Afghanistan Matters from Brunssum, Netherlands, CC BY 2.0, Wikicommons

Bacha bazi

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Flug von Islamabad nach Doha, Katar. Maria, meine Begleiterin, hat schon auf dem Sitz neben dem Durchgang Platz genommen, auf dem Fensterplatz kauert eine vermummte Gestalt, die ich im ersten Augenblick für eine Frau halte. Ich sage Maria, sie dürfe gerne aufrücken, aber sie schüttelt energisch mit dem Kopf. Auch gut. Ich zwänge mich an ihr vorbei und nehme in der Mitte Platz. Erst jetzt bemerke ich, dass das Häuflein Elend neben mir ein Mann ist. Er kann keine Sekunde lang stillsitzen. Er wringt seine schwitzigen Hände aus wie einen nassen Lappen, nimmt sein Smartphone in die Hand, legt es wieder weg, nimmt es wieder in die Hand. Dann macht er ein Kurzvideo von sich. Keine drei Sätze spricht er in
das Handy. Er telefoniert mit jemandem über WhatsApp. Maria sieht mich ängstlich von der Seite an. Ich versuche, sie zu beruhigen, indem ich ihr sage, die Wahrscheinlichkeit, in einem Flugzeug in die Luft gesprengt zu werden, gehe gegen Null. Es beruhigt sie nicht. Von Statistik hält sie nicht viel.

Der Mohammedaner neben mir daddelt weiterhin hektisch auf seinem Smartphone herum. Er öffnet sein Facebook-Profil. Sein Hintergrundbild? Er selbst mit zwei geschulterten Sturmgewehren. Auch manche seiner Facebook-Kontakte tragen die legendäre russische Waffe mit dem gebogenen Magazin. Maria reißt die Augen weit auf: „Was sollen wir tun?“ „Abwarten“, sage ich. „Warst du nicht bei der Armee? Wurdest du nicht dafür ausgebildet, wie man herausfindet, ob jemand etwas vorhat?“ „Ich war kein Detektiv“, antworte ich ihr augenzwinkernd, „wenn ich allerdings die schwarze IS-Fahne auf seinem Handy sehe, werde ich es schon melden.“

Die Anschnallsignale leuchten auf. Der stählerne Koloss rollt langsam los. Jetzt beginnt mein Nebensitzer ganz hektisch damit, seinen Facebook-Freunden das zuvor aufgenommene Kurzvideo zu schicken. Einem nach dem anderen. Fünf, fünfzehn, fünfundzwanzig Personen schickt er seine kurze Ansprache. Statistik hin oder her: Jetzt spüre ich auch mein Herz klopfen. Das Wahrscheinliche und das Unwahrscheinliche unterscheiden sich, so stellt der Protagonist in Max Frischs Roman Homo Faber völlig zu Recht fest, nicht
dem Wesen, sondern nur der Häufigkeit nach. Und indem wir vom Wahrscheinlichen sprechen, ist das Unwahrscheinliche immer schon inbegriffen. Tritt es einmal ein, gibt es keinen Grund, weshalb man sich darüber verwundern müsste.

Ich höre wieder Marias Frage: „Was sollen wir tun.“ Das Flugzeug nimmt bereits Fahrt auf. Mein Nebensitzer bedient immer noch hektisch sein Smartphone, verschickt weiter sein Video an Facebook- und WhatsApp-Kontakte. „Ich sage Bescheid, dass unser Freund hier sich sehr seltsam verhält“, beruhige ich Maria und mich selbst. Obwohl der Pilot bereits beschleunigt, gehe ich den Korridor entlang, um die Flugbegleiterinnen von unseren Beobachtungen in Kenntnis zu setzen. Als sie mich sehen, rufen sie: „You must sit down, sir, we’re taking off!“

Ich fasse mich so kurz ich kann und füge mit Nachdruck hinzu: „Ma’am, I believe we might have a security issue.“ Wie ein begossener Pudel gehe ich zurück, setzte mich, schnalle mich an. Keine Minute später hebt die Maschine vom Boden ab. „Wenn tatsächlich ein Bündel TNT im Flugzeugbauch schlummert, habe ich viel zu lange gewartet“, denke ich. Der Tod aller anderen Passagiere wäre dann auch ein kleines bisschen meine Schuld. Mein Nebensitzer verschickt noch immer eifrig Nachrichten, wenn es auch nicht mehr sein Kurzvideo ist. Flugzeug-Modus? Für ihn offenbar ein Fremdwort …

Natürlich werden wir 10.000 Meter über dem Meeresspiegel nicht in Stücke gerissen, sonst könnte ich diesen Text nicht schreiben. Nach und nach zeigt sich: Unser Paschtune ist nur ein ungefährlicher Hinterwäldler aus dem Nordwesten Pakistans, der noch nie zuvor in einem Blechvogel gesessen und ein wenig Flugangst hat. Einmal zieht er die Nase hoch und spuckt vor sich auf den Boden, als wäre das in einem Flugzeug vollkommen normal. Nachdem ich ihn gefragt habe, woher er komme und wohin er reise, möchte er Selfies mit mir machen. Er zeigt mir Bilder und Videos, die ihn im Kreis seiner Freunde zeigen, mal bewaffnet, mal unbewaffnet, aber immer in Zivil. Auch mehrere Videos von einem tanzenden Jüngling in Frauenkleidern und weiß geschminktem Gesicht sind dabei.

Mein Nebensitzer und einige ältere Männer hocken im Kreis um den Tanzknaben und rauchen Opium. Die geschminkte Visage erinnert mich an den Freund des homosexuellen Thronerben, der in Braveheart von
Edward Longshanks kurzerhand von der Brüstung gestoßen wird. Ich sage ihm, er solle die Videos mit dem tanzenden Lustknaben auch meiner Begleiterin zeigen, doch er verdeckt sein Smartphone blitzschnell mit seiner braunen Hand und zischt: „Lady, no!“ Über den Brauch des Bacha bazi heißt es bei Wikipedia: Bacha bazi (…); aus bacha, „Kind; Junge, Knabe“ und bazi, „Spiel“, (…) ist eine bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Zentralasien verbreitete und heute noch in einigen Regionen Afghanistans [und offenbar auch Pakistans!] praktizierte Form der Kinderprostitution mit vielfältigen Ausprägungen.

Während der Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 wurde Bacha bazi streng bestraft und verschwand aus der Öffentlichkeit. Beim namensgebenden „Knabenspiel“ tanzt und singt ein Junge (Bacha) in Frauenkleidern vor einer Gruppe von Männern. Der Junge zeigt sich den Männern mit Zärtlichkeiten gefällig, in vielen Fällen kommt es zu sexuellen Handlungen. Bachas, die meist zwischen zwölf und 16 Jahre alt sind, müssen meist verheirateten Männern dienen und sie sexuell befriedigen. Sie wohnen überwiegend bei ihrer eigenen Familie und zeigen sich möglichst oft in der Umgebung eines Mannes von gehobener sozialer Stellung, von dem sie Geschenke und Geld erhalten.

2 Comments

  1. ich will diese Leute nicht “überzeugen” – die sollen in ihren homoaffinen / quersalafistischen Holodecks glücklich werden

  2. Bei derentartigten kulturellen Kostbarkeiten wird einem unverblümt offenbar warum unsere Kinderfreu(n)de-Grünen und die Kirche so begeistert von der nahöstlichen Bereicherung sind

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