Grönemeyer – Preis für’s Mitgrölen

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Er ist einer von Deutschlands erfolgreichsten Musikern. Nun wird er mit dem NRW-Kunstpreis ausgezeichnet. Klingt logisch, aber ein Störgefühl bleibt bestehen. Herbert Grönemeyer hat mit seinen 70 Jahren so ziemlich alles erreicht, was es musikalisch zu erreichen gab. Seit 1984 landeten alle deutschsprachigen Studioalben Grönemeyers auf Platz eins der deutschen Albumcharts. Erst vergangenes Jahr nahm der Sänger sein zweites „MTV Unplugged“-Album auf, nachdem MTV mit ihm 30 Jahre zuvor das erste nichtenglischsprachige „Unplugged“-Album aufnahm. Sein Album „Mensch“ (2002) ist hinter dem Soundtrackalbum zum Film „Dirty Dancing“ das zweitmeistverkaufte Album in Deutschland.

Vor diesem Hintergrund stellt sich eher die Frage, warum Grönemeyer nicht schon früher mit dem Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde, der 2021 durch den damaligen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) ausgerufen wurde und mit einem Preisgeld von 25.000 Euro geschmückt ist. Die Formalkriterien erfüllt Grönemeyer zumindest. So heißt es in der Pressemitteilung zur Auslobung des Kunstpreises:

„Der Preis wird ausgelobt für eine herausragende künstlerische Arbeit von Künstlerinnen und Künstlern, deren Schaffen in enger Beziehung zum Land Nordrhein-Westfalen steht und als ein wesentlicher Beitrag zur zeitgenössischen Kunst gewertet wird.“

Die herausragende künstlerische Arbeit dürfte niemand bestreiten, da gibt der Erfolg Grönemeyer recht. Dass diese auch als wesentlicher Beitrag zur zeitgenössischen Kunst gewertet wird, sei nicht abgestritten. Und immerhin ist Grönemeyer in Bochum als eines von drei Kindern einer Krankenschwester und eines Bergbauingenieurs aufgewachsen. Den musikalischen Durchbruch erzielte er mit seinem gleichnamigen Album „4630 Bochum“. Zwar verließ Grönemeyer in den 90er-Jahren den Pott und wohnte seitdem in Berlin und London, aber wir wollen ja keine Erbsen zählen. Schließlich klärt Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) auf:

„Dabei ist er trotz seines internationalen Erfolgs immer einer aus dem Pott geblieben, mit einer tiefen Zuneigung zu den Menschen im Revier. Und das Revier liebt ihn dafür. Sein Leben zwischen Zeche, Theater und Fußballplatz prägt sein Werk bis heute.“

Allzu viel Arbeit scheint Wüst zwar nicht in die Charakterisierung gesteckt zu haben. Bereits im Vorjahr würdigte er den Preisträger Ralf Rothmann aufgrund seiner „tiefe[n] Zuneigung zu den Menschen und der Region“ und attestierte ihm, die Vergangenheit des Ruhrgebiets „zwischen Zeche, Pommesbude und Stadion“ präzise eingefangen zu haben. Plagiate gehören nun mal zur CDU wie Rot-Weiß zur Pommes. Wenigstens hat sich Wüst lediglich selbst plagiiert. Weit problematischer als Wüsts Ideenlosigkeit ist jedoch das, was darauf folgt.

Der Ministerpräsident lobt Grönemeyers „unverwechselbare Sprache“ und dass er „sich mit klarer Haltung für eine offene und freie Gesellschaft“ einsetze. In das gleiche Horn bläst Kulturministerin Ina Brandes (CDU), die der Preisjury vorsitzt: Grönemeyer nutze „seine Musik und Prominenz für gesellschaftsstärkende Botschaften“, und sein „unermüdlicher Einsatz für Demokratie, Zusammenhalt und Gerechtigkeit“ sei „ein Vorbild für alle Menschen“. Ging es bei der Auszeichnung des künstlerischen Tausendsassas Helge Schneider noch um „Komik“, „Spielfreude“, „Witz“ und „Talente“, hat sich nun eine neue Ebene in die Rhetorik eingeschlichen.

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Herbert Grönemeyer spielt nicht nur auf der künstlerischen Klaviatur, sondern auch auf der politisch-moralischen, wie sie für den Kunstbetrieb der Spät-BRD so prägend wie opportun geworden ist. Während eines Konzerts 2019 in Wien proklamierte der jetzige Preisträger an sein Publikum gerichtet:

„Und ich glaube, es muss uns klar sein, auch wenn Politiker schwächeln, das ist, glaube ich, in Österreich nicht anders als in Deutschland, dann liegt es an uns. Dann liegt es an uns, zu diktieren, wie ’ne Gesellschaft auszusehen hat (…) Keinen Millimeter nach rechts!“

Zu den bundesweiten Einsperrungen im Rahmen der Corona-Maßnahmen textete Grönemeyer das Lied „Helden dieser Zeiten“, in dem er dazu aufforderte: „Isoliere dich für sie.“ Im Vorfeld der Bundestagswahl 2021, aus der die Ampel-Koalition hervorgehen sollte, veröffentlichte der Musiker ein Video, in dem er vor der Klimakrise warnte und dazu aufrief, diese endlich ernst zu nehmen. Zu den Ostwahlen 2024 folgte eine eigene Kampagnenseite inklusive Lied, Aufklebern, Profilrahmen und Videos unter dem Titel „#keinmillimeternachrechts“.

Im Lied selbst findet sich jeder, der nicht in Grönemeyers Gesellschaftsdiktat passt, wahlweise als „Bodensatz“, „Virus“ oder „kleiner Mob“ betitelt. Zum Schluss folgt dann der sich wiederholende Aufruf: „Kein Millimeter nach rechts.“ Der gleiche Schlachtruf wie bereits fünf Jahre zuvor in Wien. Wenngleich diesmal mit einer schlechteren Grammatik.

Grönemeyer hat sein moralisches Klavier ordentlich auf links gestimmt und so zumindest für Wüst und Brandes den richtigen Ton getroffen. In der Pressemitteilung loben sie Grönemeyers „gesellschaftspolitisches Engagement“ „gegen die Spaltung der Gesellschaft“ und „für die weltoffene Demokratie“, für die der Steuerzahler aus Nordrhein-Westfalen nun also 25.000 Euro berappen darf. Und hier liegt das Problem. Vielleicht schon in einem solchen staatlichen Preis per se – soll der Staat sich doch nicht zum Kunstrichter erheben. Aber doch auf jeden Fall, wenn die Kunst bei einem Kunstpreis zum Nebenaspekt zu verkommen droht und das Gefühl entsteht, dass weniger die Musik als vielmehr die Haltung geehrt wird. Vielleicht sollten wir zum Schluss aber doch auf Herbert Grönemeyer hören:

„Traue der Kunst. Aber niemals dem Künstler.“


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