User:MatthiasKabel, CC BY-SA 3.0, Wikicommons

Geschlechter – Der Unterschied

7 Min lesen

Der ein oder andere Leser kennt das vielleicht: Gerade hat man elf oder zwölf Muscle-ups gemacht. Nicht um anzugeben, sondern um sich vor den Latzügen ein bisschen aufzuwärmen. Danach versucht sich eine Frau an der Klimmzugstange und bekommt nicht einmal einen normalen Pull-up hin. Natürlich gibt es irgendwo Damen, die Muscle-ups machen, dass man mit den Ohren wackelt, aber mir ist noch keine begegnet. Eine gute Freundin aus Rumänien trainierte gut anderthalb Jahre fast täglich mit Gummibändern, um endlich einen einzigen normalen Pull-up zu schaffen. Dass es Frauen so ungleich schwerer fällt, Klimmzüge oder Liegestützen zu machen, ist niemandes Schuld. Es ist genauso wenig die Ursache von Erziehung und tradierten Rollenbildern wie Leonardo DiCaprios stark kritisiertes Dating-Verhalten. Der 48-Jährige sucht sich nie eine Lebensabschnittsgefährtin, die älter als Mitte 20 ist. Für beide Phänomene zeichnet die Evolution verantwortlich. Männer brauchten ihren Bizeps für die Jagd, junge Frauen sind für die Fortpflanzung besser geeignet und ergo attraktiver. Das klingt platt, aber es ist deshalb noch lange nicht falsch.

Einer der angesehensten Primatologen der Welt, der Niederländer Frans de Waal, hat gerade ein dickes Buch mit dem Titel Der Unterschied. Was wir von Primaten über Gender lernen können vorgelegt, in dem er mit der hippen These, das biologische Geschlecht sei unbedeutend oder existiere gar nicht, aufräumt. Denn, so der Forscher in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung, Schimpansen und Bonobos seien nicht unseren Gendernormen unterworfen, und doch verhielten sie sich oft wie wir. Es sei daher wahrscheinlicher, dass es einen gemeinsamen biologischen Ursprung für ihr und unser Verhalten gebe. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede treten dabei nicht etwa erst bei ausgewachsenen Menschenaffen auf, sondern sind bereits bei kleinen Äffchen sehr ausgeprägt. Junge Schimpansinnen und Bonobo-Weibchen liebten es, so der Primatologe, mit Puppen zu spielen und so zu tun, als seien sie ihre Jungen. Bekämen hingegen junge Männchen die Puppen in die Finger, zerrissen sie sie häufig. Sie spielten gerne körperlich, rauften miteinander oder schleuderten Dinge durch die Gegend.

Allerdings gibt es Ausnahmen. Über eine solche Ausnahmeerscheinung berichtet Frans de Waal im Interview:

„Donna lernte ich kennen, als sie etwa drei Jahre alt war, also noch sehr jung. Sie war biologisch eindeutig ein Weibchen. Ich sah sie aufwachsen, und sie unterschied sich sehr früh von den anderen Mädchen. Sie hing nur mit den Jungen herum, raufte gerne, interessierte sich offenbar gar nicht für die sozialen Gefüge der Mädchen, die tatsächlich viel Zeit damit verbringen, Beziehungen untereinander zu pflegen. […] Heute würde man sagen, sie habe eine Transidentität. Und wen interessierte das? Niemanden. Sie wurde sowohl von den Männern als auch von den Frauen ihrer Gruppe gleichermaßen akzeptiert.“



Beim Lesen dieser Zeilen fiel mir gleich Georgina oder besser George aus Enid Blytons „Fünf-Freunde“-Romanen ein, die ich als Kind verschlungen habe. Auch den umgekehrten Fall, dass ein Mann sich wie eine Frau kleidet und verhält, ob im Verborgenen oder öffentlich, hat es wohl zu allen Zeiten gegeben. Man lese nur einmal, wie der griechische Tragödiendichter Agathon in Aristophanes’ Komödie „Die Thesmophoriazusen“ auftritt. Auch Plastiken von Hermaphroditen hat es in der Antike gegeben, und die Götter Dionysos und Apollon wurden zuweilen effeminiert dargestellt. Aber es waren eben genau das: Ausnahmen.

Insgesamt kommt das griechische Pantheon ziemlich heteronormativ daher. Seien es Zeusdarstellungen, der dem Bildhauer Skopas zugeschriebene Meleager, Adonis, Ares, Herakles oder der Laokoon. Ein um 320 v. Chr. von Lysipp in Bronze gegossener Herakles maß drei Meter und könnte es der Erscheinung nach zu urteilen ganz ohne Weiteres mit einem Mister Universum des dritten Jahrtausends aufgenommen haben. Das Original ist leider verloren, doch glücklicherweise kann man den Muskelprotz in der vom römischen Bildhauer Glykon gefertigten Marmorkopie „Herkules Farnese“ noch heute im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel bestaunen.

Ebenfalls im Archäologischen Nationalmuseum in Neapel befindet sich eine Statue der Aphrodite mit dem klingenden Namen Venus Kallipygos. Das Epitheton kallipygos bedeutet: „die mit dem schönen Hintern“. Der Beiname geht auf die Geschichte zweier sizilischer Mädchen aus Syrakus zurück. Die beiden Schwestern stritten sich, welche von ihnen den schöneren Hintern habe. Ein vorbeigehender junger Mann wurde aufgefordert, als Schiedsrichter darüber zu entscheiden. Er kürte die ältere der beiden Schwestern zur Siegerin und heiratete sie anschließend. Sein Bruder vermählte sich mit der jüngeren Schwester. Die beiden Mädchen, die durch die Ehen reich geworden waren, errichteten daraufhin einen der Aphrodite geweihten Tempel in Syrakus. Die dort aufgestellte Statue blickte über ihre Schulter und versuchte ihren Hintern zu betrachten.

Wer in der heutigen Zeit, in der gefühlt jeder zweite Student der Sozialwissenschaften seine Thesis über queere Menschen schreibt, zwischendurch etwas Luft schnappen möchte, der sollte mit offenen Augen durch eine Antikensammlung gehen und die Kunst der Alten auf sich wirken lassen. Auch Zeichentrickfiguren aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, etwa die 1929 vom amerikanischen Zeichner Elzie Crisler Segar erfundene Kultfigur Popeye, sind erfrischend heteronormativ, wenngleich weniger ästhetisch.

5 Comments

  1. Sehr gut, Jonathan! Man darf nicht vergessen, dass Männer und Frauen ja unterschiedliche Aufgaben haben. Nur in einem konsumorientierten Materialismus kommt es auf Muskeln (Earning Power) an. Insbesondere wenn man an eine sinnvolle Schöpfung glaubt, versteht man, dass Schönheit, Weichheit und Fruchtbarkeit genauso wichtig wie Kraft und technische Intelligenz sind – aber auch nicht wichtiger.

  2. Danke sehr! Klar, die typisch weiblichen Stärken und Attribute sind natürlich genauso wichtig für eine Gesellschaft wie die Muskelkraft der Männer.

  3. Guten Tag,
    Sie haben bei Ihren Ausführungen eine wissenschaftlich fundierte Erkenntnis vergessen:
    Das Gehirn von Frauen ist größer, als das von Männern!
    Da bei Männern die Proteine (siehe Ihr Artikel oben) ja für die Muskelkraft derselben verwendet werden müssen, bleibt dann leider nicht so viel für das Gehirn über.
    Das lässt sich übrigens explizit und wunderbar quer durch die Menschheitsgeschichte belegen, da muss ich als Frau nicht zurück zu den Schimpansen und/oder Bonobos, mit Primaten verglichen werden usw.
    …ach ja, und da war doch noch etwas “im Jahr 2023!!!” : die Erde ist doch keine Scheibe… .

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.