Bescheidenheit รผben muss – St. Petersburg ausgenommen. Wรคhrend auรerhalb Moskaus die Straรen das letzte Mal vermutlich vor der Oktoberrevolution saniert wurden, die medizinische Versorgung zu wรผnschen รผbrig lรครt undย der Staat vielen seiner wesentlichen Pflichten mehr schlecht als recht nachkommt, ist Moskau eine schicke, moderne Weltmetropole.
Modern, aber konservativ. Eine Stadt, die keine Trends setzt, sondern sie kopiert, und das dann gleich ein paar Nummern grรถรer: Man macht Bewรคhrtes gigantischer, und womรถglich ist gerade das ein Ausdruck eigener Individualitรคt. So behรคlt die Stadt in Zeiten groรer Umbrรผche immer noch etwas Eigenes. Konservativ. Modern. Gigantisch. Moskau.
Da drรผcken dann auch die ihre Hauptstadt hassliebenden Russen aus anderen Teilen des Landes ein Auge zu und sind mit Recht stolz auf ihr Kapitol. Trotz der sie benachteiligenden Umverteilung von Arm zu Reich, von der Peripherie ins Zentrum.
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Anstรคndiger Osten, dekadenter Westen?
Allein das Betreten der sehenswerten Moskauer U-Bahn-Stationen kommt einem Museumsbesuch gleich. Und die Fahrt mit รถffentlichen Verkehrsmitteln ist รผberraschend angenehm, was auch am Publikum liegt: Man sieht in den Zรผgen viele junge, ambitioniert wirkende Menschen, die noch Bรผcher in den Hรคnden halten und diese sogar lesen.
รlteren Mitfahrern bieten sie ihren Platz an. Bei einer Bahnfahrt in Berlin hingegen hat man den Eindruck, als ob die halbe Drogenentzugsklinik gerade Freigang hat und mit einem das Abteil teilt. Eine Horrorshow. Anstรคndiger Osten in Moskau. Dekadent-degenerierter Westen in Berlin.
Diese Beobachtungen verleiten einen manchmal zu der รberlegung, ob der Realsozialismus im Osten auf lange Sicht vielleicht nicht doch das kleinere รbel gewesen ist als der linksliberale, globalistische, geldsozialistische Fassadenkapitalismus des Westens, in dem sich die Agitation linker Kulturhegemonen und ihrer willigen Vollstrecker in der Politik nicht bloร auf den Bereich der รkonomie beschrรคnkte, sondern alle Bereiche und Institutionen des gesellschaftlichen Lebens umfasste und schleichend immer totalitรคrere Zรผge annahm, bis in die Gegenwart hinein.
Die Beispiele hierfรผr sind zahlreich. So lรครt sich heutzutage ein Kirchentag der EKD kaum noch von einem Parteitag der Grรผnen unterscheiden. Die Amtskirchen hierzulande haben ihren spirituellen Auftrag gegen den politischen Auftrag des Establishments eingetauscht und Pfaffen dreschen linksgrรผnbunte Politphrasen, wรคhrend der russisch-orthodoxe Pfarrer in der Dorfkirche, die ich besucht habe, bei deren Wiederaufbau selbst anpackt und sich dem Seelenheil der Menschen widmet.
Und macht man hierzulande aus Mรคnnern Frauen und aus Frauen Mรคnner, dรผrfen in Russland Mรคnner Mรคnner und Frauen Frauen bleiben โ letztere wirken extrem fein, grazil, damenhaft, und nicht so grob und vulgรคr wie das weibliche, ach so progressive Akademikerinnenprekariat an den sozialwissenschaftlichen Fakultรคten hierzulande, bei dem es einen schon gruselt, wenn es den Mund aufmacht โ nicht bloร wegen der geรคuรerten Inhalte, sondern auch wegen der tieferen Stimmlage (Frequenz von 168 Hertz statt, wie vor 20 Jahren, 220 Hertz), die, wissenschaftlich erwiesen, eine Folge der Emanzipation der Frau ist, die, manche mรถgen es begrรผรen, noch nicht in allen Winkeln der Welt Einzug gehalten hat.
Bei uns in Deutschland werden die kulturmarxistischen Exzesse, die ein normaler Mensch nur mit einem Kopfschรผtteln quittieren dรผrfte, mittlerweile zum Maรstab erhoben, wรคhrend sie in Russland weiterhin als das gelten, was sie sind: Ideologische Missgeburten. Man kรถnnte auch sagen: Der Realsozialismus nahm den Menschen in Russland fast alles, aber eben nicht den gesunden Menschenverstand.
Im Westen hingegen brachten es die Menschen zu grรถรerem Wohlstand, der gesunde Menschenverstand jedoch ist ihnen nahezu vollstรคndig abhanden gekommen. Und der Schaden, der daraus im Westen entstand, scheint irreversibel zu sein. Das ist in den postsozialistischen Gesellschaften anders.
Keine romantische Verklรคrung!
Nur sollte man als Rechter nicht den Fehler machen, vor lauter westlichem Kulturpessimismus die Sowjetunion romantisch zu verklรคren. Die Schwarzbรผcher des Kommunismus fรผllen tausende Seiten, und ein erheblicher Teil hiervon geht auf die Sowjetunion zurรผck. Zerstรถrung von Privateigentum, Tradition, Familie und Religion – das waren und sind nach Igor Schafarewitsch die vier Komponenten eines jeden sozialistischen Menschenversuchs, der zwangslรคufig in Armut, Verelendung, Zensur – und im Endstadium – in Gulags und Massenmord enden muss. Das weiร kaum jemand so gut wie die Russen – einige von ihnen waren Tรคter, Millionen von ihnen waren Opfer.
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Alte Ehrengarde in neuem Glanz.
Gedenken und Geschichtsschreibung: Das Beste aus allen Epochen
Der Opfer gedenken die Russen bis zum heutigen Tage inbrรผnstig. Das Gedenken ist sehr emotional – selbst bei jungen Russen flieรen Trรคnen, wenn sie ihrer Vorfahren gedenken, die sie nie persรถnlich kennengelernt haben. In solchen Momenten spรผrt man, daร dieses Volk noch lebt. Es ist vital. Das ist beeindruckend.
Daร ein solches Gedenken mรถglich ist, ist sicherlich auch der etwas einseitigen russischen Geschichtsschreibung geschuldet. Man spricht kaum vom Zweiten Weltkrieg, sondern vom Groรen Vaterlรคndischen Krieg. Entsprechend zieren die monumentalen Mahnmale die Jahreszahlen 1941 bis 1945. So, als ob 1939 und 1940 nichts gewesen wรคre.
Das mag etwas irritieren. Aber diese einseitige Geschichtsschreibung hat durchaus eine legitime Funktion. Aus allen Epochen der eigenen Geschichte die besseren Momente zu akzentuieren ist dem Nationalstolz zutrรคglich und schafft ein positives Verhรคltnis zur eigenen Identitรคt. Diese Identitรคt mag diffus erscheinen, etwa dann, wenn aus der Geschichte des weiรen zaristischen Russlands und der Geschichte des roten sowjetischen Russlands diejenigen Momente ins kollektive Gedรคchtnis gerufen werden, in denen das eigene Land am besten wegkommt.
Aber ist das wirklich schlimm, solange es die eigene Geschichte nicht komplett pervertiert? Und pervertieren die Deutschen ihre eigene Geschichte nicht viel krasser, nur eben mit komplett entgegengesetzter Intention? Nicht falsch verstehen, es geht ja nicht um unverschรคmte Geschichtsklitterung wie aus Sowjetzeiten. Und es geht auch nicht um eine geschichtspolitische Wende um 180 Grad.
Aber 90 Grad reichten fรผr ein unverkrampfteres Verhรคltnis zur eigenen Vergangenheit – und damit auch zur eigenen Identitรคt. Die Russen haben diesen Pragmatismus. Sie betonen die besseren Momente aus allen Epochen. Man sollte es ihnen nicht verรผbeln.
Das haben sie รผbrigens mit den Polen gemein, deren Geschichtsschreibung ebenfalls eine gewisse Einseitigkeit aufweist. Auch deshalb haben beide Vรถlker kein zu jeder Zeit aktivierbares schlechtes Gewissen und keine Schuldkomplexe, die sie irgendwie kompensieren mรผssten, indem sie etwa Millionen kulturfremder Migranten aufnehmen, um dem von Linksglobalisten gemachten Vorwurf der moralischen Niederwertigkeit zu entkommen und den politisch-korrekten Gesinnungs-TรV zu bestehen.
Die Russen und die Polen lassen sich nicht erpressen. Sie haben nicht den kulturellen Selbsthass des Westens, sondern sind stolz auf ihre Kultur und das Eigene. Das immunisiert gegen solche Hirngespinste wie das der multikulturellen Politik der offenen Grenzen.
Frรผher hohes Ansehen, irgendwann nur noch Spott
Daร die Deutschen in Russland immer noch hohes Ansehen genieรen, ist der Substanz geschuldet, von der wir zehren. Deutsche Dichter, deutsche Denker, deutsche Autos, deutscher Erfindergeist, deutsche Tugenden, Fleiร, Pรผnktlichkeit, Genauigkeit โ all das รผbt noch immer eine groรe Faszination auf die Russen aus.
Vermutlich auch deshalb, weil viele der immer noch als deutsch wahrgenommenen Tugenden keine russischen sind. Ob wir noch lange von dieser Substanz zehren kรถnnen, bleibt fraglich. Denn auch in Russland vernimmt man die nationalmasochistische Selbstdemontage Deutschlands, fรผr die man kein Verstรคndnis hat.
Zumal die Protagonisten dieser Demontage mit missionarischem Eifer danach streben, aus den Russen neue Menschen westlicher Prรคgung und aus Russland eine riesengroรe kulturmarxistische Freiluftklapse zu machen: Wenn eine fremde Gesellschaft nicht den eigenen Vorstellungen entspricht, warโs das mit der sonst so gerne gepredigten Kultursensibilitรคt der Linken, deren Werterelativismus es zulรคsst, archaische Buschvรถlker zivilisatorisch auf eine Stufe mit europรคischer Hochkultur zu stellen, aber gleichzeitig Korrekturen von Russland einzufordern.
Diese Bigotterie ringt den Russen nur ein mรผdes Lรคcheln ab. Und irgendwann erntet man dafรผr nur noch Spott. Vรถllig zurecht.

