Von Gerhard Kochel
Es gab zwei โrote Linienโ, die FDP-Chef Lindner im Wahlkampf nicht mรผde wurde zu betonen: keine Steuererhรถhung, kein Aufweichen der Schuldenbremsen. Ersteres wurde manchmal noch um den Zusatz โauรer fรผr Konzerne wie Google und Amazonโ erweitert. Durchaus Versprechen, die beim Wรคhler Anklang zu finden scheinen, so konnte die FDP ihr Ergebnis aus 2017 noch einmal verbessern, bei den Erstwรคhlern landeten die Liberalen sogar auf Platz eins.
Die Partei aber scheint ihre vollmundigen Versprechen wenige Wochen nach der Wahl bereits wieder vergessen zu haben: Wie verschiedene Medien berichten, haben sich die Koalitionรคre in spe auf eine Steuer auf besonders zuckerhalte Lebensmittel geeinigt. Ein Schlag ins Gesicht fรผr jeden FDP-Wรคhler.
Versalzene Cola
Ich gebe es gerne zu: Auch ich habe โ wie viele andere โ 2021 mein Kreuzchen erneut bei den Liberalen gemacht. Die Gefahr einer rot-grรผn-roten Regierung schien mir zu real, die Alternativen zu den Freien Demokraten konnten mich nicht รผberzeugen. Auรerdem muss man als Wรคhler Kompromisse eingehen kรถnnen. So nehme ich die absurden Forderungen zur Zukunft der EU hin, um den Rest Marktwirtschaft in Deutschland zu schรผtzen, eine kapitalmarktgedeckte Rente zu bekommen und um, ja, weitere Steuern und die Erhรถhung der bereits bestehenden Abgaben zu verhindern.
Als dann am 26. September 2021 die ersten Prognosen auf dem Fernsehbildschirm erschienen, war klar: Es wird eine Ampel. Genauso klar war, dass eine derartige Konstellation auch von Seiten der FDP eine gewisse Kompromissbereitschaft erfordern wird. Ob Kompromissbereitschaft bedeutet, dass man bereits zwei Monate nach der Wahl mit seinen Kernversprechen bricht? Ich glaube nicht.
Es hรคtte sicher zig Punkte gegeben, bei denen die FDP den rot-grรผnen Verhandlungspartnern hรคtte entgegenkommen kรถnnen, ohne einen weiteren Griff in die Taschen der Bรผrger mitzutragen. Manch einer wird jetzt erwidern, es handle sich doch bloร um eine Zuckersteuer. Keine Cola trinken, Problem gelรถst. Auรerdem hat eine vergleichbare Steuer in Groรbritannien dazu gefรผhrt, dass die Hersteller den Zuckergehalt in ihren Lebensmitteln gesenkt haben. Also eine Belastung, die sich durchaus vermeiden lieรe, zumal mit einem unbestreitbar positiven Nebeneffekt.
Heute Zuckersteuer, morgenโฆ?
Das Problem ist, dass die FDP, als eigentlich liberale Partei, sich hiermit zum Steigbรผgelhalter fรผr einen weiteren Ausbau des Nanny-Staates macht. Natรผrlich hat der Staat nur das Beste fรผr seine Bรผrger im Sinn, sie vor Fettleibigkeit, Leberzirrhose und Raucherbein zu schรผtzen zum Beispiel. Cola, Fanta, Milka und Haribo mรผssen wie Marlboro, Camel und Lucky Strike besteuert werden. Wie soll der Bรผrger sonst lernen, dass er die Finger davonzulassen hat?
Der Staat will mal wieder versuchen, den Bรผrger zu erziehen, ihm unerwรผnschte Verhaltensweisen รผber den Geldbeutel auszutreiben. Was, wenn die geplante Steuer nicht den gewรผnschten Effekt hat? Wird sie erhรถht? Werden Getrรคnkedosen mit Schockbildchen versehen? Wird es ein Werbeverbot wie fรผr Tabakprodukte geben? Groรbritannien machtโs vor.
Natรผrlich sollen auch die Einnahmen aus der Zuckersteuer sinnvoll verwandt werden. Laut Frankfurter Rundschau planen Verbraucherschรผtzer, damit Ernรคhrungsbildungsmaรnahmen fรผr Kinder und Jugendliche sowie gesunde Mahlzeiten in Kitas und Schulen zu finanzieren. So bleibt beim Zahlen an der Kasse wenigstens das Wissen, dass die nรคchste Generation gar nicht erst zur Limo greifen wird โ Baerbock und Lindner haben es ihr schlieรlich aberzogen.
Auf das Schlimmste gefasstโฆ
Dass die FDP bereits so frรผh dermaรen einknickt, hรคtten wohl die wenigsten ihrer Wรคhler erwartet. Hieร es 2017 noch โlieber nicht regieren, als falsch regierenโ, ist das Motto jetzt wohl โFinanzminister um jeden Preisโ. Auch andere Details aus den Ampel-Verhandlungen lassen nichts Gutes erwarten. Laut Mรผnchner Merkur werde der โGrรผnen-Wunsch nach einem Klima-Vetorecht weiter heiร diskutiertโ. Sollte sich Habeck und Baerbock in diesem Punkt durchsetzen, wรคre es vรถllig belanglos, ob ein FDPler, ein Sozi oder ein Grรผner im Finanzministerium sitzen, der mรคchtigste Minister wรคre so der Umweltminister.
Und auch bei anderen (die Volksgesundheit betreffenden) Fragen sind die Liberalen bereits eingeknickt, statt Freedom Day und Selbstbestimmung gibtโs jetzt eine Impfpflicht fรผr bestimmte Berufsgruppen. Dass es von da aus nicht mehr weit zur allgemeinen Impfpflicht ist, dรผrfte klar sein. Die FDP beginnt ihre Rรผckkehr zur Macht also genauso, wie sie damals ihren Weg in die APO eingelรคutet hat: als rรผckgratloser Mehrheitsbeschaffer.
Es bleibt zu hoffen, dass ich Unrecht habe, dass die Liberalen der kommenden Regierungen tatsรคchlich ihren Stempel aufdrรผcken kรถnnen, dass Grรผn-Rot die Zuckersteuer teuer erkaufen musste. Wie wahrscheinlich das ist, darf jeder selbst entscheiden.

