48 Stunden nach #allesdichtmachen ist die Welt wieder in Ordnung. Auf eine Eruption des emotionalen Gefรผges der Bundesrepublik folgen die Wogen der Entspannung. Der Stรถrfaktor wurde neutralisiert und fรผr zukรผnftige Abwรคgungen in der Kartei der Verdรคchtigen abgelegt.
Der Ablauf ist immer der gleiche. Jemand wagt sich sich aus der Deckung, รคuรert eine abweichende Meinung und wird im Anschluss daran mit der Nazikeule zurรผck ins Glied geprรผgelt. So auch diesmal. Einige dutzend Schauspieler kritisieren satirisch รผberspitzt die Corona-Politik und werden dafรผr medial hingerichtet. Alles beim Alten. Die Reaktion des Establishments und der durch Twitter reprรคsentierten sogenannten Zivilgesellschaft auf derartige Vorstรถรe ist so einfรคltig wie berechenbar.
Und schon kneifen die Erstenโฆ
Umso irritierter war ich angesichts der panischen Distanzierungsversuche einiger Beteiligter, die kaum 12h nach Verรถffentlichung erfolgten. Mit welcher Resonanz hatte man denn gerechnet? Mit „Kritik“? Mit „Gegenwind“? Mit einer „รผberfรคlligen, fruchtbaren Debatte auf Augenhรถhe“?
Die mitunter im Subtext transportierten Inhalte der Videoreihe gehen weit รผber eine Kritik der Corona-Maรnahmen hinaus. Sie stellen die Glaubwรผrdigkeit des medialen Komplexes und den selbstlosen Antrieb der politischen Entscheidungstrรคger in Frage, und geben โ als wรคre dies noch nicht genug โ den zum Selbstzweck verkommenen, vรถllig รผberdrehten Kampf gegen „rechts“ der Lรคcherlichkeit preis. Drei Todsรผnden, welche die Axt an die Sรคulen der bundesrepublikanischen Wahrheitsmaschine legen.
Es geht dabei um nicht weniger, als um das wichtigste Gut รผberhaupt: Deutungshoheit! Daher ist kein Szenario denkbar, in dem diese Hรคresie nicht zur (sozial-)medialen Kernschmelze fรผhren wรผrde. Mรถgliche Auswirkungen von #allesdichtmachen wurden zwar antizipiert und in einzelnen Videos adressiert โ Hanns Zischler etwa distanziert sich von allem, was er sagt, einschlieรlich seiner selbst โ aber in ihrer Bรถsartigkeit und Heftigkeit wohl unterschรคtzt.
Anders lรคsst sich nicht erklรคren, weshalb sich prominente Medienprofis, die Kritik am Establishment รผben und einen sachfernen, emotionalisierten Diskurs anprangern, von eben diesem Establishment unter Verweis auf „Intensivstationen“ und „80.000 Coronatote“ abwรผrgen und demรผtigen lassen.
Ich bin ja nicht rechts, aberโฆ
In einem Beitrag des Konflikt-Magazins wurde die Vermutung aufgestellt, dass die beteiligten Schauspieler dem Irrtum verfallen sein kรถnnten, dass sie, als unverdรคchtiger und angesehener Teil der Volksfront gegen „Coronaleugner und rechtes Gedankengut“, sich so etwas erlauben, oder doch zumindest im Nachgang eine faire Behandlung erwarten dรผrfen.
Im Angesicht einer langen Liste von einst hochgeschรคtzten und mittlerweile exkommunizierten Opfern medialer Rechtsprechung, wรผrde diese Vorstellung ein รคuรerst naives Weltbild offenbaren und es wรคre zu klรคren, ob diese Sichtweise exemplarisch ist, fรผr Ansichten einer „bรผrgerlichen Mitte“, die der Meinung ist, dass all das, was tagtรคglich auf den digitalen Marktplรคtzen verhandelt wird, sie nicht betreffen wรผrde.
Unabhรคngig von den Beweggrรผnden einzelner Teilnehmer, hat man den Eindruck, dass eine realistischere Einschรคtzung des explosiv-subversiven Potentials der Aktion geholfen hรคtte.
Wรคre den Beteiligten klarer gewesen, welchem Risiko sie sich aussetzen und mit welchen Konsequenzen zu rechnen ist, hรคtten sie sich bewusster dagegen oder dafรผr entscheiden kรถnnen. Anschlieรend hรคtte man sich der Ausarbeitung einer einheitlichen und stringenten Strategie fรผr die Zeit nach der Verรถffentlichung widmen mรผssen, was offensichtlich vernachlรคssigt wurde.
Wer die Regierung kritisiert ist rechts
Die Videos standen ja eigentlich fรผr sich selbst, alles war gesagt, die Kritik platziert. Jeder, der es hรคtte verstehen wollen, hรคtte das auch gekonnt und das Like/Dislike-Verhรคltnis auf Youtube spricht eine eindeutige Sprache zugunsten der Aktion.
Die chaotischen Distanzierungsreflexe entwerten nicht nur die vorgebrachten Argumente, sondern auch alle Beteiligten. Was eine enorme Signalwirkung hรคtte entfalten kรถnnen, wird vorerst zu einer weiteren Episode der รผblichen sozialmedialen Empรถrung degradiert.
Wir werden die weitere Entwicklung interessiert beobachten. Entsteht auch auรerhalb der dissidenten Milieus allmรคhlich ein Bewusstsein dafรผr, dass der omniprรคsente Kampf gegen rechtes Gedankengut, der sich im Rahmen einer Kritik von gesundheitspolitischen Maรnahmen nicht allen erschlieรen dรผrfte, ein banales Instrument der Machtsicherung darstellt?
Wurden Anreize geschaffen, sich aus dem Fenster zu lehnen, in dem Wissen, dass man nicht alleine ist, oder wurde mit der Demontage von #allesdichtmachen wieder mal deutlich gemacht, was passiert, wenn man sich dem Fenster nรคhert?

