Die Sündenbockideologie der Feminazis

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Im diesjährigen Ranking des Magazins Times Higher Education belegt die Universität von Oxford zum sechsten Mal in Folge Platz eins, gefolgt von drei amerikanischen Hochschulen und der Universität Cambridge auf Platz fünf. Angesichts der mehr als 1.600 Universitäten, die das Ranking erfasst, ist der unterstellte Qualitätsunterschied zwischen der Bildungseinrichtung in Oxford und jener in Cambridge unbedeutend. Nicht von ungefähr hat sich schon lange das Kofferwort „Oxbridge“ eingebürgert, um die beiden Universitäten zu beschreiben. Die Universität Oxford wurde um das Jahr 1096 gegründet, die Universität Cambridge zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts. Beide staatlichen Hochschulen gelten – zusammen mit dem Privatinternat Eton – als Eliteschmieden Großbritanniens. Man darf folglich gespannt sein, wenn man ein Buch zur Hand nimmt, das von einer Juristin verfasst wurde, die ihren Doktortitel an der Universität von Cambridge erworben hat. Umso mehr natürlich, wenn dieses Buch 2022 von der Oxford University Press verlegt wurde.

Ich beginne also zu lesen. Erst mit Eifer, dann mit Ernüchterung und schließlich mit Entsetzen. Charlotte Proudman behandelt in ihrer Publikation Female Genital Mutilation: When Culture and Law Clash ein Phänomen, das früher als „weibliche Beschneidung“ bezeichnet wurde und heute unter dem Terminus „weibliche Genitalverstümmelung“ firmiert. Von einer unbeabsichtigten Feldstudie als betrunkener Matrose am Horn von Afrika im Jahr 2011 einmal abgesehen, mangelt es mir auf diesem Gebiet vollständig an Expertise. Aber es handelt sich bei Proudmans Forschungsgegenstand glücklicherweise nicht um Weltraumtechnik. Das Thema ist auch für Laien leicht zu durchdringen. Schon auf Seite zwei lässt die Verfasserin die Katze aus dem Sack: Die Rolle Großbritanniens bei der beabsichtigten Eliminierung des Phänomens müsse im Kontext der Black-Lives-Matter-Bewegung unter die Lupe genommen werden. Soziale und rechtliche Strukturen, die systematische Rassen-, Geschlechter- und Klassenunterschiede reproduzierten, bildeten daher den Bezugsrahmen für die Erforschung weiblicher Genitalverstümmelung in ihrem Buch.

Auch über ihre Bevorzugung der von der feministischen Forschung favorisierten qualitativen Interviewmethode zulasten der quantitativen Methode informiert Proudman die ihr gewogenen “LeserInnen”. Diese Methode hat generell den Vorteil, dass weniger Fragebögen gedruckt und weniger Informanden aufgesucht werden müssen. Im „verstehenden Gespräch“ gelangt man nicht selten zu den Antworten, die man haben wollte – und gerechnet werden muss am Ende auch nicht. Da sich ihr Forschungsgegenstand auf „Personen von Farbe“ beschränkt, problematisiert die Blondine Charlotte Proudman auf den Seiten 26 bis 28 ihre weiße Hautfarbe. In Fußnote 108 beschreibt sie sich „als eine weiße, privilegierte Frau in ihren Zwanzigern, als die Forschung durchgeführt wurde“. Offenbar ein Lapsus. Das Adjektiv weiß wird von ihr sonst mindestens in Anführungszeichen gesetzt. Zuweilen spricht sie auch von „sogenannten weißen“ Frauen. Ein Knicks für die Critical-Whiteness-Forschung. Black wird hingegen stets großgeschrieben, wenn damit Personen oder Personengruppen gemeint sind. Ebenso „Ethnische Minderheiten“. Ach ja, das Ergebnis der Problematisierung ihrer hellen Haut? Sie ist wenigstens eine Frau, also trotz ihrer privilegierten Abstammung auch irgendwie jemand, der mit Marginalisierungserfahrungen zu kämpfen hat. Im Sinne der Intersektionalität, die die Gleichzeitigkeit und Überschneidung verschiedener Diskriminierungskategorien beschreibt, wäre es zwar besser, wenn sie auch noch schwarz, gehbehindert und queer wäre, aber sie hat keinen Penis. Immerhin.

Eine Ungerechtigkeit, die sie in der britischen Rechtsprechung aufgespürt zu haben glaubt, ist der Umstand, dass es schwarzen Frauen untersagt sei, sich ihre Genitalien zu verstümmeln, weiße Frauen hingegen ungestraft kosmetische Eingriffe an ihrer Vulva vornehmen lassen dürften. Indem man schwarze Frauen als Opfer unterdrückerischer kultureller Normen porträtiere, stelle man ihre Wirkmächtigkeit infrage und perpetuiere Stereotype. Hell, yeah! Geschlechtsverstümmelung für jedermann! Ich bitte um Differenzierung: Wenn eine schwarze Frau, die Staatsbürgerin des Vereinigten Königreichs ist, einen kosmetischen Eingriff zwischen ihren Schenkeln vornehmen lassen möchte, wird der plastische Chirurg sie nicht mit Verweis auf ihre Hautfarbe nachhause schicken. Er wird sie selbstverständlich so behandeln wie jede andere Kundin. Etwas anderes ist es freilich, wenn eine Frau aus Somalia vor der Tür steht, kaum Englisch spricht und verlangt, man möchte ihr den Kitzler abschneiden oder die Schamlippen zusammennähen. Ich konnte mich nicht dazu motivieren, das Buch vollständig zu lesen, aber bis Seite 140 habe ich mich durchgebissen. Dort verlautbart Proudman, man solle nicht von „kultureller Gewalt“ sprechen, vielmehr müsse weibliche Geschlechtsverstümmelung zusammen mit anderen Formen der Gewalt gegen Frauen als eine Abweichung einzelner Männer angesehen werden. Voilà! Die fremde Kultur ist somit aus dem Schneider und der Mann zweifelsfrei als Alleinschuldiger identifiziert.



Aber warum eigentlich Männer? In einer Studie von Ronan Van Rossem, Dominique Meekers und Anastasia J. Gage, die im Jahr 2015 in der Fachzeitschrift BMC Public Health erschienen ist, heißt es, die Beschneidung von Mädchen sei traditionell von Hebammen durchgeführt worden. Dass mittlerweile vielerorts Ärzte in Krankenhäusern diese „Aufgabe“ übernommen haben, wird sicherlich das ein oder andere Leben gerettet haben. Und in einem gemeinsamen Artikel von fünf Medizinern, der 2014 im Australian and New Zealand Journal of Obstetrics and Gynaecology erschienen ist, wird angeführt, die Mehrzahl interviewter Sudanesen, die eine Partnerin mit Genitalverstümmelung haben, hätte lieber eine Frau ohne Genitalverstümmelung geheiratet. Ebenso hätten etwa 60 Prozent der befragten somalischen Immigranten in Norwegen angegeben, lieber eine unbeschnittene Frau zu ehelichen. Die Ergebnisse einer äthiopischen Studie, die eine Präferenz der Äthiopier für beschnittene Frauen nahelegt, sind wenig aussagekräftig, weil im Rahmen der Studie nur Frauen befragt wurden!

Es ist natürlich gut möglich, dass Charlotte Proudman diese Studien entgangen sind, weil sie im Jahr 2015 damit beschäftigt war, einen älteren Kollegen zu demütigen, indem sie ein Kompliment auf Twitter veröffentlichte, das dieser ihr für ihr Profilbild auf LinkedIn gemacht hatte. Notabene: Sie hatte ihn auf der Plattform hinzugefügt. Das Corpus Delicti? Ein Kompliment, wie es zahmer nicht hätte ausfallen können: „Ich schätze, das ist entsetzlich politisch inkorrekt, aber das ist ein tolles Bild!!!! Sie gewinnen definitiv den Preis für das beste LinkedIn-Foto, das ich bis jetzt gesehen habe.“ Die Reaktion Proudmans? „Ich finde Ihre Nachricht beleidigend. Ich bin aus geschäftlichen Gründen auf LinkedIn, nicht um wegen meines Aussehens kontaktiert oder von sexistischen Männern objektifiziert zu werden. Die Erotisierung des physischen Erscheinungsbildes von Frauen ist eine Art, Macht über Frauen auszuüben.“ Weiter bezeichnete sie das Kompliment ihres Kollegen als „inakzeptables, frauenfeindliches Verhalten“.

Zahlreiche Feministinnen retweeteten Proudmans Beitrag und vergossen Krokodilstränen über ähnliche Erfahrungen von Unterdrückung. Doch zum Glück gibt es auf der Insel die Daily Mail, ein Revolverblatt à la BILD-Zeitung. Die Kolumnistin Sarah Vine kommentierte mit spitzer Feder: „Als ob ihre hysterische und lächerliche Reaktion nicht schlimm genug gewesen wäre, hat sie sich dann [auch noch] dazu entschieden, ihre Korrespondenz auf Twitter zu veröffentlichen und das ganze Debakel zum Krieg eskalieren zu lassen.“ Sofort seien ihr die „Armeen von Feminazis“ zu Hilfe geeilt, die permanent vor ihren Computerbildschirmen stationiert seien. Besser hätte man es nicht auf den Punkt bringen können. Chapeau!

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