Wer besitzt, entscheidet. Das gilt für ein Mietshaus ebenso wie für einen Industriekonzern. Trotzdem redet die deutsche Politik pausenlos über „Souveränität“, während die Leitunternehmen des Landes immer stärker von ausländischen Kapitalverwaltern geprägt werden. Deutschland will geopolitisch erwachsen sein, hat aber große Teile seines wirtschaftlichen Tafelsilbers längst aus der Hand gegeben.
Bis in die 1980er- und 1990er-Jahre bildeten Banken, Versicherungen und Industriekonzerne ein enges Beteiligungs- und Personennetz: die Deutschland AG. Konstantin Richter erzählt ihre rund 150-jährige Geschichte in „Dreihundert Männer. Aufstieg und Fall der Deutschland AG“. Das System war machtbewusst, intransparent und von Männerbünden geprägt. Aber es besaß etwas, das den heutigen Konzernlenkern häufig fehlt: eine Bindung an unser Land.
Unternehmen waren keine beliebig verschiebbaren Renditepakete. Sie gehörten zu Städten, Regionen, Unternehmerfamilien und Belegschaften. Gewinne zählten – aber ebenso Standorte, Arbeitsplätze und die industrielle Zukunft Deutschlands. Die Interessen der Unternehmen und der Nation waren nicht identisch, doch sie überschnitten sich.
Das zeigte sich besonders bei der Deutschen Bank. Unter Hermann Josef Abs verstand sie sich nicht bloß als Geldmaschine, sondern als Schaltzentrale des Wiederaufbaus. Deutsche Chemie-, Fahrzeug- und Maschinenproduzenten verbanden amerikanische Massenfertigung mit deutschem Qualitätsbewusstsein. Das Wirtschaftswunder war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer „komplexen Maschine“, deren Rädchen bewusst ineinandergriffen.
Noch Helmut Schmidt bat die Deutsche Bank, ihre Beteiligung an Daimler zu erhöhen, um den Konzern vor den „größenwahnsinnigen Persern“ aus dem Umfeld des Schahs zu schützen. Es ging ihm, in seinen eigenen Worten, um die „Selbstachtung des deutschen Volkes“. Politische Stabilisierungsziele und Gewinninteressen galten damals nicht als unvereinbar. Heute würde bereits die Vorstellung, ein deutscher Kanzler könne einen deutschen Schlüsselkonzern in deutscher Hand halten wollen, in Berlin Schnappatmung auslösen.
Die Eigentumszahlen zeigen den Umbruch. Nach der historischen Untersuchung von Caroline Fohlin befanden sich 1980 noch 89 Prozent der Aktien westdeutscher Aktiengesellschaften in inländischer Hand; ausländische Anleger hielten lediglich 11 Prozent. Die Verflechtung aus Banken, Versicherungen, Unternehmen und Familienkapital schuf langfristige Beteiligungen statt schnellen Durchhandelns.
Heute sieht die Lage anders aus. Die aktuelle DAX-Eigentümerstudie von S&P Global und DIRK zeigt: Institutionelle Investoren hielten 2025 rund 60 Prozent des frei handelbaren DAX-Kapitals. Lediglich 12 Prozent dieses institutionell verwalteten Kapitals kamen aus Deutschland. Umgerechnet entfielen damit rund 53 Prozent des gesamten DAX-Streubesitzes auf ausländische institutionelle Anleger, davon 25 Prozent auf Nordamerika. BlackRock und Vanguard verwalteten zusammen rund 12 Prozent des Streubesitzes.
Diese Fonds sind nicht unbedingt der leibhaftige Satan. Doch sie sind keine „Finanziers der deutschen Wirtschaft“. Sie haben weder Heimat noch historische Verpflichtung gegenüber Wolfsburg, Ludwigshafen oder dem Ruhrgebiet. Ihr Maßstab ist die globale Kapitalrendite. Lässt sich ein Werk anderswo günstiger betreiben, spricht aus ihrer Sicht wenig für deutsche Sentimentalitäten.
Richter beschreibt drei Etappen des Abstiegs: zuerst die Übernahme linker Begriffe durch die Wirtschaft nach 1968, dann die geistige Unterwerfung unter das amerikanische Modell nach 1990 und schließlich den Verkauf der DAX-Konzerne an globale Investoren. Die Unternehmen legten ihre Identität ab. Damit verloren sie beides: den Linken als klaren Gegner und den Konservativen als möglichen Verbündeten.
Die Antwort lautet nicht Enteignung, sondern Eigentum. Deutschland braucht eigenes, langfristiges Beteiligungskapital: eine kapitalgedeckte Altersvorsorge, einen politisch unabhängigen Bürger- oder Pensionsfonds, steuerlich begünstigtes Aktiensparen, Mitarbeiterbeteiligungen und starke deutsche Versicherungen, Versorgungswerke und Familienunternehmen.
Gleichzeitig müssen Übernahmen kritischer Infrastruktur und strategischer Technologien schärfer geprüft sowie die Stimmrechtsketten großer Fonds vollständig offengelegt werden. Ausländisches Kapital bleibt willkommen. Eine Abhängigkeit darf sich daraus jedoch nicht ergeben.
Ein souveränes Land muss nicht jedes Unternehmen besitzen. Aber es darf sich auch nicht damit abfinden, dass andere über seine industrielle Substanz verfügen. Wer Deutschland wieder aufrichten will, muss deshalb eine einfache Frage stellen: Wem gehört es eigentlich?
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