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Der Endgegner im Dungeon: Kim de l’Horizon

21. Oktober 2022

In Bahnhöfen hat man es nicht wegen der wartenden Züge eilig – die verspäten sich ja sowieso immer. Man hat es eilig wegen der auf kleinstem Raum konzentrierten Schäbigkeit der Moderne – grauenhafte Architektur, Müll, jede Menge Tauben, Mitmenschen. Ich sah also nur aus den Augenwinkeln auf einen dieser Bildschirme, auf denen 24 Stunden am Tag leicht zu verdauender Nachrichten-Plunder von „T-Mobile“ oder „Watson“ flimmert. Jedenfalls nahm ich im vorbeilaufen etwa wahr, das aussah wie eine Puppe, der man die Haare ausgerissen und das Gesicht beschmiert hatte. Etwas aus einem Horrorfilm, das allein existierte, um zu verstören. Untertitelt war diese Gestalt mit der Schlagzeile: „Kim de lHorizon sieht sich bedroht“.

Mal davon abgesehen, dass ich mich bedroht fühle, wenn man mir ohne Vorwarnung postmoderne Existenzen vorsetzt – wer oder was ist dieser Kim de lHorizon? Es ist, so sagt mir ein autorisierter Beitrag aus dem Weltlexikon, „das Pseudonym einer nichtbinären schweizerischen Person, die unter Anagramm ihres Geburtsnamens Lyrik, Prosa und Theaterstücke verfasst“. Für eines ihrer Erzeugnisse, „Blutbuch“ geheißen, erhielt diese nichtbinäre schweizerische Person nun den Deutschen Buchpreis.

Der Deutsche Buchpreis, soso. Das klingt irgendwie wichtig, das könnte also glatt etwas sein, zu dessen Anlass selbst der letzte deutsche Dulli seine pubertäre Sneaker-auf-Anzugshose-Phase überwindet, oder? Oder?! Ich bitte Sie, wir haben 2022.

Tja, wie mache ich jetzt weiter? In unserem Land, „im besten Deutschland, das es jemals gegeben hat“ (ich erlebte bisher leider nur Ihr Deutschland, Herr Bundespräsident, aber wenn ich‘s mir aussuchen könnte, dann…), muss man mit biologischen – oder in diesem Fall pathologischen – Einschätzungen vorsichtig sein. Es könnte sonst sehr teuer werden. Betrachten wir die Adelung des „Blutbuchs“ durch den Börsenverein des Deutschen Buchhandels mal andersherum:

Angenommen, Wladolf Putler marschierte nächstes Jahr in unser Land ein und unsere Regierung würde plötzlich gewahr, dass das „beste Deutschland, das es jemals gegeben hat“ nicht am Hindukusch, sondern in der norddeutschen Tiefebene verteidigt würde (Berlin wäre eine offenen Stadt) – stellen wir uns also mal vor, wie der schwarze Regen auf die Helme der Justins, Ahmeds, Kevins und Oktays herniederprasselt, wie sie in ihren Stellungen kauern, ihre letzten Patronen zählen. Wird dann der olivgrüne Politkommissar zur allgemeinen Erbauung Folgendes rezitieren:

„Ich spüre meinen Körper nur, wenn ich ihn fortgebe, wenn ich ihn anderen anbiete, jemensch in mich eindringt, die selbst errichteten Grenzen meines Körpers durchdringt und sich dahinter hinterlässt. Ich habe nicht primär das Bedürfnis, Schwänze in mir zu spüren, ich habe das Bedürfnis mich zu spüren, jenen pulsierenden Mantel um die Schwänze. Dieser Körper ist in der Lage außerordentlich grosse Dinge in sich aufzunehmen, wenn er sich entspannt, ohne den geringsten Schmerz zu empfinden. Schmerzen entstehen, wenn mensch sich gegen Eindringende wehrt oder aus sich herausstossen will. Ich habe mich nie dagegen gewehrt, wenn sich andere Dinge in mich hineindrängten.“



Wäre das also ganz salopp gesagt etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt? Eine postmoderne Sankt-Crispins-Tag-Rede? Wir haben es hier doch mit einem Zeugnis unserer westlichen, überlegenen, weltoffenen Kultur zu tun, richtig? Und da sich die nichtbinäre schweizerische Person bei der Preisverleihung gleich aus Solidarität mit den binären iranischen Frauen die Haare abrasierte, dürfen wir doch annehmen, dass das „Blutbuch“ und sein Autor universalen Geltungsanspruch haben. Nicht wahr?

Wer weiß, vielleicht müssen wir auch gar nicht so weit gehen. Vielleicht können Absätze, wie der oben zitierte, auch als Quintessenz der bundesdeutschen Migrationspolitik gelesen werden. Fluide also, wie sein Autor. Wer weiß das schon? Wer kann das heute noch sagen? Sie etwa? Ich nicht.

Es ist ein Fiebertraum. Ganz sicher, irgendwann wird er vorbei sein. Man wird sich dann in ferner Zukunft fragen, ob die Deutschen ihr Wasser aus Bleileitungen tranken oder nach irgendeinem Fastnachtsdienstag nicht mehr in den Kalender schauten. Die Antwort darauf wird man nicht finden, es gibt sie nicht. Was es gibt, ist die Flucht aus dieser gestörten, flackernden, vermüllten Bahnhofshallenwelt. In Amerika, ausgerechnet in diesem Epizentrum des Fiebertraums, spielt ein Mann seit 40 Jahren regelmäßig „Dungeons & Dragons“. Seit 40 Jahren strickt er mit seinen Freunden eine alternative Geschichte in einer alternativen Welt fort. Wenn so eine Welt sicher vor dem Zugriff kahlrasierter, nichtbinärer Schweizer oder von Amazon Prime ist, dann muss es sich dort gut leben lassen.

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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