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Gott schütze König Karl III.

16. September 2022

Nachdem der Chef mir im Rahmen seiner Kolumne sozusagen die Armbrust an den Kopf gehalten hat, „damit ich doch mal wieder etwas zum dunklen Mittelalter“ schreibe, will ich es tun. Immerhin ist er der Chef. Und er hat eine Armbrust. Aber zunächst: Die Queen ist tot, und England hat nach der Auflösung der Beatles und dem Ende von Mr. Bean seine wahrscheinlich großartigste Popikone verloren. Ich bin ganz ehrlich: Irgendwie mochte ich die Queen. Aus frühen Kindheitstagen ist mir ihr verkniffenes Gesicht noch gut in Erinnerung geblieben, wenn Enkelsohn Harry etwa auf der Kostümparty so richtig einen raushaute. Wir zelebrierten damals die Hochzeit von William und Kate, es gab sogar Torte! Dieser unterschwellige Reaktionismus wurde im Hause Fechter gehegt und gepflegt. Wenn die traurigen Reste des deutschen Adels unter sich bleiben, dann zieht man eben den Hut vor den englischen Blaublütern, die, wie wir Ahnenforscher wissen, auch über deutsches Blut („Good stuff!“ – D. Trump) verfügen. Was soll man denn auch machen? So schlimm sind die Windsors – mit Ausnahmen! – nun wirklich nicht.

Ich weiß, ich weiß – die Queen und ihr Nachfolger kommen weder bei Lichtmesz gut weg noch bei Kollege Vesargo. Ich kann das verstehen beziehungsweise gehe bis zu einem gewissen Punkt mit. Ja, unter der langen Regierung von Königin Elisabeth II. ist das Commonwealth kulturell und mehr noch sozial abgeglitten. Keine Frage. Das war aber zunächst eine unvermeidbare Folge zweier Weltkriege, in denen sich das Inselreich zu Tode gesiegt hat. Der Beschluss über die Teilnahme an diesen kostspieligen Waffengängen oblag den jeweiligen Parlamenten und Premierministern, nicht dem Großvater der Queen, König Georg V., nicht ihrem Vater, König Georg VI.



Die wirtschaftliche Misere, in die das Inselreich in der Zwischen- und Nachkriegszeit hineinrutschte, war auch die Folge einer (unter anderem kriegsbedingten) Sozialpolitik, mit der das englische Herrscherhaus nichts zu tun hatte. Weder wies die Queen per Kabinettsbefehl an, die Unterschicht in vorstädtischen Wohnsilos zusammenzupferchen, um sie dort ihr quersubventioniertes Dasein fristen zu lassen, noch setzte sie sich dafür ein, die Insel mit Fremden zu peuplieren. Natürlich kann man ihr vorwerfen, dass sie gegen all das nichts getan habe. Aber vielleicht gehörte das nie zu ihrer Aufgabe…

Die Politik wird auf der Insel, genau wie bei uns, durch Parteien bestimmt. Deren Funktionäre tragen Schuld an der antinationalen und asozialen Politik, unter der die englische Restbevölkerung dahinsiecht. Die wiederum muss sich die Frage gefallen lassen, wieso sie das über Jahrzehnte mit sich hat machen lassen. Das Königshaus spielt eine ganz andere Rolle. An ihm schauen sich die wenigen verbliebenen reaktionären Schwärmer das ab, was sie weder in der Politik noch in der restlichen veramerikanisierten Kultur finden: Haltung, Stil, ein Gefühl für die Bedeutung von Dynastie.

Genau das repräsentierte die Queen über sieben Jahrzehnte (!) wie kein anderer Monarch zu ihren Lebzeiten. Ja, in politischer Sicht sind von ihrem Sohn und Nachfolger, Karl III., keine großen Sprünge zu erwarten. Der Mann hatte es nicht einfach im Leben und musste lange warten. Aber ich würde ihn nicht abschreiben, schon gar nicht als Marionette des völlig antiaristokratischen, weil neobolschewistischen WEF-Zirkels. König Karl III. ist der Tradition verhaftet und hat mit der Errichtung seiner Modellstadt Poundbury unter Beweis gestellt, dass er das Zeug zum reaktionären Visionär hat.

Am Ende sind es dann eben genau solche Sachen wie Poundbury, auf die es ankommt: Ein Ort, aus dem alle schädlichen Einflüsse der Moderne verbannt sind. In der sich der Geist an klaren Formen und raffinierten Details erfreuen kann. Ein Ort, an dem das bloße Bauen wieder zum Handwerk wird und das Handwerk zur Zierde seines Meisters gereicht. Hand aufs Herz, lieber Leser, wann waren Sie zuletzt an einem Ort, in einer Stadt oder Straße, in der sie tief durchatmen und sagen konnten: Das hier ist das Deutschland, mit dem ich mich verbunden fühle?

Ich war an so einem Ort und werde demnächst pflichtbewusst meinen Reisebericht abtippen. Dann kann Chef Müller auch wieder seine Armbrust einpacken, denn in gewisser Weise hatte meine Reise auch mit dem Mittelalter zu tun. Aber alles zu seiner Zeit…

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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