Daร Deutschland vor der seit Jahrzehnten schwersten wirtschaftlichen und politischen Krise steht, pfeifen nicht nur Spatzen wie Thomas Haldenwang von ihren Kรถlner Dรคchern. Der Chef des Verfassungsschutzes sieht einmal mehr Staat, Regierung und Demokratie in der Gefahr, โvon einer radikalisierten rechten Minderheit delegitimiert“ zu werden (FAZ vom 18. August) โ eine Warnung, die diesmal ernst zu nehmen ist, denn trotz ihrer mickrigen 4,9 Prozent macht die Linke seit Tagen mobil und ruft ebenfalls zum Widerstand auf. Thรผringens Regierungschef Bodo Ramelow sah sich daher genรถtigt, seine Genossen aufzufordern, die Abstandsregeln zu rechtsradikalen Organisationen zu beachten, und warnte vor einer Neuauflage der 2004 gegen Hartz IV initiierten โMontagsdemonstrationen“.
Man muร kein Prophet sein, um vorherzusagen, daร bei den Protesten auch die grรถรte und รคlteste Lebenslรผge der westdeutschen BRD zur Sprache kommen wird โ die extrem ungleiche Vermรถgensverteilung, an der sich nichts geรคndert hat. Am 19. August meldete die Sรผddeutsche Zeitung (SZ) den letzten Stand der Forschung: โDie 50 reichsten Haushalte besitzen so viel wie 40 Millionen Deutsche, die Hรคlfte der Bevรถlkerung.“ Dieser Tatbestand spricht den von den Bonner Altparteien (CDU, CSU, FDP, spรคter auch SPD) bis heute vollmundig propagierten Prinzipien einer vorgeblich โsozialen Marktwirtschaft“ seit mehr als sechzig Jahren hohn.
Was sich gegenwรคrtig in Deutschland zusammenbraut, ist eine Gemengelage aus Umweltproblemen, Corona, Inflation, Energiekrise und weiteren Folgen des Ukraine-Kriegs. In der Konsequenz, so die immer alarmistischer werdenden Befรผrchtungen, drohen auf vielen Gebieten des รถffentlichen Lebens Preise und Mieten in bisher unbekannte Hรถhen zu schnellen. Die so selbstbewuรt angetretene Ampelkoalition kommt vor lauter Plรคnen, Versprechen und Projekten, im Herbst niemanden im finanziellen Regen stehen zu lassen, nicht dazu, die ursรคchlichen Grรผnde anzugehen, die Europas grรถรte Volkswirtschaft seit Jahren zurรผckgeworfen haben: die strรคflich vernachlรคssigte Infrastruktur, vor allem das Versรคumnis, die auf Digitalisierung beruhende Modernisierung in nahezu allen Bereichen voranzutreiben โ von der Schule รผber das Transportwesen bis hin zur Verwaltung in Kommunen, Lรคndern und im Bund.
Wie weit das einstige aus Schutt und Asche auferstandene Wirtschaftswunderland durch satte Trรคgheit seiner Bewohner sowie durch Selbstgefรคlligkeit und abgehobene Arroganz der Herrschenden ins Hintertreffen geraten ist, zeigt der Vergleich mit skandinavischen und baltischen Staaten, die rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkannt haben. Das jรผngste Beispiel, wie rasch und wie fatal sich das Ausruhen auf vergangenen Lorbeeren rรคcht, liefert China als grรถรter Automarkt der Welt.
Dieser Tage berichtete dpa, die deutsche Presseagentur, Ferdinand Dudenhรถffer zufolge sei die Volksrepublik einmal mehr die โLokomotive“ fรผr die gesamte Autobranche. Der renommierte Experte des Duisburger Center Automotive Research (CAR) schรคtzt, weltweit werde der Absatz in diesem Jahr um 3,2 Prozent zurรผckgehen, der chinesische Markt demgegenรผber aber um fรผnf Prozent wachsen. Dudenhรถffer: โWรคhrend der Automarkt in den USA mit einem Einbruch von 18 Prozent im ersten Halbjahr 2022 konfrontiert war, die EU 14 Prozent Rรผckgang zu verdauen hat, konnte China seine Neuwagen-Verkรคufe in den ersten sechs Monaten um vier Prozent steigern.“ Mit dem Anstieg in diesem Jahr โbewahrt die Volksrepublik den Weltautomarkt vor einem grรถรeren Einbruch“. Chinas Anteil solle so auf 32,1 Prozent steigen.
Trotzdem, so Dudenhรถffer, sei der Absatz der deutschen Hersteller auf ihrem wichtigsten Markt im ersten Halbjahr eingebrochen. Der VW-Konzern habe ein Minus von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum hinnehmen mรผssen. Mercedes und BMW hรคtten jeweils 19 Prozent weniger Fahrzeuge verkauft. Der Marktanteil von VW in China sei damit von 18,4 auf 14,2 Prozent zurรผckgegangen. Fรผr Mercedes habe er sich von 4,4 auf 3,4 Prozent und fรผr BMW von 4,7 auf 3,7 Prozent verringert.
โGewinner sind klar die Chinesen und Tesla“, so Dudenhรถffer. In der Volksrepublik seien Elektroautos besonders aus heimischer Produktion der groรe Renner. Die deutschen Autobauer tรคten sich da schwer. รhnliches gelte fรผr modernste Software-Funktionen bei Premiumfahrzeugen, die bei Chinas wachsender Mittelschicht begehrt sind. Ein weiterer Grund fรผr den Rรผckstand deutscher Firmen seien die schlechteren Einkaufs- und Produktionssysteme, was sich auch im Vergleich zum japanischen Konkurrenten Toyota zeige.
Angesichts der wachsenden Bedeutung des chinesischen Marktes nicht nur fรผr Autoproduzenten kritisierte Dudenhรถffer die wegen Putins Krieg und dessen Folgen in Deutschland entbrannte Debatte รผber die angemessene Reaktion. Bestehe analog zu Ruรland, so die lauter werdenden Stimmen, nicht auch in Bezug auf China eine zu groรe wirtschaftliche Abhรคngigkeit, von der man sich rasch lรถsen mรผsse? Eindringlich warnt Dudenhรถffer vor einer derartigen Abkoppelung vom mittlerweile grรถรten Markt der Welt: โWir sollten uns รผberlegen, ob wir wirklich unsere Industrie opfern wollen“ โ es wรคre ein Verlust, der irreversibel sei.
In der Tat. Wie bedeutend China allein bei der Autoproduktion ist, zeigen die jรผngsten Daten. Corona-Lockdowns und Chipmangel belasteten lange den Absatz in der Volksrepublik, doch schon im Juli startete der heimische Markt im Vergleich zum Vorjahresmonat mit einem Plus von knapp 30 Prozent. Insgesamt setzten die Autobauer 2,42 Millionen Fahrzeuge ab, wie der Herstellerverband CAM (China Association of Automobile Manufacturers) meldete. Bei Pkws und kleineren Mehrzweckfahrzeugen gab es sogar ein Plus von 40 Prozent. Der Absatz von Elektroautos konnte nach Angaben der Sรผddeutschen Zeitung im Juli auf 593.000 mehr als verdoppelt werden.
Ob es westlichen Beobachtern gefรคllt oder nicht: Wider alle Erwartungen hรคlt Chinas kommunistische Regierung seit nunmehr 73 Jahren die Zรผgel fest in der Hand. In einem widerspruchsvollen und oftmals brutalen Prozeร hat sie Asiens einstiges Armenhaus zur zweitgrรถรten Wirtschaftsmacht entwickelt. Selbst auf anspruchsvollsten wissenschaftlichen und technischen Gebieten wie Quantenphysik und Robotik hat die Volksrepublik Weltniveau erreicht und mit den USA gleichgezogen โ allen Klagen wegen angeblich permanenter Verletzung der Menschenrechte zum Trotz.
Fรผr Deutschland stellt sich daher immer dringlicher die Frage, wie mit China umzugehen ist. Ein verhรคngnisvoller Weg wรคre es, den ideologischen Vorstellungen Washingtons und der hiesigen Transatlantiker zu folgen, die den Ukraine-Krieg zum globalen Endkampf zwischen Demokratien und Autokratien instrumentalisieren wollen. Schauplatz dieses Armageddons wรคre zur Zeit sicherlich der Indopazifik, Anlaร die von den USA in provokanter Absicht ins Spiel gebrachte Taiwan-Frage, um Amerikas Fรผhrungsrolle zu verteidigen. Nicht nur fรผr die deutsche Innenpolitik wird die Zeitenwende somit eine existentielle Herausforderung.

