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Der Zirkus um den freien Willen

18. September 2022

In Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug, einem der Hauptwerke der postmodernen amerikanischen Literatur, gerät für den Protagonisten Billy Pilgrim die Zeit aus den Fugen. Er besucht nach dem Zufallsprinzip verschiedene Abschnitte seines Lebens, während seine Gefangennahme und die Zeit als Kriegsgefangener in einem stillgelegten Dresdner Schlachthof, in dem er die Bombardierung der Stadt erlebt, den Bezugsrahmen der Geschichte bilden. Von zentraler Bedeutung ist darüber hinaus seine Entführung durch Außerirdische vom Planeten Tralfamadore. Er wird von ihnen zusammen mit einem weiblichen Exemplar der Gattung Homo sapiens in einem Zoo ausgestellt. Die Bewohner des Planeten Tralfamadore haben jeden Augenblick ihres Lebens bereits vorausgesehen, sodass sie sich nicht der Illusion hingeben, etwas an ihrem Schicksal ändern zu können. Diesen Fatalismus macht sich im Laufe der Geschichte auch Billy Pilgrim zu eigen. Zu den Dingen, die Billy glaubt, nicht ändern zu können, gehören „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“. Ein Tralfamadorianer erklärt, er habe 31 bewohnte Planeten besucht und die Berichte über weitere hundert studiert, doch nur auf der Erde werde von freiem Willen geredet.

Einen anderen Aspekt desselben Grundproblems beleuchtet Dostojewski in den Brüdern Karamasow. genauer: in seiner Legende Der Großinquisitor. Iwan Karamasow, ein atheistischer Materialist, erzählt seinem frommen Bruder Aljoscha eine Geschichte, in der Jesus just in dem Moment auf die Erde zurückkehrt, als in Spanien die Scheiterhaufen der Inquisition brennen – ad maiorem Dei gloriam. Alles Volk erkennt ihn, aber der Großinquisitor lässt ihn dennoch verhaften und in den Kerker werfen. In einem langen Monolog setzt dieser Jesu die Gründe auseinander, derentwegen jener als schlimmster aller Häretiker verbrannt werden müsse. Die Anklage des Großinquisitors lautet, Jesus habe den Menschen abverlangt, ihm aus freien Stücken nachzufolgen. Das aber sei mehr, als man von gewöhnlichen Menschen erwarten könne, denn sie seien als Sklaven geboren und verstünden nur zu gehorchen. Deshalb habe die Kirche der leidenden Kreatur dieses Joch der Freiheit wieder abgenommen, und die Menschen seien unendlich dankbar dafür. Sie hätten gejubelt über den Umstand, endlich wieder geführt zu werden wie eine Viehherde. In einem Kommentar zum Großinquisitor, den Dostojewski seinem Verleger Ljubimow schickt, erklärt er über die zeitgenössischen Sozialisten in Russland, anstelle von Freiheit und Aufklärung böten sie Fesseln und Sklaverei – mithilfe von Brot.



Nun wäre der Libertarismus ohne die Aufklärung kaum in die Welt gekommen, und diese beruht maßgeblich auf der Hoffnung, der Mensch möge lernen, sich seines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen (Kant). Determinismus, der eine fatalistische Einstellung nach sich ziehen kann, gilt vielen Menschen als Schreckgespenst. Ist der freie Wille eine Illusion, könnten wir niemanden mehr für seine Verbrechen bestrafen, so der Einwand. Aber verfängt dieses Argument tatsächlich? Ich glaube nicht. Ein bisschen Pragmatismus kann bei der Beantwortung dieser Frage freilich nicht schaden. Gefängnisse sind primär dazu da, diejenigen, die sich nicht darin befinden, vor denjenigen zu schützen, die sich darin befinden. Zudem steht fest: Das Ergebnis höherer Strafen für schwere Verbrechen sind weniger schwere Verbrechen. Das lässt sich empirisch nachprüfen – und sei es nur, weil diejenigen, die schwere Verbrechen begangen haben, länger sitzen und so nicht die Möglichkeit haben, weitere Verbrechen zu begehen.

Der Mensch ist ein Produkt aus Erbe und Umwelt. Für beides kann er nichts. Was er ist und tut, ist und tut er aufgrund seiner Gene und seiner Sozialisation. Behandeln kann man ihn dennoch, als habe er einen freien Willen, zumal es sich allemal so anfühlt, als habe man einen freien Willen. Wir sehen die Welt ja auch nicht so, wie das Licht auf unserer Netzhaut trifft, sondern so, wie unser Gehirn diese Informationen aufbereitet, sonst müssten wir auf dem Kopf gehen. Ähnlich mag es sich mit dem freien Willen verhalten, aber das ist vollkommen belanglos und hat keinerlei Implikationen für das echte Leben. Oliver Wendell Holmes, von 1902 bis 1932 Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, brachte es auf den Punkt, als er sagte:

„Wenn ich eine philosophische Unterhaltung mit einem Mann zu führen hätte, den ich in Kürze durch den Galgen (oder elektrischen Stuhl) hinrichten ließe, müsste ich ihm sagen: ‚Ich zweifle nicht daran, dass Ihre Tat für Sie unvermeidlich war, doch um sie für andere vermeidbar zu machen, beabsichtigen wir, Sie für das Allgemeinwohl zu opfern. Wenn Sie möchten, können Sie sich als Soldat betrachten, der für sein Land stirbt.‘“

Jonathan Stumpf

Jonathan, dem der Libertarismus als geborenem Ami eigentlich in die Wiege gelegt wurde, benötigte dennoch einige Umwege und einen Auslandsaufenthalt an der Universiteit Leiden, um sich diese politische Philosophie nachhaltig zu eigen zu machen. Zuvor hatte er bereits im Bachelor auf Staatskosten zwei Semester in Rumänien zugebracht. Wie jeder Geistes- oder Kulturwissenschaftler mit Masterabschluss, der etwas auf sich hält, bewegt Jonathan etwas in unserem Land. In seinem Fall sind es Container. Er hat im Sommer 2021 als Decksmann auf einem Containerschiff angeheuert.

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