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Der Tribalolibertarismus

22. Oktober 2022

Tribalolibertarismus – was ist das? Weniger Staat bedeutet mehr Freiheit. Auch führt eine Einmischung des Staates fast immer zu einer Kaskade weiterer Probleme und in der Folge zu noch mehr Interventionen des Staatsapparats. Immer weiter dringt der Staat schließlich in die Bereiche des vormals Privaten vor, bevormundet seine Bürger, schreibt ihnen vor, welche Haltung die richtige ist, wie sie zu leben haben – und irgendwann vielleicht sogar, ob sie zu leben haben. Am Ende stehen immer die Planwirtschaft und der gläserne Bürger. Die Worte Mussolinis: „Alles im Staate, nichts außerhalb des Staates, nichts gegen den Staat“ sind für den Sozialismus genauso treffend wie für den Faschismus.

Viele Menschen sind ihrer (relativen) Freiheit offenbar überdrüssig und sehnen sich nach mehr Bevormundung durch den Staat (Stichwort Bündnis 90). Dabei hat sich die „unsichtbare Hand“, die berühmte Metapher des schottischen Ökonomen und Moralphilosophen Adam Smith, grosso modo durchaus bewährt. Es geht den Menschen heute wirtschaftlich insgesamt besser als 1776, dem Jahr, in dem nicht nur die Vereinigten Staaten von Amerika ihre Unabhängigkeit erklärten, sondern auch Adam Smiths Hauptwerk Der Wohlstand der Nationen erschien. Doch welche Rechte sollten dem Staat hinsichtlich der Kontrolle der Wirtschaft in einem freiheitlichen Gemeinwesen eingeräumt werden?

Wo dem Staat nicht gestattet wird, in Ausnahmesituationen in das freie Spiel der Kräfte einzugreifen, etwa um die Bildung von Kartellen und Monopolen zu verhindern, dort führt der Weg geradewegs in eine totale Herrschaft der multinationalen Großkonzerne und somit potenziell in eine neue Form der Unfreiheit.

Ein Beispiel für eine notwendige Intervention des Staates stellt beispielsweise das Verbot von Blei in Benzin dar. Als der Besitz von Automobilen in den Vereinigten Staaten in den 1950er und 1960er Jahren stark zunahm, vervielfachte sich auch die Menge des mit den Abgasen in Kniehöhe ausgestoßenen giftigen Schwermetalls. Es begann sich in den Körpern von Millionen von Menschen anzureichern, und auch die Wälder in Europa und Übersee litten unter dem verbleiten Kraftstoff. Obwohl es bereits sehr früh Hinweise auf die gesundheitsschädigende Wirkung des bleihaltigen Benzins gab, machten die Raffinerien keine Anstalten, etwas an der Situation zu ändern. Zwar stieß Jimmy Carters Administration eine teilweise Rückkehr zu unverbleitem Benzin an, doch wurde dieser Prozess unter Ronald Reagan beinahe wieder umgekehrt. Erst die gemeinsamen Bemühungen einer Gruppe von republikanischen und demokratischen Kongressabgeordneten führten zum endgültigen Durchbruch, sodass ab den 1990er Jahren schließlich kein verbleites Benzin mehr an amerikanischen Zapfsäulen erhältlich war. In Deutschland beschloss die Bundesregierung eine Einführung des bleifreien Benzins zum 1. Januar 1986, aber die meisten Autofahrer griffen – auch aus Kostengründen – noch jahrelang zum verbleiten Sprit. Europaweit wurde das bleihaltige Benzin erst im Jahr 2000 verboten.



Wenn ein Autofahrer mit der Wahl des verbleiten Benzins nur sich selbst schaden würde, spräche nichts zwingend dafür, diesen Sprit vom Markt zu nehmen. Da jedoch alle von den negativen Folgen betroffen sind, muss der Staat handeln, wenn die Raffinerien und Tankstellen kein Einsehen haben. Der Tribalolibertarismus, wie wir ihn nennen wollen, ist also nicht um jeden Preis wirtschaftsliberal. Der Staat sollte vielmehr so wenig wie möglich, aber so viel wie unbedingt nötig in den Markt eingreifen. Dahingegen wäre die Meinungs- und Redefreiheit in einem tribalolibertären Gemeinwesen tatsächlich absolut. Die englische Schriftstellerin Evelyn Beatrice Hall gebrauchte in ihrer Biographie Voltaires folgenden Satz, um dessen Philosophie prägnant zusammenzufassen: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde bis zum Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen.“ Dieser Satz hat es in sich und es kann einen kaum wundernehmen, dass er in der Folge häufig dem französischen Aufklärer selbst zugeschrieben wurde. Erst in dem Augenblick, in dem die Feinde der Freiheit zu den Waffen greifen, dürfen die Freunde der Freiheit sie mit Waffengewalt verteidigen!

Grundsätzlich muss in einem freiheitlichen Gemeinwesen ohne Einschränkungen gelten, dass jeder Bürger das Recht hat, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern. So schwer erträglich etwa die Leugnung des Holocaust ist, so wenig dürften Holocaustleugner allein dafür wie Verbrecher behandelt werden, dass sie ihre Meinung kundtun. Es wird immer jene Mechanismen geben, die nach Michel Foucault den Diskurs ordnen, doch in einem libertären Staat dürfte es keine Gesetze geben, die die Grenzen des Sagbaren umreißen.

Der Libertarismus in seiner reinen Form verkennt die Tatsache, dass es sich beim Menschen nicht nur um einen egoistischen Primaten handelt, sondern auch um ein „soziales Tier“. Zum anderen ist der reine Libertarismus, ebenso wie Christentum, Marxismus, Sozialismus und Liberalismus, universalistisch. Er verspricht der gesamten Menschheit eine Erlösung von allem Übel. Der Tribalolibertarismus trägt hingegen sowohl der Tatsache, dass das Freiheitsbedürfnis des abendländischen Menschen besonders stark ausgeprägt ist, als auch dem angeborenen Tribalismus der Spezies als solcher Rechnung. Weil er die Freiheit zur obersten Maxime erhebt, ist er Libertarismus, weil er aber gleichzeitig die tribalistische Natur des Homo sapiens nicht aus dem Blick verliert, ist er zugleich Realismus. Im Gegensatz zum Kommunismus, dem ein falsches Menschenbild zugrunde liegt, ist der Tribalolibertarismus also gerade keine Utopie. Der Tribalolibertarismus verspricht den Menschen weder ein Paradies im Jenseits noch eines im Diesseits. Er verspricht ihnen nur einen Staat, der sie in Ruhe lässt, solange sie bei der Ausbeutung der Natur ein Mindestmaß an Vernunft walten lassen und die ethnokulturelle Identität des Gemeinwesens nicht durch Ersetzungsmigration unterminieren.

Jonathan Stumpf

Jonathan, dem der Libertarismus als geborenem Ami eigentlich in die Wiege gelegt wurde, benötigte dennoch einige Umwege und einen Auslandsaufenthalt an der Universiteit Leiden, um sich diese politische Philosophie nachhaltig zu eigen zu machen. Zuvor hatte er bereits im Bachelor auf Staatskosten zwei Semester in Rumänien zugebracht. Wie jeder Geistes- oder Kulturwissenschaftler mit Masterabschluss, der etwas auf sich hält, bewegt Jonathan etwas in unserem Land. In seinem Fall sind es Container. Er hat im Sommer 2021 als Decksmann auf einem Containerschiff angeheuert.


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