Frankreich wirtschaftlicher Niedergang – Rien ne va plus

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Von Alexander Frei

Wenn man die sozioökonomische Entwicklung der westlichen Industriestaaten der vergangenen Jahrzehnte betrachtet, drängt sich ein Bild auf, das an eine künstliche Traumwelt erinnert. Dieses Gefühl trügt nicht. Der enorme Wohlstandszuwachs, den Europa und Nordamerika seit den 2000er Jahren erlebten, war keine „neue Normalität“, sondern eine historische Ausnahmekonstellation. Getrieben wurde er durch billige Importe industrieller Vorprodukte und Konsumgüter aus Asien, durch eine vermeintliche Friedensdividende nach dem Ende des Kalten Krieges (der in Wahrheit zu Bequemlichkeit und Substanzverzehr verleitete), durch jahrzehntelang günstige Energiepreise sowie durch eine beispiellose Nullzinspolitik. Diese Sonderfaktoren erzeugten eine ökonomische Chimäre: Sie setzten Fehlanreize, verschoben notwendige Strukturreformen in die Zukunft und ermöglichten politische Experimente, die unter realistischen Knappheitsbedingungen niemals tragfähig gewesen wären.

In dieser Phase des Überflusses wurden gesellschaftliche Experimente gewagt und Maßnahmen umgesetzt, die ökonomisch nicht rational erscheinen: eine Einwanderungspolitik, die Millionen unqualifizierte Migranten in ohnehin fragile Sozialsysteme aufnahm; eine Energiepolitik, die grundlegende Prinzipien von Effizienz und Kostenstrukturen ignorierte; sowie eine Sozialpolitik, die mit großzügigen Transferleistungen, Bürgergeld und Entwicklungshilfe über die Grenzen des Leistbaren hinausging sowie obendrein eine quasireligiöse Besessenheit der westlichen Eliten vom sog. Klimawandel.

Besonders prägend für die vergangene Epoche war die Rolle Chinas. Während der Westen seinen Überfluss genoss, agierte Asien – allen voran China – ambitioniert, langfristig und strategisch. Ziel war die Rückkehr ins Rampenlicht der Weltgeschichte. Mit einer aggressiven Subventionspolitik, einer dauerhaft unterbewerteten Währung und staatlicher Steuerung der Produktionskapazitäten gelang es Peking, westliche Märkte mit billigeren Produkten zu fluten. Über Jahre wurden Industrien in Europa und Nordamerika somit aus dem Wettbewerb gedrängt. Produktionsmittel und industrielle Kapazitäten wanderten nach China ab. Heute ist Chinas industrielle Macht immens und die gesamte Welt ist davon abhängig. Mit Speck fängt man Mäuse und die „Mäusefalle“ funktionierte: Eine ganze Generation wurde in die Bequemlichkeit gelockt – Überkonsum, Dekadenz, schrumpfende Familien und ein wachsender Verlust an Eigenständigkeit waren die Folge. China hielt sich politisch auf der Weltbühne zurück, um das Schauspiel weiter zu verfolgen.

Die USA haben die strategische Herausforderung erkannt und versuchen, mit ihrer neuen Handels- und Industriepolitik gegenzusteuern. Produktionsketten werden zurückverlagert, Schlüsselindustrien durch Subventionen geschützt, Abhängigkeiten reduziert. Doch diese Korrektur ist schmerzhaft: Sie bedeutet höhere Preise, mehr Arbeit, sinkende Konsummöglichkeiten. In Europa hingegen, wo Reformunfähigkeit und politische Fragmentierung dominieren, ist bislang kaum eine ernsthafte Gegenstrategie erkennbar. Aber es liegt Nervosität in der Luft ; die Menschen spüren dass etwas zu Ende geht. Auch an den Finanzmärkten finden derzeit Entwicklungen statt, die immer deutlicher ein Ende dieser Epoche signalisieren.

Diese tektonischen Verschiebungen im globalen Gefüge lassen sich an einem Land besonders gut verdeutlichen: Frankreich. Wie kaum ein anderer Staat verkörpert es die Illusion westlicher Stabilität – getragen von billigen Krediten und einem aufgeblähten Sozialstaat.

Frankreichs Staatsverschuldung liegt offiziell bei rund 113 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Rechnet man implizite Verpflichtungen wie Pensionszusagen und Sozialversicherungsdefizite hinzu, steigt die Quote auf über 300 Prozent. Das Haushaltsdefizit beträgt aktuell –5,8 Prozent des BIP; seit 1973 hat Frankreich kein einziges Jahr mit einem ausgeglichenen Staatshaushalt verzeichnet. Die Staatsquote, also der Anteil der gesamtstaatlichen Ausgaben am BIP, liegt bei 57,1 Prozent – einer der höchsten Werte weltweit. Zum Vergleich: Deutschland liegt bei 48 Prozent, die USA bei 36 Prozent. Damit sind große Teile der französischen Bevölkerung direkt oder indirekt vom Staat abhängig.

Die demografischen Eckdaten verschärfen das Bild. Die Abhängigkeitsquote – also die Zahl junger und alter Menschen im Verhältnis zur Bevölkerung im Erwerbsalter – liegt bei rund 63 Prozent. Auf 100 Personen im Alter von 15 bis 64 Jahren kommen also 63 Abhängige.

Parallel dazu schöpft Frankreich mit einer Steuer- und Abgabenquote von 43,8 Prozent des BIP nahezu das Maximum dessen aus, was im internationalen Vergleich politisch und ökonomisch verkraftbar ist. Kein anderes OECD-Land erhebt in Relation zum BIP mehr Steuern und Abgaben. Der Spielraum für weitere Belastungen ist damit praktisch erschöpft; die Kuh wird bereits bis auf die Knochen gemolken. Weitere Steuererhöhungen wären mit steigender Abwanderung von Kapital und Leistungsträgern verbunden.

Die massive Staatsverschuldung und die permanent höheren Ausgaben als Einnahmen waren in der Vergangenheit durch die ultra-niedrigen Zinsen tragbar. Im Jahr 2020 lag der Zinssatz für Französische Staatsanleihen mit einer Restlaufzeit von 10 Jahren sogar bei nur ca. 0,5 %. Heute beträgt der Zinssatz auf dieselbe Laufzeit 3,5 %. Also 7 mal höher als noch 2020. Bei den 30 jährigen Zinsen beträgt der Zinssatz bereits ca. 4,5 % was zeigt, das Investoren immer weniger an die Zukunftsfähigkeit Frankreichs glauben. Dies ist nicht auf die hohe Inflation zurückzuführen. Die aktuelle Inflationsrate in Frankreich beträgt derzeit 0,9 %; Kerninflation bei 1,2%. Seit August 2024 lag die Inflationsarte permanent unter dem Zentralbankziel von 2%.

Die aktuell hohen Renditen französischer Staatsanleihen spiegeln also vielmehr Risikoaufschläge wider, die Investoren verlangen, um der schwindenden Kreditwürdigkeit des Landes Rechnung zu tragen. Zusätzlich sehen die Handelsbilanzen bei unserem westlichen Nachbarn nicht gut aus. Frankreich gehört seit Jahren zu den Industriestaaten mit einer strukturell schwachen Außenwirtschaft. Während Deutschland weiter auf soliden Exportüberschüssen fußt, weist Frankreich chronische Defizite auf. Das bedeutet: Frankreich ist auf permanente Kapitalzuflüsse angewiesen, um seine Außenbilanz zu finanzieren. Frankreichs ökonomische Schwäche ist also auch außenwirtschaftlich systemisch.

Trotz der hohen Staatsquote und der massiven Umverteilungsmechanismen ist die materielle Substanz Frankreichs erkennbar erodiert. Die Infrastruktur weist einen beträchtlichen Investitionsstau auf. Straßen und Brücken sind vielerorts sanierungsbedürftig, das regionale Schienennetz ist veraltet, und selbst die lange als Stärke geltende Energieversorgung steht unter Druck. Die 56 Kernreaktoren, die das Rückgrat der Stromproduktion bilden, haben ein Durchschnittsalter von 38 Jahren. Viele mussten in den letzten Jahren wegen Korrosionsschäden, Hitzewellen oder Wartungsproblemen außer Betrieb genommen werden. 2022 und 2023 war Frankreich erstmals gezwungen, in erheblichem Umfang Strom zu importieren – ein Tabubruch für ein Land, das sich jahrzehntelang als Exporteur verstand.

Auch die industrielle Basis hat an Dynamik verloren. Kernenergie, Luft- und Raumfahrt sowie Luxusgüter sind zwar international wettbewerbsfähig, doch in Schlüsseltechnologien des 21. Jahrhunderts – Halbleiter, Künstliche Intelligenz, Batterien – spielt Frankreich kaum eine Rolle. Die Automobilindustrie steckt in einem langjährigen Niedergang. Der Tourismus, der mit über 100 Millionen Besuchern jährlich rund neun Prozent des BIP beiträgt, ist zwar eine bedeutende Einnahmequelle, kann aber keine tragfähige industrielle Basis ersetzen. Heere von asiatischen Touristen reisen an, um die „Stadt der Liebe“ zu sehen – wo sie aber anstelle der Romantik des Eifelturms vor allem auch viel afrikanische Gebräuche der Migranten genießen können. Die positiven Assoziationen zu Paris existieren (noch), es ist nur eine Frage der Zeit bis diese in nachfolgenden Generationen ausbleichen.

Und politisch ist das Land ebenfalls gelähmt. Die Parteienlandschaft ist fragmentiert: Links- und Rechtsaußen gewinnen an Einfluss, die politische Mitte verliert weil sie keine Lösungen für die Probleme bietet. Und erinnern Sie sich an die Gelbwesten-Proteste? 2018/19 haben diese eindrücklich gezeigt, welche Sprengkraft wirtschaftliche Reformen und Kaufkraftverluste in Frankreich entfalten können. Was als Steuerprotest begann, entwickelte sich zu landesweiten Aufständen, die mit massiver Polizeigewalt beantwortet wurden. Tränengas, Wasserwerfer und Gummigeschosse kamen systematisch zum Einsatz; über 4000 Verletzte, hunderte davon schwer, viele dauerhaft entstellt. Über 20 Menschen erblindeten auf einem Auge durch Gummigeschosse, dutzende verloren Finger oder Hände durch Sprenggranaten, viele erlitten Knochenbrüche und schwere Kopfverletzungen.

Die Bilder dieser Auseinandersetzungen, live verbreitet über YouTube und soziale Netzwerke, prägten das Bild eines Staates, der seine eigene Bevölkerung mit quasi-militärischen Mitteln niederhält. YouTube änderte kurz darauf seine Regeln für Livestreams von Protesten. Als im April 2019 dann plötzlich die Kathedrale Notre-Dame in Flammen stand, verschwand die Gelbwestenbewegung abrupt aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit. Notre Dame wurde im Jahr 1163 errichtet. Er überstand ohne Zerstörung die französische Revolution, den Deutsch-Französischen Krieg und beide Weltkriege; einen Brand gab es bis April 2019 – also 1156 Jahre lang – keinen. Offiziell wird ein Kurzschluss oder eine brennende Zigarette im Rahmen von Renovierungsarbeiten vermutet. Es gibt bis heute keine abschließende, gerichtsfeste Begründung.

Militärisch ist Frankreich eine Atommacht. Faktisch ist es aber für konventionelle Konflikte überfordert. Einsätze in Afrika und ein Stellvertreterkrieg in der Ukraine stellen das stolze Land, das einst rund 9 Prozent der Erdfläche und über 100 Millionen Menschen in seinen Kolonien kontrollierte, an die Grenzen seiner militärischen Leistungsfähigkeit. Heute verfügt die Nation über keine nennenswerte Bodenschätze mehr.

Frankreichs ökonomische Stabilität basiert heute im Wesentlichen auf zwei Säulen. Die erste ist die Einbindung in den Euro-Raum und die stützende Rolle der Europäischen Zentralbank. Ohne die Ankaufprogramme der EZB und die Möglichkeit, einen beträchtlichen Teil seiner Staatsschuld zu faktisch subventionierten Konditionen zu refinanzieren, wäre Frankreich längst unter massiven Druck der Kapitalmärkte geraten. Die zweite Säule ist der ununterbrochene Zufluss extrem preisgünstiger Konsum- und Industriegüter aus Asien. Diese Importe bilden das unsichtbare Fundament der französischen Kaufkraft. Sie halten die Verbraucherpreise künstlich niedrig und ermöglichen es der Mittelschicht, einen Lebensstandard zu pflegen, der in keinem Verhältnis zur heimischen industriellen Wertschöpfung steht.

Würden diese Produkte nicht aus Asien kommen, sondern in Frankreich oder in Europa hergestellt werden müssen, lägen die Kosten deutlich höher. Die Inflation würde sprunghaft steigen, die Kaufkraft der Haushalte massiv sinken, und breite Bevölkerungsschichten wären unweigerlich ärmer. Mit anderen Worten: Die französische Volkswirtschaft lebt von einem doppelten exogenen Stabilitätsanker – monetär durch den Euro und strukturell durch billige Importwaren. Fällt einer dieser beiden Pfeiler weg, wäre die Illusion des französischen Wohlstands in kürzester Zeit nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Die ökonomische Diagnose fällt damit eindeutig aus: Frankreich ist mit „normalen Mitteln“ nicht mehr zu stabilisieren. Normale Mittel – Steuererhöhungen, Ausgabenkürzungen, graduelle Reformen – greifen hier nicht mehr. Frankreich kann seine Finanzarchitektur nur noch durch außergewöhnliche Maßnahmen stabilisieren: eine anhaltende Stützung durch die EZB oder eine schleichende Entwertung der Schulden über Inflation.

Die EZB wird in absehbarer Zeit vermutlich wieder Anleihen von Frankreich kaufen müssen, um die Refinanzierungskosten Frankreichs zu senken und folglich die Staatschulden wieder tragbar zu machen. Schon heute hält die EZB ca. 25% aller französischen Schuldtitel in ihren Bilanzen. Das heißt, dass bereits heute Frankreich auf 25% all seiner Schulden die Zinsen an die EZB abführt, wo es kurz darauf über das Eurosystem wieder zurück an den französischen Staat fließt. Damit zahlt das Land also schon heute nur auf 75% seiner Schulden Zinsen. Und diesen Trick wird man fortsetzen müssen. Hierfür bedarf es eines „Casus belli“ – einem hinreichend großen Grund Anleihekäufe in der Öffentlichkeit erneut zu legitimieren. Der Euro blieb bisher stabil, wertete im weltweiten Konzert abwertender Währungen sogar auf. Der Goldpreis aber wird das wahre Fieberthermometer sein.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für den sehr ausführlichen Artikel. Ich lebe als Deutsch-Franzose jetzt seit vielen Jahren in Frankreich, und leider ist der Sozialstaat teilweise im französischen DNA verfestigt – sogar die als „Rechts“ geltende Partei von Marine Le Pen (Rassemblement National) hat zwar eine eher Anti-Migrationspolitik (obwohl LePen selber sagt, dass sie „Remigration“ nicht will) doch ist sie ökonomisch Links eingestellt. Die Abhängigkeit des Franzosen zum Staat ist enorm, und das spiegelt sich in vielen Bereichen wider: Anzahl der Beamte, die Anzahl der Steuern und die komplexen Methoden, etwas wieder zurückzubekommen (z.B. durch Steuererklärung), sowie die schlechte Angewohnheit, nicht in die freie Wirtschaft zu investieren und darauf warten, dass der Staat die eigene Rente garantiert (Eher bei Älteren der Fall, die Jüngeren wagen sich immer mehr auf den Aktienmarkt & Cryptowährungen).

    „Reconquête!“ (R!) ist die Partei, die offen Remigration und drastische (notwendige) Steuersenkungen fordert, und auch sehr zukunftsorientiert (endlich!) tickt: KI, neue Technologien usw. Fast der Archäofuturismus im Sinne des Philosophen Guillaume Faye.

    Leider steht diese Partei im Schatten des schwergewichtigeren Rassemblement National (RN), wobei ein Wählertransfer schon Mal stattgefunden hat (in 2022 hatte R! den RN in den Umfragen fast überholt) also immer noch möglich ist.

    „Reconquête!“ hat trotz seiner (noch) kleinen Größe einiges erreicht: Gründung eines Kollektivs für Schülereltern, die Landesweit Woke Lehrer oder Schulprogramme denunzieren; eine Senkung von circa. 2 Milliarden (von den ursprünglichen 16 Milliarden) an Entwicklungshilfe, sowie starke Mediale Auftritte, besonders von der Parteigründerin & Abgeordneten im EU-Parlament Sarah Knafo. Hochintelligent und in politischen Debatten gefürchtet, und sehr von Javier Milei inspiriert.

    Der Erhalt dieser Partei auf der Rechten Seite des RNs ist wichtig, um die Vormachtstellung des RNs regelmäßig herauszufordern, und das Overton-Fenster weiter nach Rechts zu verschieben.

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