In seinen weltberรผhmten Gedanken รผber Politik und Staatsfรผhrung hat Niccolรฒ Machiavelli (1469-1527) die Zeitgenossen in die Trickkiste mancher Renaissance-Fรผrsten blicken lassen. Zu den drei wichtigsten Herrschaftsgeheimnissen, so Machiavelli, zรคhle neben den metaphysischen Erkenntnissen, daร es weder einen Gott noch einen Sinn in der menschlichen Geschichte gebe, auch die Einsicht, unter den Vรถlkern sei keines besser als das andere.
Um erfolgreich Politik zu betreiben, mรผsse ein kluger Fรผrst jedoch alles versuchen, seine Untertanen vom genauen Gegenteil dieser arkanen Wahrheiten zu รผberzeugen. Schlieรlich befรถrdere der Glaube an Gott Sittlichkeit und Gesetzestreue und garantiere dadurch Ruhe und Ordnung im Staat. Die รberzeugung von der Sinnhaftigkeit des Lebens beflรผgele Bildungsdrang und Gewerbefleiร der Bรผrger; der Glaube an die รberlegenheit des eigenen Volkes wiederum stรคrke, besonders in Kriegszeiten, Mut, Tapferkeit und Durchhaltewillen.
Gott will diesen Krieg
Wie der Verlauf der Weltgeschichte zeigt, haben Machiavellis Maximen bis heute nichts von ihrer Aktualitรคt eingebรผรt. Selbst im 21. Jahrhundert ist es politischen Fรผhrern nach wie vor mรถglich, groรe Teile der Bevรถlkerung durch den Appell an Gott hinter sich zu scharen. So reklamierte George W. Bush โ im Gegensatz zu Machiavelli allerdings aus tiefster รberzeugung โ Gottes Willen nicht nur fรผr seine Prรคsidentschaft, sondern im Mรคrz 2003 auch fรผr den auf einer Lรผge basierenden vรถlkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak.
Im Grunde berief sich Bush jr. dabei lediglich auf den Grรผndungsmythos der USA โ auf den angeblich gรถttlichen Auftrag, als โauserwรคhlte Nationโ allen Vรถlkern Freiheit und Demokratie zu bringen. Auch wenn diese Selbstlegitimierung zur Zwangsbeglรผckung auรerhalb der Vereinigten Staaten auf Ablehnung stรถรt, bleibt die angemaรte Berufung zu militanten Weltmissionen Kern des Glaubens an den โAmerican exceptionalismโ.
Nicht anders handeln und argumentieren die islamistischen Gotteskrieger, die die Welt in eine umma, in die globale Gemeinschaft aller Muslime, bomben wollen. All diese Kรคmpfer fรผr eine angeblich bessere Welt lassen die historische Erfahrung auรer acht, daร sich jedes Volk โ und mag es noch so unterdrรผckt sein โ selbst befreien muร. Niemand kann an seiner Statt handeln, mรถgen seine Motive noch so lauter sein, was fast nie der Fall ist.
In Frankreich fuhren die Zรผge nach Plan
Nur wenn ein diktatorisches Regime eine aggressive Auรenpolitik betreibt und ein anderes Land รผberfรคllt, ist ein Eingriff von auรen legitim, ansonsten gebieten die Prinzipien der friedlichen Koexistenz die Achtung der nationalen Souverรคnitรคt und der territorialen Integritรคt sowie der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten.
Seit 1945 haben Sendungsbewuรtsein und Selbsterhรถhung vieler Vรถlker indes einen empfindlichen Dรคmpfer erhalten, nicht zuletzt durch die aktuelle Debatte รผber Kolonialismus und Rassismus. Unabhรคngig davon muรten die Franzosen, die sich als Lichtbringer der Aufklรคrung sehen, schon vor Jahren zur Kenntnis nehmen, daร es neben der betrรคchtlichen Rรฉsistance gegen die Deutschen auch die Kollaboration der Mehrheit mit den Besatzern gab.
โ74 Zรผge sind nach Auschwitz gefahren. 76.000 verschleppte Juden aus Frankreich sind nicht von dort zurรผckgekehrt. Ihnen gegenรผber haben wir eine immerwรคhrende Schuldโ, erklรคrte Staatsprรคsident Jacques Chirac 1995 zum Gedenken an die groรe Judenrazzia von 1942, bei der die franzรถsische Staatsbahn bereitwillig mitgearbeitet hatte.
Anne Frank wurde verkauft
Auch die Hollรคnder, gegenรผber ihren รถstlichen Nachbarn von oftmals penetranter moralischer Arroganz, haben den selbstgestrickten Mythos vom โheldenhaften Volkโ lรคngst aufgeben mรผssen. Die Vernichtung des niederlรคndischen Judentums und die Kollaboration zรคhlen neben dem Sklavenhandel und dem Kolonialismus zu den unrรผhmlichsten Kapiteln ihrer Geschichte.
Bereits 1943 wurden die Niederlande offiziell fรผr โjudenreinโ erklรคrt; 75 Prozent der jรผdischen Bevรถlkerung, 107.000 Menschen, starben in den NS-Vernichtungslagern โ das war die prozentual hรถchste Opferzahl in ganz Westeuropa. Viele Hollรคnder hatten sich professionell an der Jagd nach versteckten Juden beteiligt. Es wurde damals ein Kopfgeld von 7,50 Gulden (etwa 37 Euro) fรผr jeden aufgespรผrten Juden gezahlt; auch Anne Frank, nach dem Krieg zu einer nationalen Ikone stilisiert, wurde fรผr Geld denunziert.
Kรถnigin Beatrix rรคumte daher 1996 in mehreren Reden, so vor der Knesseth in Jerusalem, mit dem Mythos auf, ihre Landsleute seien ein heldenhaftes Volk gewesen. Daร Holland ein โLand im Widerstandโ war, hatte sich als fromme Lรผge entlarvt, gespeist aus Heuchelei und Selbstgerechtigkeit.
Auch unter den Polen gab es Verbrecher
Dรคnen und Norweger muรten ebenfalls hรครliche Flecken auf ihrer moralischen Weste zur Kenntnis nehmen; nicht anders die Schweden, die seinerzeit trotz offizieller Neutralitรคt ohne Skrupel รคuรerst lukrative Geschรคfte mit dem Groรdeutschen Reich tรคtigten.
Selbst Polen, das sich aufgrund seiner unglรผcklichen Nationalgeschichte gern als โMessias der Vรถlkerโ darstellt, der unschuldig ans Kreuz geschlagen wurde, muรte von diesem Mythos Abschied nehmen โ es hat eben nicht nur eine Opfer-, sondern in der Judenfrage auch eine beschรคmende Tรคterrolle gespielt.
Wie perfide und verhรคngnisvoll Groรbritannien im 20. Jahrhundert agiert hat, rรคumte Auรenminister Jack Straw im November 2002 in einem Gesprรคch mit dem New Statesman in undiplomatischer Offenheit ein: โEin groรer Teil der Probleme, die uns noch heute zu schaffen machen, ist eine Folge unserer Kolonialverwaltung.โ Als Beispiele nannte er Indien und Pakistan (โeinige schwere Fehlerโ); ferner Afghanistan (โunsere Rolle dort war nicht sehr glanzvollโ).
Besonders aber wies Straw auf den Mittleren und den Nahen Osten hin: โDie krummen Grenzen wurden von den Briten gezogen. Die Balfour-Deklaration und eine Reihe ihr widersprechender Garantien gingen an Palรคstinenser und Israelis gleichzeitig. Auch das ist eine interessante Geschichte, wenn auch keine unbedingt ehrenhafte.โ
Dieser Tage haben sich auch auf das als Muster von Liberalitรคt und Weltoffenheit gepriesene Kanada dรผstere Schatten gelegt: Seit Mai werden nahezu jeden Tag durch den Einsatz modernster Technik die รberreste von Kindern im Umkreis ehemaliger katholischer Zwangsanstalten entdeckt. Diese Umerziehungsinternate fรผr Tรถchter und Sรถhne von Ureinwohnern sollten, so eine indigene Historikerin, โden Indianer im Kind tรถten“. Kรถrperliche und sexuelle Miรhandlungen seien an der Tagesordnung gewesen โ so Schlรคge, wenn sich die Kinder in ihrer Sprache unterhielten.
In einem Untersuchungsbericht ist von einem โkulturellen Genozid“ die Rede, dem schรคtzungsweise 150.000 Kinder zum Opfer fielen. Ministerprรคsident Justin Trudeau, selbst Katholik, spricht von einer โbeschรคmenden Geschichte, deren wir uns alle bewuรt werdenโ (Mรคrkische Allgemeine Zeitung, 31. Juli 2021).
Relativierung ist kein Verbrechen, sondern dringend notwendig
So lieรe sich wohl unschwer nachweisen, wie nah Licht und Schatten bei jedem Volk liegen โ und wie recht Machiavelli mit seinem Diktum hat, keines sei besser als ein anderes. Gleichzeitig dรผrfte aber auch der Umkehrschluร gelten: daร kein Volk schlechter ist als ein anderes. Doch gilt dieser Satz wirklich? F
รผr das deutsche Volk offenbar nicht โ zumindest nicht nach Ansicht des linken und linksliberalen Meinungskartells, das seit Jahrzehnten die eigenen Landsleute nahezu tรคglich ins Sรผhnejoch zwingt.
Schon 1968 hatte der Publizist Gรผnter Maschke festgestellt: โWer die Verbrechen unter den Nationalsozialisten ยดrelativiertห, wer ihre ยดEinzigartigkeitห bestreitet, der, so hรถrt man, verharmlost sie. Genau das Gegenteil ist der Fall. Der ยดRelativiererยด verharmlost gar nichts, er spricht vielmehr die furchtbare Wahrheit aus, daร wir alle, alle ohne Ausnahme, im grรถรten Stil zum Morden fรคhig sind. Verharmloser ist hingegen jener, der auf die หEinzigartigkeitยด der deutschen Verbrechen pocht. Er will nรคmlich an der Lรผge festhalten, daร der Mensch im Grunde gut ist. Nur der Deutsche ist eben schlecht.โ
Der รsterreicher Viktor E. Frankl, Begrรผnder der Logotherapie und ehemaliger Hรคftling im KZ Dachau, bestรคtigte diese negative Anthropologie: โIch wage die Behauptung, daร jede Nation grundsรคtzlich holocaustfรคhig ist.โ
Doch den deutschen Linken und dem linksliberalen juste milieu geht es nicht um anthropologische Wertungen. Ihnen geht es um die รberwindung ihrer Angst โ der Angst vor dem eigenen Volk. Zweimal nรคmlich hat es ihnen einen traumatischen Schock versetzt: So stand es mehrheitlich hinter einer rechten Diktatur und hielt ihr fast bis zum bitteren Ende die Treue; wenig spรคter lehnte die Mehrheit der Mitteldeutschen eine linke Diktatur ab und stรผrzte sie schlieรlich auf friedliche Weise, was obendrein โ horribile dictu! โ zur nationalen Wiedervereinigung fรผhrte.
Von diesen Traumata haben sich Linke und Linksliberale bis heute nicht erholt, was ihr Miรtrauen gegenรผber Volk, Nation und Staat begrรผndet, aus dem blanker Haร werden kann. So skandierten die Antinationalen in den Reihen der Grรผnen bereits in den achtziger Jahren, als es um Zuwanderung und Asyl ging: โAuslรคnder, laรt uns mit diesen Deutschen nicht allein!โ
Deutschenhass als Zeichen der Verzweiflung
Im Zuge der Wiedervereinigung steigerte sich der Furor bei autonomen und antifaschistischen Krawalltruppen zu Haรappellen wie: โDeutschland, haltยดs Maul!โ, โDeutschland, verrecke!โ, โNie wieder Deutschland!โ oder โDeutschland von der Karte streichen โ Polen muร bis Frankreich reichen!โ Nรคhme dieser Staat seine Gesetze in Bezug auf beide politischen Extrempositionen ernst, hรคtte er derartige Parolen lรคngst als Rassismus und Volksverhetzung ahnden mรผssen.
Zur รberwindung ihrer Traumata bedienen sich Linke und Linksliberale zweier Strategien: Die SED-Herrschaft wird schรถngeredet und jeder Vergleich mit dem NS-System, wie er einer antitotalitรคren Betrachtungsweise angemessen wรคre, entrรผstet zurรผckgewiesen; zugleich wird der Mythos des antifaschistischen Widerstands beschworen und das โDritte Reichโ pauschal als โEpoche der Barbareiโ abqualifiziert, was zwar dem furchtbaren Schicksal der Opfer entspricht, den Erfahrungen der meisten damaligen Zeitgenossen aber vรถllig zuwiderlรคuft.
So stellte Joachim C. Fest in der Einleitung seiner Hitler-Biographie folgendes Gedankenexperiment an: โWenn Hitler Ende 1938 einem Attentat zum Opfer gefallen wรคre, wรผrden nur wenige zรถgern, ihn einen der grรถรten Staatsmรคnner der Deutschen, vielleicht den Vollender ihrer Geschichte, zu nennen.โ
Und Sebastian Haffner resรผmierte angesichts der innen- und auรenpolitischen Erfolge des Regimes fรผr das Jahr 1939: โDie so durch den Augenschein Hitlerscher Leistungen Bekehrten oder Halbbekehrten wurden im allgemeinen keine Nationalsozialisten; aber sie wurden Hitleranhรคnger, Fรผhrerglรคubige. Und das waren auf dem Hรถhepunkt der allgemeinen Fรผhrerglรคubigkeit wohl sicher mehr als neunzig Prozent aller Deutschen.โ
Die Tรคterrolle ist fรผr die Deutschen reserviert
Demgegenรผber wurde im Zuge der 68er-Revolution allen spรคtestens ab 1935 Geborenen eingeredet, ihre Eltern und Groรeltern seien Verbrecher gewesen, mindestens aber Wegbereiter und Mitlรคufer von Massenmรถrdern. Diese moralische รberheblichkeit und der nachholende Widerstand sind in der bundesrepublikanischen Demokratie indes nur eine wohlfeile Pose. Das hindert Linke und Linksliberale jedoch nicht daran, die miรtrauisch beรคugte Mehrheitsgesellschaft weiterhin zu pรคdagogisieren und zu therapieren, um deren โRessentimentsโ und โVorurteileโ zu bekรคmpfen.
Bisher ist ihr Konzept prรคchtig aufgegangen: Sie haben die deutsche Bevรถlkerung in immer mehr โdiskriminierteโ Minderheiten auseinanderdividiert โ in Zugewanderte, in Frauen, in diverse sexuelle Minoritรคten etc.โ, so daร den Autochthonen als der (noch) zahlenmรครigen Mehrheit jedes Nationalgefรผhl und jegliche Leitkultur abhanden gekommen sind.
Doch je fragmentierter die Gesellschaft wird und je schwรคcher der Zusammenhalt, desto grรถรer wird die Angst der Linken und Linksliberalen vor dem Unaussprechlichen: daร nach Angela Merkels Abgang die CDU wieder in die Mitte rรผckt und, ausgehend vom Osten, Union, AfD und FDP einen bรผrgerlichen Block bilden, dessen Zwei-Drittel-Mehrheit das imposante Destruktionswerk wieder zunichtemacht.

