Stunden der Anspannung, Tage der Ungewissheit; die schlimmste Befรผrchtung droht Realitรคt zu werden. Dann dreht sich der Wind. Aufatmen, Erleichterung. Die Welt steht fรผr einen Augenblick still, dann bricht sich die Euphorie Bahn. Kamala Harris wird massenmedial zum Prรคsidenten der Vereinigten Staaten ausgerufen. Oder Joe Biden. Das ist nicht so wichtig, Hauptsache Trump ist weg!
Infantiles Journalistengehabe
Die mit Journalisten- und Integrationspreisen ausgezeichnete freie Autorin Hatice Akyรผn mรถchte โden frisch Gewรคhlten vor Dankbarkeit um den Hals fallenโ. โWenn Anstand zu Trรคnen rรผhrtโ, lautet die รberschrift ihres Artikels im Tagesspiegel vom 14.11.2020. In kindlicher Diktion schildert sie ihre emotionale Achterbahnfahrt, an deren Ende ihr dann โMillionen Steine und Steinchen, die sich im Herzen angesammelt haben, alle gleichzeitig auf den Boden geplumpstโ seien.
Die Welt wรคre zwar durch den Ausgang der Wahl nicht โรผber Nacht besser geworden, aber viel schรถnerโ. Es ist erfreulich, dass Frau Akyรผn ihre mentale Balance wiedergefunden zu haben scheint. Bewaffnet mit dem Weltbild eines Zehnjรคhrigen klรคrt sie im weiteren Verlauf des Textes darรผber auf, dass selbst ein Republikaner wie George W. Bush, โein Mann, der wie sein Vater eine Obsession mit Saddam Hussein hatte und dafรผr fast die halbe arabische Welt in Schutt und Asche legteโ, keine Sympathie fรผr Trumps Politikstil und Machtstreben hegen wรผrde. Lieber โmagโ die Autorin โdiesen verstรคndnisvollen und Frieden stiftenden Typ PolitikerIn. Jene, die eine beruhigende Wirkung auf Menschen haben und vereinen statt zu spaltenโ.
Joe Biden, der verstรคndnisvolle Friedensfรผrst? Selbst wenn man fair bleiben und wohlwollend interpretieren wรผrde, dass es Akyรผn hier in erster Linie um Stilfragen und Rhetorik geht, fragt man sich schon, wie man es bei einer derart einseitigen, naiven und weltfremden Huldigung Bidens belassen kann.
America is back!
Noch nicht einmal im Amt, lieร Joe Biden die Weltรถffentlichkeit wissen: โAmerica is back!โ. Die angehende Vizeprรคsidentin Harris spezifizierte: โAmerica will once again stand with civil society and pro-democracy partners in Syria and help advance a political settlement where the Syrian people have a voice.โ
Sollte Trump mit seiner Anfechtung des Wahlergebnisses erfolglos sein, folgt auf die isolationistische Auรenpolitik der letzten vier Jahre also der Kurswechsel zurรผck zur interventionistischen Rolle der Vereinigten Staaten als Exporteur universeller, westlicher Werte und liberaler Demokratie.
„What is universalism to the west, is imperialism to the rest“ formulierte Samuel P. Huntington in โThe Clash of Civilizations“. Ein รคhnlich vernichtendes Urteil รผber vermeintlich universelle Werte fรคllte Alain de Benoist in โBeyond Human Rightsโ. Hinter wohlklingenden Worthรผlsen wie โDemokratieโ und โMenschenrechtenโ, die im Bewusstsein der unpolitischen Masse und offenbar auch bei Journalisten wie Hatice Akyรผn die Illusion von Fortschritt und Gerechtigkeit erzeugen, verbirgt sich nichts anderes als die Subsumierung US-amerikanischer geo- und machtpolitischer Interessen. Angestrebt wird keine gerechtere Welt, sondern Einfluรnahme und wenn nรถtig โregime changeโ, also die Ersetzung antiwestlicher Regierungen durch Klientelregime.
Amerikanische Auรenpolitik am Beispiel Syriens
Um zu verdeutlichen was die Fรถrderung von Demokratiebestrebungen in Syrien meint, sei an dieser Stelle ein kurzer Exkurs รผber die Rolle der USA im Syrienkonflikt erlaubt. Das amerikanische Interesse an der Region begann um 1915, als auch auรerhalb des Irans Erdรถlvorkommen entdeckt wurden, ergรคnzt um das Sicherheitsbedรผrfnis des neu gegrรผndeten Staates Israel und die Rivalitรคt mit der Sowjetunion nach dem zweiten Weltkrieg.
Als 1949 eine transarabische Pipeline der Amerikanisch-Arabischen รlgesellschaft von Saudi-Arabien in den Libanon gelegt werden sollte, die israelische Staatsgrรผndung aber eine Umgehung erforderlich machte, geriet Syrien in den Fokus. Als sich der demokratisch gewรคhlte Prรคsident Syriens gegen den Bau auf syrischem Boden entschied, wurde er kurzerhand in einem von der CIA orchestrierten Staatsstreich gestรผrzt.
Die Pipeline wurde gebaut und war bis 1976 in Betrieb. Spรคtestens als 1956 und 1957 weiter Putschversuche unternommen wurden, erwuchs das Misstrauen gegenรผber Amerikanern und ihren Versprechungen. Nicht aus ideologischer Kongruenz sondern aus rein praktischen Gesichtspunkten erfolgte eine Annรคherung an die Sowjetunion, die in einem Freundschaftsabkommen gipfelte.
Als es Anfang 2011 in Syrien zu spontanen, regierungskritischen Protesten kam, nahm man die Gelegenheit zum Anlass, sich ein weiteres Mal in innersyrische Angelegenheiten einzumischen, um die Achse Teheran, Damaskus, Hisbollah und Moskau zu schwรคchen. Im Windschatten dieser Entwicklung ging es wie schon 1949 wieder um ein Multimilliardendollarprojekt. Eine Gaspipeline sollte ausgehend vom Golfemirat Katar durch Saudi-Arabien, Jordanien, Syrien bis in die Tรผrkei fรผhren, um den europรคischen Markt zu beliefern.
Ein lukratives Geschรคft und ein Machtzuwachs der westgebundenen Golfstaaten. Aus Sicht Moskaus, das zwei Drittel seiner Erdgasexporte an die EU liefert, ein vรถllig inakzeptabler Vorgang. Als Bรผndnispartner Assad zur Wahrung russischer Interessen seine Zustimmung zum Bau auf syrischem Boden verweigerte, senkte sich รผber ihm endgรผltig der Daumen. Ein Aufstand, der ohne รคuรere Einmischung wahrscheinlich niedergeschlagen worden wรคre, entwickelte sich zum Flรคchenbrand.
Die Guten und die Bรถsen
Als โRebellenโ und โgemรครigte Oppositionโ bezeichnete islamische Gotteskrieger und andere dubiose Vereinigungen wurden im Namen der Demokratiefรถrderung รผber CIA-Stรผtzpunkte in Libyen und spรคter รผber die Tรผrkei mit Waffen beliefert und logistisch und infrastrukturell unterstรผtzt. Dass sich die in dieser Weise bewaffneten Milizen als Rammbock gegen das Assad-Regime benutzen lassen wรผrden, ohne ihre eigenen Ziele zu verfolgen, erwies sich als gefรคhrlicher Trugschluss, ebenso wie die Einschรคtzung, dass Moskau und Teheran am Spielfeldrand verharren und sich auf Beschimpfungen beschrรคnken wรผrden, wรคhrend Assad sich ebenso schnell wie Saddam Hussein oder Gaddafi beseitigen lieรe.
Nach fast einem Jahrzehnt kriegerischer Handlungen in Syrien und den Anrainerstaaten stehen sich einmal mehr unversรถhnliche Gruppierungen gegenรผber. Tรผrken und Kurden, Sunniten und Schiiten, radikalislamische Dschihadisten, Amerikaner, Russen, pro- und antiwestliche Splittergruppen mit ihren je eigenen, teils รผberschneidenden, teils diametral entgegengesetzten Interessen. Nichts also liegt ferner als Demokratisierung und Liberalisierung.
Vor dem Hintergrund der sozialen Struktur in Syrien, in der eine bรผrgerliche Mittelschicht kaum ausgebildet ist, kein modern entwickelter Zentralstaat existiert und einzig die Bindung an ethnische oder religiรถse Gruppen und Familien-Clans Solidaritรคt und Sicherheit bietet, muss eine von auรen forcierte Verschiebung der Machtverhรคltnisse zugunsten einer nicht existenten Zivilgesellschaft zum Scheitern verurteilt sein. Darรผber hinaus ist es keineswegs so, dass eine Mehrheit der syrischen Bevรถlkerung das Assad-Regime ablehnt, sondern es eher als das kleinere รbel betrachtet, sollte die Alternative ein radikalislamisches Kalifat sein.
Die US-amerikanische Auรen- und Interventionspolitik
hat in der Vergangenheit ein groรes Talent bewiesen, sich seine zukรผnftigen Feinde selbst heranzuzรผchten, sei es Saddam Hussein im Irak oder die Mudschahedin in Afghanistan.
Vรถlkerrechtswidrige Kriege mit Millionen von Toten, Staatszerfall, Instabilitรคt ganzer Regionen mitsamt den dadurch verursachten Fluchtbewegungen, all das geschah nicht zuletzt auch auf Geheiร der Obama Administration, in der Joe Biden als Vizeprรคsident die Intervention in Syrien vorangetrieben hatte.
Die sogenannte Werteorientierung westlicher Politik ist hรถchst flexibel und hรคngt im Wesentlichen davon ab, ob sich ein Regime anti- oder prowestlich positioniert. Im letzteren Fall werden auch gerne mal ein paar Augen zugedrรผckt.
Tyrannei der Werte
Das Konzept der Werte, das die vormals gรผltigen Tugenden ablรถsen sollte, ist untrennbar verbunden mit der Herausbildung des frรผhkapitalistischen Bรผrgertums und seiner materialistischen Sichtweise. Es stellt fรผr sich genommen schon eine fragwรผrdige Basis fรผr politische Entscheidungen dar. โWerteโ besitzen keinen intrinsischen Wert. Es bedarf einer Deutung, die dem jeweiligen Inhalt einen Wert zuschreibt.
Werte werden also gesetzt und kรถnnen daher von einflussreichen Akteuren beliebig auf-, ab- und umgewertet, sprich instrumentalisiert, werden. Aktuell erleben wir, wie sich unser gesamtes Leben bis in kleinste Detail dem Wert โGesundheitโ unterordnet. Ein anderer Wert, nรคmlich โSicherheitโ, stand nach 9/11 hoch im Kurs und wurde herangezogen, um George W. Bushs War on Terror zu rechtfertigen und wird darรผber hinaus immer gerne betont, wenn Maรnahmen zur รberwachung implementiert werden sollen.
Die Werte โFreiheitโ und โSouverรคnitรคtโ hingegen eignen sich weniger gut, um Einflusssphรคren zu vergrรถรern, und werden daher in zunehmendem Maรe als unsozial, unsolidarisch und egoistisch abgetan. Aus diesem Grund sind Werte nicht universell, sondern hรคngen von den Lebensweisen und Vorstellungen derjenigen ab, die diese Werte artikulieren. Die Forderung nach Zwangsmissionierung im Namen einer hรถheren Moral, wie sie in den Einlassungen von Biden und Harris zum Ausdruck kommt, ist wenig mehr als machtpolitisches Kalkรผl, Arroganz und รberheblichkeit.
Insofern fรคllt es mir schwer, die Begeisterung Frau Akyรผns fรผr Joe Bidens seelenbalsamierende Rhetorik zu teilen. Ganz im Gegenteil, wie viele andere empfand ich Trumps ungehobelte Art als geradezu erfrischend im Kontrast zur sonst รผblichen aalglatten, systematisierten Verlogenheit.

