Von Karl-Heinz Stiegler
Und die nรคchste Nord-Stream-Story ist von der Rolle. Unter dem dรผnnen Verweis auf eigene Recherchen will das journalistische Urgestein t-online die wahren Hintergrรผnde der Pipeline-Sprengung ans Tageslicht gebracht haben: die Russen warenโs. Ein paar Tage vor den Explosionen habe man an den Tatorten russische Schiffe registriert, die die nรถtige technische Ausstattung gehabt haben sollen, um die Sabotageakte durchzufรผhren. Also etwa die eines Segelbootes? Nachdem die โKampfschwimmer der 313. Spezialkrรคfteeinheit der Spetsnazโ die Sprengsรคtze gelegt haben sollen, habe es dann noch eine Verfolgungsjagd gegeben, die einem Hollywoodfilm aus dem Kalten Krieg wรผrdig wรคre. Die schwedischen Schiffe schafften es aber nicht, die Russen vor den Kรถnigsberger Hafen einzuholen. Das eigentlich spannende ist aber, dass man im Falle dieser neuen Story genau zu wissen vorgibt, welche Schiffe mit welcher Ausrรผstung und welchen Besatzungen wann wo waren. In der Ukraine dagegen hat Putin angeblich schon oft fast verloren, bis sich herausstellte, dass man die Krรคfteverhรคltnisse vรถllig falsch eingeschรคtzt hatte.
Wer glaubt diese neue Geschichte jetzt bitte noch? Die Frage ist naiv. Niemand, denn niemand soll sie glauben. Dass die verschiedensten Akteure verdรคchtigt werden, ist keine Folge eines medialen Pluralismus, sondern von dessen geschicktem Missbrauch. Die vielen sich widersprechenden Mรคrchen รผber Partisanenromantik und Geheimagenten haben alle nur ein Ziel: maximale Verwirrung stiften. Je mehr Geschichten im Umlauf sind, desto mehr wird die Aufmerksamkeit der รffentlichkeit zerstreut. Sollte eines Tages das tatsรคchliche Geschehen berichtet werden, dann reiht es sich in die Vielzahl offensichtlich unsinniger Spekulationen ein. Da alle Berichte aber denselben Vorfall erklรคren, fรคrben die unglaubwรผrdigen und erfundenen Geschichten auf die eine Wahre ab. Die Tรคter kรถnnten sich gar รถffentlich erklรคren und Beweise liefern, sie glichen einem hoffnungslos unterlegenen weiรen Paar Socken in der Buntwรคsche.
Auf diese Weise besteht fรผr die wirklichen Verantwortlichen kaum noch Bedarf, belastendes Material und Zeugen zu verbergen. Die Medien sind zu diesem Thema mit so viel Bullenmist รผberladen, dass jede weitere Meldung so ernst genommen wird, wie der Aufruf zur siebten Booster-Impfung auf einer Querdenken-Demo. Tatsรคchlich kann niemand mit Sicherheit sagen, ob die wahre Geschichte bereits รถffentlich ist. Auch die vielbeachtete Meinung von Seymourย Hersh hat nachvollziehbare inhaltliche Kritik erfahren.

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In den offiziรถsen Medien tobt schon lรคnger eine recht einseitige Debatte zu โfake newsโ, und wie sie uns angeblich ins Zeitalter von โpost truthโ fรผhren. Bekannt ist, dass diese Medien dabei ihre Eigenverantwortung รผbersehen. Sie selbst haben die bisher grรถรten und schwerwiegendsten โalternative factsโ verbreitet. Die pseudo-Wirklichkeiten, die sie damit konstruiert haben, sind also ein alter Hut und keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. In der Konsequenz bedeutet das, dass auch niemand auรer den Tรคtern selbst je wirklich wissen kann, wer die Pipelines gesprengt hat. Bevor die Frage nach der Wahrheit und der Erkenntnisfรคhigkeit an dieser Stelle aber zu sehr in die Philosophie entgleitet, wieder zurรผck in die Ostsee und in die Redaktionsstuben.
Es ist nรคmlich dennoch mรถglich in der Welt medialer Beliebigkeit, in der eine Aussage nur nach ihrer Fรคhigkeit beurteilt wird, einen reiรenden Titel abzuwerfen, Wahrheiten zu finden. Zumindest derart verlรคssliche Wahrheiten, wie man sie sich aus der โprรค-post-truth-Epocheโ zurรผcksehnt. Dafรผr sind die Details der verschiedenen Theorien unwichtig. Sie sind ohnehin erfunden. Auch wer in den einzelnen Geschichten zum Schuldigen erklรคrt wird ist in der Summe uninteressant. Um den Verdacht von sich abzulenken kann es durchaus Sinn machen, sich selbst zu verdรคchtigen. Nach dem berรผhmten cui bono zu fragen, รถffnet lediglich Spekulationen รผber โfalse flagsโ den Raum.
Festzuhalten bleibt nur eins: wer hat รผberhaupt die Mรถglichkeit, Verdรคchtige zu nennen? Derjenige Akteur ist also der Verdรคchtigste, der am lautesten spekuliert und โermitteltโ. Den Einfluss auf deutsche Medien, die Spekulationen dann auch noch zu verbreiten, haben weder Wladimir Putin noch Luisa Neubauer. In der transatlantischen Partnerschaft und westlichen Wertegemeinschaft hat diese Fรคhigkeit nur Uncle Sam. Und merkwรผrdigerweise tauchten die neuerlichen Spekulationen รผber die Urheberschaft der Anschlรคge erst nach Hershs Beschuldigung der USA auf. Umso mehr Unsinn der groรe Bruder also in unseren Medien verbreitet, desto mehr erhรคrtet sich der Verdacht, dass er es selbst war.
Beteiligen wir uns ruhig an den Spekulationen. Seien wir gespannt, welche Geschichte als nรคchstes serviert wird. Im Moment wird mit absichtlich unglaubwรผrdigen Berichten versucht, das Meinungsbild zu verwรคssern. Auch wenn das gelingen mag verlieren die etablierten Medien dadurch an Glaubwรผrdigkeit. Und davon wiederum profitieren die Alternativen.

