Die Transformation von Ostberlin

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Von Hugo Rabe

Wer kennt sie nicht, die Erzählung von den rechtsradikalen Berliner Stadtbezirken im Osten. Marzahn, Hellersdorf, Lichtenberg – das waren in den 1990er-Jahren Synonyme für Glatzköpfe, Bomberjacken, Springerstiefel. Die sogenannten „Baseballschlägerjahre“ waren hier voll präsent. In einer politischen Situation, in welcher die Exekutive waffen- und machtlos war, blühte auf den Straßen zwischen den Plattenbauten die Gewalt.

Ob die Fans des BFC Dynamo, welche die Grenze zwischen Hools, Neonazis und Ultras verwischten oder die sogenannte „braune Straße“ in Lichtenberg, wo es immer schwierig war, nachts umzusteigen. Ostberlin war eine gefährliche Zone. Nicht nur für Migranten aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Vietnam. Ins Visier gerieten ebenfalls Punks, Gruftis, oder einfach jene, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Als Jugendlicher konnte man auf der einen Straßenseite von Neonazis Prügel kassieren und auf der anderen von den Russlanddeutschen.

In der zweiten Hälfte der 90er-Jahre kamen zunächst sogenannte „Russlanddeutsche“ in diese Gebiete. Diese waren nicht nur zahlreich, sondern hatten auch ein ganz anderes Verhältnis zu Gewalt. Der Berliner Professor Jörg Baberowski stellte mal die gut unterlegte These auf, dass es unterschiedliche „Räume der Gewalt“ gäbe. Nun, die zu uns kommenden Menschen mit deutschen Vorfahren, die Jahrzehnte, teilweise Jahrhunderte lang in einem anderen „Gewaltraum“ sozialisiert wurden, belegten dies eindrucksvoll. Menschen wurden anlasslos geprügelt, mit Schreckschusswaffen wurden Jugendklubs von den Neonazis erobert und auf den Straßen tobten Kämpfe. Eine moderne Form von Revierkämpfen etablierte sich, bestimmte Straßen bildeten die Grenzen zwischen Gebieten der Neonazis und Migranten aus dem Osten.

In einem Sommer Ende der 90er-Jahre kulminierte die Spannung den konkurrierenden Gewaltgruppen. Die Glatzen waren in großer Zahl angerückt, um auf der gegnerischen Seite der Straße ihre „Argumente“ schlagkräftig einzusetzen. Die Zuwanderer versteckten sich in Gebüschen oder hinter Autos vor der Gewalt. Und die Anwohner, die damals oft genug selbst Opfer von migrantischer Gewalt geworden waren, riefen aus den erhöhten Sichtpunkten der Fenster der Plattenbauten den Neonazis zu, wo sich die Russlanddeutschen versteckten.

Mit dem Aufkommen des zivilgesellschaftlichen Engagements um das Jahr 2000 herum, war das Ende der Zustände in Ostberlin eingeleitet. Bereits 2010 gab es in den Bezirken praktisch keine eindeutig erkennbaren Neonazis mehr auf den Straßen. Zum einen hatte die Neonazi- und Skinhead-Subkultur stark an Attraktivität verloren, zum anderen veränderte sich die Bundeshauptstadt und damit auch ihre „Problemviertel“ durch den demographischen Wandel und stetigen Zuzug rapide. 

Bis heute hat sich in weiten Teilen der Bundesrepublik – vor allem natürlich in den alten Bundesländern – die Geschichte von den Neonazis in Ostdeutschland und vor allem in den genannten Berliner Bezirken erhalten. Es ist eine Urban Myth, deren Verbreitung den tatsächlichen Umständen in diesen Bezirken bei weitem nicht mehr gerecht wird. Wenn man heute durch die Plattenbauten streift, bietet sich ein ganz anderes Bild. Gerade in den Bezirken, deren Einkommensverhältnisse eher zu Fertigpizza und River-Cola passen als zu Biosupermarkt und Hafermilch, wurden ab 2015 besonders viele Notunterkünfte und Asylbewerberheime aus dem Boden gestampft. Heute gibt es in Lichtenberg zwölf und in Marzahn-Hellersdorf zehn offiziell vom LAF Berlin gelistete Heime. Zum Vergleich: im gutbürgerlichen Bezirk Steglitz-Zehlendorf, welcher fast die doppelte Fläche von Lichtenberg und die 1,6-fache von Marzahn-Hellersdorf umfasst, stehen ganze sieben Unterkünfte. Der sozial marginalisierte Osten der Stadt wurde auch bei der Verteilung der Migranten nochmal ins Visier genommen.

Das Ergebnis ist, dass das Bild der „Baseballschlägerjahre“ mit dem heutigen Stadtbild kaum noch etwas zu tun hat. Fährt man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln durch diese Bezirke, ist man gerne mal der einzige deutsche Muttersprachler im gesamten Zug. Der Anteil der Einwohner mit Migrationshintergrund lag 2023 laut dem Amt für Statistik Berlin-Brandenburg in Berlin im Schnitt bei 39,7 Prozent. Die Spitze bildet dabei Berlin-Mitte, wo mit 57,5 Prozent mehr als die Hälfte der Einwohner Migrationshintergrund hat. In Marzahn-Hellersdorf sind es 28,9 Prozent, in Lichtenberg 34,6. Den niedrigsten Wert hat übrigen Treptow-Köpenick mit 24,1 Prozent – also immerhin auch jedem Vierten!

Marzahn-Hellersdorf und Lichtenberg haben sich in wenigen Jahrzehnten von Bezirken, die massiv unter Neonazis litten, zu echten „bunten“ Bezirken entwickelt. Dabei wird das Stadtbild wirklich von Angehörigen aller Herrenländer geprägt. Man sieht die Vietnamesen, die schon immer da waren, Russen, Araber, Schwarzafrikaner. Und auch die Tschetschenen, bei denen man sich immer fragt, ob bestimmte Bevölkerungsgruppen vielleicht zurecht einen schlechten Ruf genießen, sind leider inzwischen massiv in den ehemaligen Neonazi-Bezirken vertreten. Die Transformation der Berliner Bevölkerung schreitet fort. In der Innenstadt klatscht man wahrscheinlich vor Freude in die Hände, dass die Ostbezirke nun zumindest nicht mehr von vermeintlichen Hetzjagden, rasierten Köpfen und weißen Schnürsenkeln in schwarzen Stahlkappenstiefeln dominiert werden. Aber ob Kopftücher und die arabisch beschriftete Ladenfenster wirklich ein schöneres Stadtbild ergeben, muss jeder für sich entscheiden. Für die Menschen, die schon länger dort wohnen, verliert (Ost-)Berlin jedenfalls seine Identität.