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In der Kiewer Oper

22. August 2023

Nachdem ich eine Gruppe der Internationalen Legion in der Umgebung von Kramatorsk eine Zeitlang begleitet hatte, wollte ich eigentlich einen niederländischen Farmer in der Oblast Tscherkassy im Zentrum der Ukraine besuchen. Ich hatte ihn vor Jahren in einem Irish Pub in Kiew kennengelernt. Gerne hätte ich in einem Interview festgehalten, wie es dem Landwirt seit Ausbruch des Krieges ergangen ist, doch leider reagiert er plötzlich nicht mehr auf meine WhatsApp-Nachrichten. Mir bleiben noch vier Tage im Land, die ich nur ungern mit Müßiggang verbringen würde. Da fällt mir ein argentinischer Freiwilliger ein, den ich ein Jahr zuvor in der ukrainischen Hauptstadt zum ersten Mal getroffen habe. Wir verabreden uns noch für denselben Tag.

Alex (Name geändert) dient in einem Freiwilligenbataillon, das zu Beginn des russischen Angriffskriegs aufgestellt wurde. Zusammen mit einem Brasilianer und einem ehemaligen Bundeswehrsoldaten ist er für die Ausbildung der zumeist ukrainischen Rekruten zuständig. Obwohl die Einheit für spezielle Operationen vorgesehen ist, dauert die Grundausbildung nur einen Monat. Danach dürfen die Absolventen das sandfarbene Barett des Bataillons tragen und an Aufklärungs- und Kampfeinsätzen der Gruppe teilnehmen. Überall dort, wo sie der Militärgeheimdienst der Ukraine braucht. Alex und ich verbringen den Abend im Fitnessraum des Bataillons. Der Argentinier flucht über die prähistorische Langhantel und das seiner Ansicht nach wenig proteinreiche Essen bei der Truppe. Es fehle in erster Linie an Rindfleisch. Hühnchen könne er keins mehr sehen. „Und diese Langhantel“, knurrt er, nachdem er seinen Satz beendet hat, „ist auch das Letzte!“ „Dafür habt ihr hier eine bessere Hindernisbahn, als wir sie bei der Army hatten!“, halte ich ihm entgegen. Die Hindernisbahn sei in der Tat gut, konzediert er. Auch an Munition für die Ausbildung mangele es nicht. Nach dem Monat könnten die jungen Leute ganz passabel schießen, selbst wenn sie zuvor nie eine Waffe in der Hand gehabt hätten, teilt mir Alex mit stolzgeschwellter Brust mit. Vielleicht ist seine Brust aber auch nur wegen des häufigen Bankdrückens so breit. Ich möchte jedenfalls nicht der Russe sein, der sich mit Alex im Nahkampf messen lassen muss.

Am nächsten Tag sollen fünfzig neue Rekruten ihre Grundausbildung beginnen. Ich frage Alex, ob ich die ersten drei Tage der Grundausbildung mitmachen darf. Obwohl weder der Argentinier noch der Brasilianer, der später zu uns stößt, etwas einzuwenden haben, bekomme ich am nächsten Morgen eine Absage. Irgendein hohes Tier in der Einheit hat es verboten. Der Grund: Generelles Misstrauen gegenüber der Presse. Immerhin erfahre ich von Alex noch Näheres über das Schicksal Messis. Er kennt einen anderen Argentinier in der Ukraine, der wiederum Messi kennt. Offenbar konnte sein Bein von den Chirurgen doch gerettet werden, aber er befindet sich knapp ein Jahr nach seiner Verwundung noch immer in Reha.



In Kiew merkt man vom Krieg vergleichsweise wenig. Luftalarm gibt es freilich. Auch sind die nächtlichen Ausgangssperren noch in Kraft, Monumente mit Sandsäcken geschützt, aber ansonsten geht das Leben in der Metropole weiter wie vor der Invasion. In der nach dem ukrainischen Dichter Taras Schewtschenko benannten Nationaloper soll Giselle aufgeführt werden. Ein Ballett in zwei Akten zu der Musik des französischen Komponisten Adolphe Adam. Es ist eines der wenigen Ballette aus der Epoche der frühen Romantik, die sich noch immer im Repertoire der großen Häuser befinden. Ich beschließe hinzugehen, obwohl ich keine passende Garderobe im Seesack habe. Man wird es mir schon nicht verübeln in einem Land, in dem der Präsident zu jeder Gelegenheit einen Pullover trägt.

Als sich das vom deutsch-baltischen Architekten Viktor Schröter zwischen 1898 und 1901 erbaute Opernhaus langsam zu füllen beginnt, spielt das Orchester bereits, um das Publikum auf die Vorstellung einzustimmen. Worum es in dem Bühnenstück geht, ist schnell erzählt. Giselle lebt mit ihrer Mutter in einem Dorf. Der örtliche Förster Hilarion hat ein Auge auf sie geworfen, doch sie erwidert seine Gefühle nicht. Stattdessen verlieben sich Giselle und der als einfacher Bauer verkleidete Prinz ineinander. Das Problem: Der Prinz ist bereits mit einer Edelfrau verlobt, wobei davon auszugehen ist, dass die Verbindung arrangiert ist. Der eifersüchtige Hilarion entdeckt jedoch das versteckte Schwert des Prinzen. Auf dem Höhepunkt eines Festes, auf dem Giselle mit ihrem Geliebten tanzt, lässt er dessen wahre Identität auffliegen. Der Prinz versucht zunächst zu leugnen, als aber der Förster die Verlobte des Prinzen herbeiruft, kann dieser seine Identität nicht länger verbergen. Giselle verliert den Verstand und bricht schließlich tot zusammen.

Der Charakter der beteiligten Hauptpersonen wird in verschiedenen Versionen höchst unterschiedlich dargestellt. Im historischen Original ist der Prinz sympathisch und tatsächlich in Giselle verliebt. Auch die Verlobte des Prinzen ist eine freundliche Dame, die Sympathie für Giselle empfindet. Nach der Russischen Revolution wurden diese beiden aristokratischen Figuren aus ideologischen Gründen zu selbstsüchtigen, hochmütigen Charakteren umgedeutet, während man den eifersüchtigen und zerstörerischen Hilarion als edle Figur aus dem Volke präsentierte. Auch im Westen wurde diese Umdeutung teilweise übernommen. Die ukrainische Nationaloper hat sich selbstredend am vorbolschewistischen Original orientiert.

Jonathan Stumpf

Jonathan, dem der Libertarismus als geborenem Ami eigentlich in die Wiege gelegt wurde, benötigte dennoch einige Umwege und einen Auslandsaufenthalt an der Universiteit Leiden, um sich diese politische Philosophie nachhaltig zu eigen zu machen. Zuvor hatte er bereits im Bachelor auf Staatskosten zwei Semester in Rumänien zugebracht. Wie jeder Geistes- oder Kulturwissenschaftler mit Masterabschluss, der etwas auf sich hält, bewegt Jonathan etwas in unserem Land. In seinem Fall sind es Container. Er hat im Sommer 2021 als Decksmann auf einem Containerschiff angeheuert.


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