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Filmkritik: Im Westen nichts Neues (2022)

1. November 2022

Netflix hat viel Geld in die Hand genommen, überwiegend unbekannte, deutsche Schauspieler rekrutiert und den zeitlosen Klassiker von Erich Maria Remarque verfilmt. Viele von uns lasen den 1929 erschienen Roman ganz oder in Auszügen in der 9. oder 10. Klasse – je nach dem wie viel Zeit der Lehrer bzw. Lehrplan dem Thema „Erster Weltkrieg“ einräumte. Seit dem Ukrainekrieg wird ja so getan, als sei plötzlich jede Auseinandersetzung mit Krieg „so aktuell wie nie“ – wer sich diesem Denken in zeitgeistkonformen Zäsuren verwehrt, für den war und ist Krieg immer interessant.

Der erste industrialisierte Massenkrieg, verkörpert durch seine zahllosen, oft ergebnislosen Materialschlachten, hat seinen popkulturellen Rezeptionen einen speziellen Stempel aufgedrückt. Liest oder sieht unsereins etwas über den Ersten Weltkrieg, dann erwartet er förmlich dies oder das vorgesetzt zu bekommen. Das kann zum Problem werden, wie wir noch sehen, und Remarques Roman, der mittlerweile in 50 Sprachen übersetzt 20 Millionen Mal verkauft wurde, hat zu dieser schablonenhaften Vorstellung sicherlich beigetragen.

Die Handlung des Romans lässt sich rasch zusammenfassen: Paul Bäumer erlebt als deutscher Soldat den Stellungskrieg an der Westfront und nimmt dort an schweren Kämpfen Teil. Sturmangriffe und Trommelfeuer wechseln sich mit Erholungsaufenthalten in der Etappe. Der Leser begleitet den Soldaten Bäumer auf Schritt und Tritt – im Schützengraben, in der Schlange vor der Essensausgabe, ins Lazarett, auf seinem Urlaub in die Heimat. Episodenhaft erinnert sich Bäumer, wie er und seine Klassenkameraden vom stramm national gesinnten Lehrer dazu motiviert wurden, sich freiwillig zu melden. Man kann also davon ausgehen, dass er, ähnlich wie Remarque, um das Jahr 1898 geboren wurde und daher um 1915/16 einrückte. Darauf kommen wir später noch zurück. Jedenfalls, es kommt wie es kommen muss: Ein Kamerad nach dem anderen fällt und auch Bäumers Schicksal ist schließlich besiegelt.

„Er fiel im Oktober 1918, an einem Tage, der so ruhig und still war an der ganzen Front, daß der Heeresbericht sich nur auf den Satz beschränkte, im Westen sei nichts Neues zu melden.“

Das besondere an Remarques Roman ist die nüchterne Sachlichkeit seiner Schilderungen. Es geht in Remarques Buch nicht um Politik, es geht um die einfachen Soldaten, für die der Krieg eine Art Mühlentrichter ist. Man hat sie dort hineingeworfen, sie richten sich irgendwie in den Verhältnissen ein, aber jeder gerät früher oder später ins Mahlwerk. Genau das macht das Buch zu einem zeit- und grenzenlosen Klassiker. An dieses Rezept hielten sich die beiden vorangegangenen Verfilmungen von 1930 und 1979, beide in amerikanischen Filmstudios entstanden.

Jetzt kommt Netflix ins Spiel: Der Anfang erinnert an Lord of War, nur dass wir hier nicht dem Weg einer Patrone folgen, sondern dem Recyclungsprozess einer Uniform. Die Idee ist nicht schlecht, aber hier beginnt schon die mit Logiklücken gespickte Überzeichnung, die den ganzen Film durchziehen wird. Den gefallenen Deutschen werden die Uniformen ausgezogen, die Stiefel wirft man auf einen Haufen. Rationalisierung von ihrer besonders brutalen Seite. Komischweise macht man sich aber dann wiederum die Mühe und sargt die namenlosen Toten ein. Die Särge bestreut man wiederum mit Löschkalk. Warum? Egal.

Schnitt, Heimat: Bäumer und Schulkameraden geben sich kriegsbegeistert und jubeln dem Lehrer zu, dessen Rede fast 1:1 vom Kaiser stammt. Kein Wanken und kein Schwanken bei den jungen Burschen, was stutzig macht, wenn man bedenkt, dass die Netflix-Adaption erst im Jahre 1917 ansetzt. Da tobte der Krieg bereits einige Zeit, da gab man sich in der deutschen Heimat sicherlich nicht mehr so fröhlich ausgelassen wie im Juli 1914, sondern litt Hunger und betrauerte längst die vielen Opfer.

Bäumer und seine Freunde erhalten also mit stolzgeschwellter Brust ihre (recycelten) Uniformen und marschieren aus. Ausbildung, Schliff, menschenverachtender Drill – Fehlanzeige! Was der Roman in Rückblicken immer wieder aufgreift, um die Transformation vom Zivilisten hin zum Soldaten zu verdeutlichen, fällt hier völlig unter den Tisch. Stattdessen sitzen die Jungs auf der Lastwagenpritsche in Richtung Westfront und freuen sich. Wieso? Weil man das damals bestimmt so machte. Aha. Lobend will ich hier hervorheben, bevor ich es später vergesse, dass die Schauspieler vom Alter und Aussehen unseren frisch eingezogenen Urgroßvätern entsprechen. Aber das war es dann auch schon. Während etwa die junge Besatzung, die der Regisseur Wolfang Petersen seinerzeit für „Das Boot“ rekrutierte, aus richtigen Typen bestand, die auch noch die Dialekte ihrer Heimatorte beherrschten, sind Bäumer und seine Kameraden sehr glatt, sehr weich und sehr austauschbar. Die Dialoge klingen nicht wie 1917, sondern so, wie man sich bei Netflix eben vorstellt, 1917 gesprochen zu haben. Die Actionsszenen wirken stark von Battlefield 1 inspiriert. Man scheint hier eine Liste abgearbeitet zu haben: Flammenwerfer? Check. Feldspaten? Check. Soldat, der sich von einem sehr langsamen Panzer überrollen lässt? Check.

Viel Dreck, viel Blut, überhaupt klebt mindestens eines davon dem jungen Bäumer ständig im Gesicht, aber genauso gut könnte er den gesamten Film über auch seine Gasmaske tragen. Es gibt keine Charakterentwicklung, hier wird nicht ein Zivilist zum Soldaten, ein Junge zum Mann, ein Individum mit Hoffungen und Träumen zum apathischen Massensoldaten. Mit Bäumer passiert irgendwie… nichts. Ein paar Kameraden sterben – ich glaube vier – aber bis auf Kat bleibt keiner hängen. Kat, das ist auch so eine Sache: Kat darf einen Bart tragen, damit er älter und erfahrener aussieht. Er lässt ich von Bäumer die Feldpost auf dem Donnerbalken vorlesen, denn aus irgendeinem Grund ist Kat ein dummer Bauer, der nicht lesen kann, was dessen Frau aber nicht daran hindert, ihm zu schreiben.

Das Buch ist voller Schlüsselszenen, die in den Verfilmungen von 1930 und 1979 weitestgehend aufgeriffen worden sind. Der Netflix Film spart trotz seiner Überlänge viel zu viel aus. Keine Ausbildung, kein Heimaturlaub, kein Kontakt zur Familie, kein Besuch des russischen Gefangenlagers, keine romantisch-erotische Beziehung zu Französinnen, keine Missgunst über die vom gefallenen Kameraden vererbten Habseligkeiten. Stattdessen sehen wir, wie sich ein verwundeter Kamerad von Bäumer mit einer Gabel den Hals aufsticht. Widerwärtige Gewaltpornographie, aber den Netflix-Kunden muss schließlich etwas geboten werden.

Und dementsprechend dünn bleibt dann auch die Adaption der wahrscheinlich berühmtesten Szene des Romans: In einem Granattrichter irgendwo im Niemandsland versteckt muss Bäumer einen französischen Soldaten erstechen, um nicht entdeckt zu werden. Mit dem Toten ist er über Stunden hinweg in diesem Loch gefangen und entwickelt Schuldgefühle. Hätte man sich Zeit genommen, hätte man dieser Szene gerecht werden können. Aber Netflix-Bäumer hat es eilig und klettert kurz nach der traumatisierenden Bluttat aus dem Trichter. Gewaltorgie folgt auf Gewaltorgie, dem Zuschauer ist es schließlich egal. So viel sei erstmal zu einem der Handlungsstränge gesagt.

Einem der Handlungsstränge? Welchen gibt es denn noch? Tja. Die in Remarques Roman übersichtlich und klar strukturierte Erzählung hat Netflix zerhackt, zusammengekürzt und mit einer ordentlich Prise „Politik“ versehen. Neben der Handlung rund um Bäumer verlaufen nun zwei parallele Stränge. Da ist einmal ein an Hindenburg erinnernder General – sauköpfig, grob, orkisch, also: deutsch – und der beflissene Zentrumpolitiker Daniel Brü-… eh, ich meine Matthias Erzberger, der sich anschickt das Völkermorden endlich zu beenden. Der größte Teil der Handlung spielt dann auch in den letzten Tagen und Stunden vor dem Waffenstillstand des 11. November 1918. Wir wissen auch gleich wieso: Der Kampf um Leben und Tod soll eben auch ein Kampf gegen die Zeit sein. Drama! Spannung! Unser Paul Bäumer wird also nicht, wie in Remarques Roman, irgendwann im Oktober 1918 fallen, sondern 5 vor 12 oder besser gesagt 5 vor 11.

Die Romanvorlage spart die genaue Todesursache und das genau Datum aus – der Krieg hatte sich im Herbst 1918 längst der zeitlichen Dimension entzogen. Das Leben der Soldaten spannt sich auf zwischem dem gefährlichen Dienst in der Stellung und der Erholung in der Etappe. Der Tod ist so banal wie das Anstehen für einen Teller Suppe. Man hofft auf einen Waffenstillstand, aber weiß nicht, wann oder ob dieser jemals kommt. Und selbst wenn, wie soll der anschließende Frieden aussehen? Man kennt nur Krieg.



In der 1930er-Verfilmung sah Regisseur Milestone von einem glorreichen Heldentod Bäumers ab und inszenierte stattdessen ein melancholisches Ende. Viele der Schauspieler und Statisten hatten den Krieg noch selbst erlebt, auch den Zuschauern musste man das Ende nicht erklären. Delbert Mann konnte in seiner Verfilmung von 1979 in technischer Hinsicht natürlich mehr auffahren. Bäumers Tod ist kurz und abrupt, die Schlussszene als Ganze ist hervorragend inszeniert. Bäumer, selbst erst Anfang 20, ist im Herbst 1918 bereits ein erfahrener Veteran. Er stapft durch den verdreckten Graben, inspiziert die Ausrüstung seiner Kameraden – man ist versucht sie Kindersoldaten zu nennen – und fällt in einem kurzen Moment der Unachtsamkeit. Bumm, zack, im Westen nichts Neues.

Bei Netflix ist es dann die große Schlacht, was auch sonst? Der deutsche Orkgeneral, der nichts als Krieg kennt – was wir wissen, weil er uns das zuvor erzählt hat – kann mit dem Waffenstillstand nicht viel anfangen und peitscht sein Regiment zu einem letzten Angriff an. Die Handlung ist aus mehreren Gründen einfach nur dumm: Seit dem Sommer 1918 musste sich die deutsche Armee im Angesicht der wachsenden Übermacht der Gegner immer weiter zurückziehen. An einen Angriff war überhaupt nicht mehr zu denken. Die Soldaten waren sehr schlecht versorgt und litten unter der Spanischen Grippe, Typhus und anderen Krankheiten. Bestenfalls hielt man irgendeine mehr schlechte als rechte Stellung. Auch das Aussehen der Schlachtfelder hatte sich wegen des allierten Vorstoßes verändert. Netflix serviert uns eine verwüstete Mondlandschaft, weil Netflix erwartet, dass wir erwarten, dass das so aussehen muss. Es ist ja schließlich der Erste Weltkrieg. Im Filmgeschäft nichts Neues, aber dennoch enttäuschend. Und dann diese schmonzettenhafte Inszenierung: Das eine (!) Regiment, das angreift, muss natürlich fürchterlich dramatisch an einer Art Klippe aufgereiht das vom CGI-Gewitter zerstörte Schlachtfeld überblicken.

Wird der Angriff irgendwie vorbereitet? Bombardieren deutsche Geschütze die französische Linie? Schleichen Sturmtruppen nach vorne, um den Stacheldraht durchzuschneiden? Nein, der Sturmangriff erfolgt am hellichten Tage mit lautem Geschrei, weil deutsche Orksoldaten das eben so machen. In kurzen Einstellungen sehen wir die Franzosen – politisch korrekt mit einigen auffällig platzierten schwarzen Soldaten, schließlich ist das eine Netflix-Produktion. Jetzt ist die Sache die: Kolonialtruppen bildeten in der französischen Armee eigene Einheiten mit eigener Uniformierung. Sie kämpften sehr tapfer und wurden, im Gegensatz zu den schwarzen Soldaten der US-Streitkräfte, verhältnismäßig fair behandelt. Aber es gab nunmal auch innerhalb der französischen Armee eine Trennung. Historischen Produktionen müssen sich an ihrem Umgang mit den historischen Fakten messen lassen.

Zurück zum Thema: Der Angriff ist ein einziges Gemetzel. Helm, Feldspaten, Dolch – hauptsache in die Fresse. Literweise Blut muss in der ansonsten blutleeren Produktion fließen, das ist überhaupt eine Unart moderner Filme und Serien geworden. Je weniger der Krieg und seine Schrecken zum Erfahrungshorizont der Filmproduzenten und der zu Kunden verkommenen Zuschauer gehören, je mehr muss es spritzen. Bäumer wird schließlich hinterrücks vom Bayonett durchbohrt, ungefähr auf der Höhe, wo bei echten Menschen das Herz sitzt. Aber während seine filmischen Vorgänger noch tödlich getroffen an Ort und Stelle zusammensackten, sucht er sich im Schützengraben einen passenden Platz zum Sterben. Es muss ja gut aussehen. Schließlich ist Waffenstillstand. Der Krieg, aber vor allem der Film, ist endlich vorbei.

Fazit: Die Nationalsozialisten verachteten Remarques Werk, weil es aus ihrer Sicht dem Krieg seinen Sinn absprach. Für irgendetwas mussten die Millionen Toten schließlich gut gewesen sein. Man war da nicht nur in Deutschland unschlüssig geworden, sondern auch in allen anderen beteiligten Ländern. Selbst in Frankreich stellte sich im Angesicht so vieler Gefallener, Verwundeter und Vermisster keine echte Freude über den Sieg ein. Europa war nach den vier Jahren erschöpft.

Ob man es jetzt mehr mit Remarque hält, der den Sinn des Krieges und seiner Opfer hinterfragte, oder eben Jünger schätzt, der den Krieg in metaphysischer Hinsicht für sinnstiftend hielt, ist gar nicht so wichtig. Beide Ansätze haben ihre Berechtigung allein dadurch, dass beide Autoren wussten, worüber sie schrieben. Beide Werke sind grausam, weil Krieg eben so ist. Aber sie sind nicht wie die Netflix-Verfilmung auf entwürdigende Weise brutal. Der Soldat, ob tot oder lebendig, bleibt letzten Endes ein Mensch. Nicht so bei Netflix. Gefallene Deutsche, das sind am Ende nur abgeknickte Hundemarken.

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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